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als vorher in der THeate'rgNrd'ewbe, so tote e8 aittiere Luft toar>, die sie schon Hier int Borraum umwehte. Ihrer parWngesMigten Schwüle fehlte das Erwartungsvolle, Schweigende der Theaterluft, es war die Atmosphäre des ntaterietten Genusses, der pikante Speisengeruch, der Tust der Importen und teuren Zigaretten, das lebhafte Stimmengewirr, die prickelnde, leichte Musik einer Zigeunerkapelle, verschwommen herüberklingeud.
Als sie den ersten Saal mit seinen kleinen, elegant gedeckter: Tischen durchschritten, röteten sich Lena von Riedings Wangen, Imb ihre Augen begannen zu flimmern.
Ein Kellner glitt ihnen lautlos entgegen mit der feinen Witterung, die dieser Beruf anerzieht, eine Nuance tiefer noch als sonst dienernd. Tie junge Frau reichte ihm eine Karte — eist Wichtiger Blick — eine noch tiefere Verbeugung — gefolgt von Kiner einladenden Hcnrdbewegung.
In einer lauschigen Ecke des Nebensaals war ein kleines Tischchen nur für zwei Personen gedeckt.
Silbern schimmernder Tamast, blastgelbe Rosen 'in schlankem Kristallkelche und in den kunstvoll gefalteten Servietten, hell- Aitzende SektgLser, matter Silberglanz. Eine Stehlampe, von Mattgelber Seide verschleiert.
Ter Befrackte rückte die Stühle zurecht, von den Nebmtischen gaffte die flüsternde Neugier.
Tarliber amüsierte Lena ton Rieding sich köstlich.
,/Sehen Sie, fo etwas.macht mir nun Spaßi, Hans, immer Wieder von neuern, obgleich ichs längst gewöhnt fein könnte, Herrn glauben Sie nicht, daß Sie der erste find, mit dem ich Mir die flehte Extravaganz eines Soupers zu zweien leiste. Es war immer herzlich harmlos und ganz unverfänglich, aber getuschelt Haben die Nachbarliche so wie heut — was meinen Sie, fülr Ms sie uns halten? Für ein junges Ehepaar? Ich glaube kaum. Kar« benehmen rvir uns zu förmlich. Das wäre auch lange nicht pikant genug. Also vermuten sie ein Liebespaar, das gibt weiten Spielraum für ihre Zungen — vielleicht bemerken sie meinen Trauring rind vermisserr den Ihren, welch prickelnder Nervenreiz Mr sie, sie Wittent schon die Eheirrung. Warum haben wir Trauen eigentlich manchmal den Wunsch, für etwas Schlechtes gehalten zu werden? ist doch ein so häßlicher Wunsch. Ich glaube beinah, es ist deshalb, iveil die Herren jene Santen, die nur ein sehr geNtcs Auge gerade von der Dante der ersten MesMschast zu unterscheiden vermag, so sehr verwöhnen — sich Kato zum Beispiel noch nie gehört, daß ein Ehemann sich für feine Frau ruiniert Hat, aber schon sehr ost aus der Ferne mit Angesehen, wie Männer nicht Nur eilt Vermögen, sondern sich selbst M eine Dame verschwendeten, die sie in Uniform nicht zu grüßen pflegten. Niemand, am allerwenigsten die Herren, dürsten sich wundern, wenn ihre Frauen und Töchter jener zweifelhastenj Menschenklasse nachzueiferu suchten, jede Möchte gern den rätselhaften Zauber kennen, der einen Manu zu ihren Füßen zwingt."
-Ohne jede Prüderie blickte sie dem jungen Offizier, während sie sprach, direkt in die graublauen, ehrlichen Angen.
Er brauchte sie nicht zu senken.
,/WH habe gar kein Verständnis für diese Art Zauber, Lena!" K er einfach ohne jede Spur von Selbstgefälligkeit. „Ich
die Frauen sehr, das Leben würde mir ohne sie ganz reizlos xrscheinen, aber jene Welt, ton der Sie sprechen, und sei sie Noch so elegant und verführerisch, für mich hat sie gar Teilten Reiz. Ich rechne mir das nicht als Berdienst an und verurteile die anderen nicht — Mein Gefühl versagt ganz einfach, wenn die Ware käuflich ist."
Ter Kellner unterbrach mit deut ersten Gang ihre lluter- jhaltung. Rate Hummerschalen leuchteten aus grünem Kranze, das erste Glas, Sekt schäumte auf. In dünnen Fäden zog die Kohlensäure eilig hinter den geschliffenen Glaswänden nach oben, silberne Perlen glitten dazwischen, die Geister des' Weines zischelten leise.
Hans von Hassingen flüsterten sie von einer Erinnerung, die ihm so weit schon zu liegen schien, weltenfern.
Eine Wolke trübte seine bis dahin heiteren Züge.
Tie junge Frau bemerkte sie sofort und drohte scherzend Mit dem Finger.
„Ich mag die Hassingeusche Sorgensalte nicht. Fort damit'" ... Er lächelte gezwungen und wohl unbewußt bitter. Da wurde sie ernst. Sie schob ihren Teller zurück und fragte herzlich:
„Sind Sie Mal ehrlich zu Mir, HanS, wie. zu einem guten Freunde! Haben Sie Sorgen?"
■ «eine Stirn färbte sich dunkelrot. Gerade dieser Frau gegen-- Wer wurde ihM ein detailliertes Zugeständnis seiner Verhältnisse lucht leicht, aber er hätte sie durch eine ausweichende Antwort verletzt, und so gab er ihr in kurzen Umrissen ein Bild seines LeutnautSelends. Er hielt sich nicht lange dabei ans, aber gerade
deshalb war das Bild', das et entwarf, so grast Und trvWoA
Am meisten beschäftigte ihn heut das Schicksal des Onkels', der Verlust des mütterlichen Stammguts'.
