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Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Viebig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
„Wer ist Ida — ah, Sie sind noch hier?!" Frau Arnheim drehte sich verstört um. „Ah, entschuldigen Sie, ich habe mich hinreißen lassen! Es ist häßlich, nicht die Dehors zu wahren." Ein melancholischer Zug schob ihre Brauen zusammen. „Ich bin ja sonst gut gezogen — sehr gut!" Ihre Oberlippe hob sich, es war ein bittres Lächeln.
Neldas .Herz klopfte, sie fühlte keine Spur mehr der früheren Erbitterung, nur Mitleid; das „Ich bin gut gezogen", gellte es nicht wie ein Aufschrei durch's Gemach, so tonlos es gesprochen war? Bebende Nasenflügel, zuckende Lippen, gewaltsames Heben und Senken der Brust — sp ach das nicht genug, wenn auch die schöne Gestalt ruhig stand und die Stimme gleichgültig klang?
„Verzeihen Sie mir, gnädige Frau, wenn ich zu viel gewagt habe, die Freundschaft für Agnes und — und sie suchte nach einem Ausdruck — „und ein Gefühl der Sympathie für Sie hat mich fortgerifsen. Ich — ich —" sie war doch noch schwach, die Stimme schwankte, Tranen schossen ihr in die Augen.
„Sie sind eine gute Freundin!" Frau Arnheim sagte es langsam, ihr Blick bohrte sich mit einem seltsamen Ausdruck in Neldas Gesicht. „Agnes ist glücklicher als ich!. Ich war nicht gut beraten, ich habe mich verläuft." Schwer ließ sie sich auf die Chaiselongue fallen, stemmte die Arme auf und preßte den Kopf zwischen die Hände. „Nun sitze ich hier, nun habe ich alles, was das Herz begehrt und doch nichts." Sie sagte es murmelnd, wie zu sich selbst, und wiegte dabei den Oberkörper hin und her, als wolle sie sich in Schlaf lullen. „Nun sitze ich hier, nun sitze ich hier! Fräulein Dallmer" — sie hob Plötzlich den Kops — „sagen Sie, Fräulein Dallmer, würden Sie eilten Mann heiraten, den Sie nicht lieben?"
*92 ein!"
Mie Sie das sagen, so rasch und sicher! Ja ich glaube es Ihnen wohl. Aber es tun's doch viele und sind zufrieden. Warum ich nicht?!" Sie riß an ihren Fingern, an denen die Brillantringe funkelten. „Ich weiß nicht, warum ich überhaupt darüber spreche, ich habe einen Ekel an allem!" Ein finstrer Zug entstellte das schöne Gesicht. Mit einem Aufstöhnen preßte Anselma den Kopf in das kostbare Kissen.
Nelda wußte nicht, was sie sagen sollte; eine Art Verlegenheit kam über sie, unschlüssig sah sie nm sich, nur die Sorge für Agnes lieh ihr noch einmal Worte. Sehr sanft, sehr leise flüsterte sie: „Und nicht wahr, gnädige Frau, Sie lassen mich nicht ohne Hoffnung gehen? Lassen Sie mich die Achtung nicht verlieren, ich möchte Sie gern
achten. Sie werden Herrn von Osten von sich weisen, er wird zu seiner Pflicht zurückkehren, Ihr Herr Gemahl
„Schweigen Sie von meinem Mann!" War das ein Lachen oder ein Schluchzen? „Ich bin'das wertvollste Stück seiner Sammlung. Hoffen Sie nichts! Ich verspreche nichts, ich kann nichts versprechen!" Frau Arnheim schüttelte Wild den Kopf, daß ihr die sokgsam gebrannten Locken unordentlich in die Stirn fielen.
„Und ich hoffe doch!" Nelda blieb hartnäckig dab'ei, „Leben Sie wohl, gnädige Frau!" »
Sie gaben sich nicht die Hände zum Abschied, sie schieden mit einer stummen Verbeugung. Beide gleich groß, gleich schlank, standen sich gegenüber wie zwei Gegnerinnen, und es war doch ein Gefühl der Achtung zwischen ihnen.
VI.
„Ist es war, Paul, willst du denn wirklich zu Dallmers hingehen? Oranienburgerstraße 107a III. — siehst du, da steht's in meinem Anschreibebuch! Wo ist die Straße eigentlich? Du könntest doch lieber die freie Zeit benutzen und mit mir und den Kindern mal einen Spaziergang machens Wir haben so wie so gar nichts von dir!" Frau Elisabeth Xylander saß vor ihrem Nähtisch am Fenster und besserte Hosen aus; Karl und Fritz waren tüchtige Reißer, Wilhelm war im Kadettenkorps, mit dem hatten sie nicht viel mehr zu schaffen. Das waren noch ganz dieselben blonden Haare, dieselben Grübchen in Backen und Kinn; auch tote Frau Elisabeth jetzt sagte: „wir haben gar nichts von dir" und das Mündchen aufwarf, war alles noch grade ww vor Jahren in Koblenz draußen auf der Chaussee.
„Komm doch mit zu Dallmers, Elisabeth," sagte Xylander. „Es wäre sehr nett."
„Gott, Paul, was du für Ideen hast!" Sie sah ihn ordentlich mitleidig an. „Du bist so ein kluger Mann und doch gräßlich unpraktisch! Ich kann doch nicht zuerst zu Nelda Dallmer gehen, das sähe ja gerade aus, als ob ich ihr abbitten wollte. Ich! Noch dazu als Verheiratete Nein, sie muß zuerst zu mir kommen; dann will ich ja auch sehr freundlich sein. Dann bist du doch auch zufrieden, nicht? Jetzt muß ich ja selber darüber lachen, daß ich nur jemals gedacht habe, du hättest sie lieber wie mich! So ein dummer Unfinit! Nelda ist gewiß mzwischen 'ne rechte alte Jungfer geworden, ich bin eigentlich sehr neugierig auf sie. Ich kann ihr genau nachrechneii, nahezu 28 — ja 28, das stimmt! Liebe Zeit, da war unsereins anders auf dem Posten, da hatte ich schon vier Kinder — ober waren es erst drei? Laß mal zählen. Zwanzig geheiratet — einundzwanzig Wilhelm — zwuundzwanzig, nein, dreiundzwanzig Vicky - 'ieruudzwanzig Lollo - fünfundzwanzig, ach Gott, da hatten wir das Unglüch, da starb der kleine süße Junge, nur zwei Stunden alt ! Ach, ich dmke immer, wenn der noch lebte, dann waren wir sechs! Sechsundzwanzig, siebenundzwanzigrichtig, vier waren'sl Karlchen wurde geboren, als ich siebenundzwanzig i.ar.


