Ausgabe 
9.10.1909
 
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von Kokosfaser verfingen sich die Tritte unhörbar; es hatte etwas Unheimliches, dieses Nichthören des eignen Schritts, lautlos glitt die Führerin voran. Eine Stille ringsum, die den Atem beklemmt, die etwas Fürchterlichem vvrher- geht. Plötzlich ein gellender Schrei!

Und nun ein wahnsinniges Lachen!

Ein Lachen, so grell, tierisch, schauerlich in seinen hohlen Lunten, daß sich dem Hörer die Haare empor sträuben.

Ramcr blieb unwillkürlich stehen, der Fuß war ihm wie an den Boden geschmiedet; die Führerin wandte sich um.

Kommen Sie nur," sagte sie gleichgültig,das is Nummer elf, die hat mal wieder ihren Raptus."

Ich bitte Sie,^Fran Müller," Ramer fühlte, wie dumpf die eigene Stimme warist das eine Dame? Was fehlt der Unglücklichen?"

Die große stämmige Person mit der blühenden Gesichts­farbe Und den Grübchen in den Backen zuckte die Achseln.

Ja, da is nix bei zu machen! Wissen Sie, Herr Leutnant" sie trat dem jungen Mann näher und tuschelte geheimnisvollNummer elf is ein Fräuleinvon". Ja, ganz vornehm und steinreich hübsch muß se auch ge­wesen sein! Ich sag' Ihnen, Haare hat se, um sich zweimal drin einzuwickeln, aber wenn se den Raptus kriegt, reißt se sich Hände voll ans. Sie sagen, se hätt' eine unglückliche Liebe gehabt: die Familie hat die Heirat nit zugegeben, da is se verrückt geworden und se haben se hier eingesperrt. Se bild't sich ein, se hat en Kind gekriegt, das schleppt se nu immer im Arm herum und singt und iviegt und küßt es. Wenn se so is, dann is se als ganz gut; aber wenn e ein Mannsbild zu sehen kriegt, den Herr Doktor oder duft jemand o je, dann spektakelt se was! Se können ich nit vor ihr retten, se hängt sich ihnen an den Hals und wird zudringlich. Ne, man sollt et nit glauben, daß se mal eine anständige Dam' gewesen ist! Herr Leutnant, da könnt man Stückelcher erzählen haha!" Frau Mittler lachte.Hören Sie, wie se kreischt? Sie werden se gleich in die Zwangsjack stechen da, sehn Sie!"

Aus Nummer elf erklang ein grelles Glockensignal; nach wenigen Minuten kamen zwei Wärterinnen, starke sehnige Gestalten, den Gang herauf gestürzt. Die eine trug eine leinene Jacke ans dein Arm mit unnatürlich langen, nachschleppenden Acrmeln; nun verschwanden beide " in Nummer elf.

Ramcr schreckte zusammen und fuhr mit beiden Händen an die Ohren; das war kein Gekreisch mehr, nein ein Geheul, wildes viehisches Geheul!Um Gotteswillen!" Er fühlte, wie ihm der Schweiß ausbrach und kalte Schauer über den Rücken rieselten.

O, da sind wir dran gewöhnt," sagte seine Führerin ganz behaglich.Jetzt schreit se sich aus und wenn se nach- her nit mehr kann, is se still. Aber kommen Sie jetzt zu der Frau Mama, Herr Leutnant!"

Sie ging voran, unsichern Schritts folgte er, die Kniee zitterten ihm. Der Gang war endlos; Tür auf Tür, Nummer nach Nummer, noch immer das Geheul jetzt Gott sei Dank nichts mehr zu hören! Hier war es ruhiger.

Wie geht es meiner Mutter, Frau Müller?"

O danke, recht gut! Ne, das is eine liebe Dam', wenn se alle so wären, wär' inan hier im Paradies! Ne, wirklich so nett und auch ganz gesund, die kann uns beide noch überdauern, Herr Leutnant! ---So, da wären wir!"

Sie steckte den Schlüssel in's Schloß der letzten Tür und klopfte dann.Se freut sich so, wenn man vorher klopft!"

Sie traten ein.

Das Fenster war vergittert, doch fiel das Licht freund­lich in die Stube, auf das flache Bett in der Ecke mit dem grünen Schirm davor, auf die Chaiselongue, auf den kleinen Tisch und die wenigen Stühle. Die grau tapezierten Wände blickten kahl und nüchtern; kein Spiegel, kein Bild. Am Fenster saß Frau Constanze von Ramer. Sie war Mit peinlicher Sorgfalt gekleidet, die spärlichen Falten des einfachen Wollkleides waren so sorgfältig ausgebreitet, als spreite sich schwerer Damast oder Brokat. Sie saß kerzen- grade und hielt den Kops mit der kleinen Spitzenhaube über dem grauen Scheitel steil aufrecht. Beim Oeffnen der Tür wendete sie sich langsam, so steif und hölzern, als drehe sich ein Automat.