Und während er in seiner schlichten Sprechweise davon erzählte, wurden Kindererinneruugen in ihm wach, bekamen Farbe und Leben.
Tie großen Ferien Hatte' er mit ddn Seinen immer jaitf dem Gute verlebt.
Er hatte dort auf dem alten Pony, der allen HassiNgenschest Kindern als Reittier gedient, seine ersten Versuche in dieser! edlen Kunst unternommen, er hatte tont morschen Kahn aus auf dem kleinen, schilfumrauschten See die erste Wildente geschossen', im großen Gntswalde an einem heißen Fulimvrgen den ersten Rehdock zur Strecke gebracht.
„O Gott, ich! fühle noch jetzt das Herzklopfen vorher, den bebenden Swlz nachher. Ter Onkel feierte mich bei Tisch sogar mit einem Doast und einer Flasche Matthäus Müller. Er war selber ein eifriger Nimrod, und ich hatte seitdem einen Stein' bei ihm int Brett. Ich durfte ihn überall hin begleiten, in die Felder, wo es so kräftig und süß, nach Korn duftete, das unter der Sense fiel, in den Wald zu den Holzfällern, in die Ställe! — er war ein tüchtiger Landwirt, der überall ein wachsames Auge hatte, aber er kämpfte eigentlich schon seit Großvaters Tode, feit dem Kriege von 1870 vergeblich gegen die Uebermacht ungünstiger Verhältnisse. Ein anderer hätte längst verkauft, aber von einem Besitz, der jahrhundertelang einer Familie gehörte, trennt man sich nicht so leicht — ich mag gar nicht daran denkens wie nahe der Verkauf meiner armen Mutter gehen wird, im stillen hat sie doch wohl gehofft, daß, wenn auch kein Meusdorf, fo doch wenigstens ihr Sohn einst als Herr auf Meusdorf regierest würde." ;
Er schwieg und netzte die trocken gewordene Kehle mit einem! durstig herabgestürzten Schluck tont perlenden Tranke des Ver- gessens.
Sena tost Meding hatte ihm nachdenklich zugehört, währendl sie mechanisch die welkende Rose neben ihrem Teller entblätterte^ Ihre schmalen Brauen waren zusammengezogen, als ob sie scharf über etwas nachdenke. Jetzt hhb sie den Blick in einem wärmest Leuchten.
„Wie furchtbar traurig ist das alles, Hans, mir doppelt verständlich, weil ich nie eine Heimat hatte und mich doch immer verzweifelt nach einer solchen sehnte und noch heute sehne. Die Menschen hab ich immer beneidet, die von ihrer Heimat sprachest uitb gar erst, wenn es die ererbte Scholle war, die schon ihre Voreltern bebaut hätten. Ein altes, unmodernes Gutshaus mit seinen Familienerinnerungen, meinetwegen auch einem Familiest- gespenst, erschien mir ton jeher begehrenswerter als die Villa in Wannsee, in der ich noch heut eine Fremde bin — es ist gar nicht passend, bei einem Karnevalsdiner zwischen Braten und Eis' von solch ernsten Dingen zu reden, aber wir beiden könnens, wies scheint, nicht anders, vielleicht, weil wir nicht oberflächlich Miteinander verkehren können, sondern gern wissen wollen, was hinter der Gesellschaftsmaske steckt — ich wüßte nicht, wann ich je zu! einem Menschen davon gesprochen hätte, daß ich iueber glücklich war noch glücklich bin. Wundern Sie sich nicht, wenn ich dazu lächle, das ist für die lauernde» Augen ringsum; man sagt ja, Frauen können lächeln mit denr Tode im Herzen, es mutz Wohl auch wahr fein, wir sind alle geborene Schauspielerinnen gottlob. Fragen Sie mal in Wannsee und Potsdam, ob ich nicht eine sehr glückliche Ehe geführt habe? Niemand wirb das Gegenteil behaupten, in Wahrheit war Mine Ehe eine stille Tragödie. Mein Mann quälte mich mit wahnsinniger Eifersucht, und meine Begleitung auf seinen tollen Fahrten war eine erzwungene, nicht durch brutale Gewalt, sondern durch verzweifeltes Bitten, dem! ich nachgab, weil ich mich für ihn schämte und auch für mich!. Daß er Mir mißtrauen konnte, beweist schon. Wie wenig er mich kannte. Dieses Mißtrauen verzieh mein Stolz ihm nie, es tötete das laue Gefühl, das sonst vielleicht zu einem warnten und herzlichen geworben wäre. Ich sagte Ihnen schon einmal, daß ich meinen Mann zu lieben glaubte, als ich das Kind erwartete, vielleicht wäre die Liebe geblieben, aber mein Junge starb nadji drei Monaten, dann wurde mein Mann, als ich Wieder Freude am Leben empfand, eifersüchtig auf jedes Höflich-keitslächclu, das ich einem! änderest schenkte, da starb auch Meine fogeuannte Liebe." ,
Sie lächelte noch immer, aber ihre großen, goldbraunen Äugest wüßten nichts baton, sie hatten ein totes Leuchten.
Hans Hassingen fühlte einen Moment in der Gegend deK» Herzens eine Art krampfhaften Zusammenziehens. Ti« trostlosen Augen taten ihm wch. Seine Hand glitt langsam Wer das schimmernde Dümasttuch und umfaßte die nervös spielenden, rosigen Finger.
(Fortsetzung folgt.)