So, Madam/' die Wärterin stieß ihren Begleiter mit dem Ellenbogen und zwinkerte ihm zuhier ist Ihr Sohn! Sagen Se mal guten Tag, Madam!"

Was Mph am ? !"

Gereizt fuhr die Fran am Fenster auf, ihre unstät flackernden Pupillen bekamen plötzlich einen starren Blick, ihr eben noch sanfter Mund verzog sich hochmütig.

Was unterstehen Sie sich?" kreischte sic in den höchsten Tönen.Madam ich bin keine Madam! Wissen Sie nicht, daß ich die Kaiserin von Deutschland bin? Aus die Kniee auf die Kniee!"

Ihre zarte Gestalt zitterte vor Wut, ihre Lippen ver­zerrten sich, sie krallte die ansgestreckten Hände.

Ramer prallte entsetzt zurück.

Die Wärterin blieb gelassen stehen, sic knixte nur mehr- mals hintereinander und gab ihrer Stimme einen kriechend unterwürfigen Klang.

Majestät, verzeihen Se, allerhöchste Majestät, ich habe mich ja versprochen no natürlich: Majestät, attergnädigste Majestät!"

Ah ah!" Die Kranke war sofort ruhig, ein ge­schmeicheltes Lächeln glättete ihr wutverzerrtes Gesicht.Das wollt' ich dir auch raten! Wir wollen diesmal gnädig fein gnädig sein," setzte sie in völlig verändertem Ton hui zu. ,Aber weißt du auch daß ich dich köpfen lassen kann, ja, köpfen lassen kann?" Sie lachte kindisch.Eins, zwei, drei, da fliegt der Kopf herunter! Siehst du, wre er in den Sand kullert? Die Leute schreien hurra! Oder," sie machte eine lauge Pause, ihr Sprechen wurde ern Flüstern, wichtig, vertraulich, sie riß die Augen weit auf und ließ sie scheu im Zimmer umherrollenoder soll ich dich erschießen lassen erschießen lassen?! Hier in den Kopf!" Sie fuhr mit beiden Händen an die Schläfen. Er hat sich erschossen! Huh, erschossen schossen schoßen!"

Sie wiederholte lallend die letzten Silben und schüttelte sich dabei, als würfe sie ein innerer Krampf hin und her,

Ramer lehnte sich dumpf stöhnend gegen die Tür; er glaubte es nicht mehr anhören gn können, er mußte fort- stürzen, nie wiederkehren, Und doch war es seine Mutter, die da wahnsinnig schwatzte.

Huh erschossen schossen huh Huh erschossen!" Dumpf hallten die leeren Wände wieder. Es Ivar nicht mehr zu ertragen.

Majestät!" Die stämmige Wärterin legte der Unglück- nchen die Hand auf den Mund und schob sie mit Gewalt aus ihren Sitz zurück.

.Huh huh schossen schossen"

Still!" Frau Müllers Druck wurde ziemlich unsanft. Keine Fisematenten, Majestät! Sie wissen doch, sonst gibt's was."

Sie erhob drohend den Finger.

Die Wahnsinnige duckte sich geschwind.

Keine Fisematenten, nein, nein" sagte sie ängstlich. Wir find gut, wir sind gnädig," sie erhob schon wieder steil den Kopfwir verleihen Ihnen den schwarzen Ädlerorden mit Eichenlaub, am Bande um den Hals zu tragen!"

_No, das ist ja schön, da dank' ich. Mer nu kucken Se mal, hier is ja Ihr Sohn, der is weit hergekoiumen, der will Sie besuchen."

Frau Müller gab dem jungen Mann einen Wink, näher zu treten.

Kucken Se, hier is er!"

Slh!" Frau Konstanze von Ramer erhob sich feierlich, faßte ihr Kleide mit zwei Fingern und machte eine tiefe abgemessene Verbeugung.Ter Kronprinz! Seien Sie gegrüßt!"

. Aie reichte ihm voller Hoheit die Hand zum Kuß; nnt einer unbeschreiblichen Pein im Herzen ergriff er sie. So standen sie eine Weile und starrten sich an, angstvoll forschten die Augen des Sohnes im Gesicht der Mutter. Sie kannte ihn nicht, keine Spur; leer, fremd der Blick der einst so liebevollen Augen.

Mutter! Kennst du mich nicht, Mutter?"

Seine Stimme verging fast vor Erregung, Dränen dev Verzweiflung füllten seine Kehle; er schluchzte auf, ein ge­preßtes, trockenes Schluchzen.

Wie er sich freut!" kicherte die Kranke.

Haar^^ ihm mit den feuchtkalten Fingern durch die _ ^'Eei"^Majestät, der Kaiser und König, sind verreist (Fortsetzung folgt.)