Samstag den 9. Oktober
1909
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(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
weiter.
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Etwa zwei Stunden später schritt Ranzer hinter einer Wärterin itber den langen Gang im Merten Stockwerke der großen Irrenanstalt zu Sinzdorf. Auf dem doppelten Lauser
Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Viebig.
Leutnant von Ramer saß im Bonner Schnellzug, m Zivil. Neben ihm lagen eine Tüte ititb ein kleiner Veilchenstrauß, sorgfältig in Seidenpapier gehüllt. „Tat Präsent for den Schatz," würde Gottlieb Schmitz sagen.,. Die Blumen waren für keine Geliebte; der Sohn brachte sie der Mutter. So geschah es jedesmal; im Frühjahr waren es Veilchen, im Sommer Rosen, im Herbst leuchtende Astern. Uitb jebe-»» mal steckte die unglückliche Frau die seine Nase rn, dre Bluinen, kicherte und reichte dann mit huldvoller Gebärde d,em Spender die Hand zum Kuß: „Wir geruhen sie anzu- nehmen. Wir danken!"
So würde es auch heute feilt. Rainer seufzte, als er allein int Coups saß; mit einem müden gleichgültigen BUck schaute er durchs Fenster aus das wechselnde Laudschaftv- bild. Da floß der Rhein, breit gleitend; drüben an den Berghänge,i noch kein Grün, grauer Duft über Ufer und Strom. Noch ahnte mau nichts von Lenzherrlichkeit und Sommerpracht {— und wenn auch, es war fa ackeS 0tUC£et Zug fuhr langsamer, die dunklen runden Türme und alten Mauern von Andernach tauchten auf. Da war der Bahnhof — der Schaffner riß die Tür auf, und schob eine Dame nebst einem kleinen Mädchen ins Coups. „Fertig, abfahren!" Ein schriller Pfiff.
Äerqerlich zuckte Rainer zusammen; das fehlte noch — Kinder! Er rückte ganz in seine Ecke und legte dre eine Hand über die Augen, die andere ließ er schlaff hermuer- hünqen.-----Was war das für ent Leben! Schrecklicher als
der Galeerensklave es führt, der, in Ketten geschmiedet, täglich dieselbe Zwangsarbeit tut. War er mcyt auch em Sklave? War die Pflicht M leben - so M leben - nicht schwerer als die Galeerenarbeit eines halbvertierten W
^Ein unsagbar bitteres Gefühl beklemmte ihm die Brust, er schmeckte die Galle auf der Zunge. Warum war er denn auserlesen zu allem Mißgeschick? Was hatte die arme Frau in Sinzdorf verbrochen, daß sie hinter schloß und Riegel in geistiger Nacht saß? Ihr Leben war untadelig gewesen, ein stetes Opfer für Mann und Kinder — gut, saust, fromm - und das der Lohn?! Gott -! Wenn es einen Gott gibt, so ist er blind oder er schläft!
Rainer biß die Zähne aufeinander, er hätte eine wilde Anklage hinausschleudern mögen — pah, «ich das nicht der Mühe wert; alles aus! Er wußte nicht, daß er schwer seufzte, er war versunken in düsterm Bruten. Plötzlich zuckte er zusammen, etwas Weiches, Warmes streifte seme Hand, zwischen den Fingern fühlte er Blumenstengel. Er fuhr auf.
„Entschuldigen Sie nur, o bitte, entschuloigen Sie,
stammelte die ihm gegenübersitzende Dame. „Märtechen, was fällt dir ein? Komm sofort hierher!" _ t
Rainer wußte nicht, wie ihm geschah; in der Hano hielt er ein paar abgeschnittene Blumen, an sein Knie lehnte sich das kleine Mädchen und sah ihm mit großen Augen merkwürdig ernsthaft ins Gesicht. .
„Bist du traurig?" sagte das Kind Mitleidig. „Sei nicht traurig! Mariechen schenkt dir alle Blumen von der Großmama. Mariechen will dir -auch einen Kuß geben!
Sie streckte die Aermchen furchtlos nach dem,fremden Mann aus — ja, das waren Nelda Dallmers ernste graue Augen, auch solch blondes Haar! Ehe die verlegene Mutter wehren konnte, hob Ramer die Kleine auf den Scyoß. Er küßte nicht ihr Gesichtchen, aber er streifte den wollnetz Fausthandschuh voii der kleinen Hand und küßte die, lute er Nelda Dallmers Hand geküßt hatte. .
Die junge Frau hatte ihre Fassung wiedergefunden, ein halb schelmisches, halb verlegenes Lächeln stand , ihr allerliebst. „Mariechen denkt gleich, wenn jemand so da,itzt, wie Sie eben dasaßen, er sei traurig; das tut ihr dann so leid und sie möchte ihm was zu Liebe tun. Sie ist ein drolliges Kind. Komm hierher, Mariechen, du belästigst den Herrn!" ,,,
.Bitte, gnädige Frau!" Er verbeugte sich und ,teilte die Kleine auf den Boden. „Sieh hier, deine Blumen. Ich danke dir vielmals, aber die mußt du wieder nehmen, ich habe ja selbst welche." .
Das Kind schüttelte verneinend den Kopf, daß ihm die wirren Locken in die Stirn fielen.
Das tut sie nicht. Behalten Sie die Bluinen doch, bat die junge Frau freundlich. „Sie sind von meiner Mutter, an ihrem Fenster gezogen — wir waren bet ihr zu Besuch — beim Abschied schnitt sie nur die schönsten ab. Sie bringen Glück!"
Ramer erwiderte nichts mehr, stumm wickelte er die Blumen zu seinen Veilchen und nickte der Kleinen zu. sie saß ihm jeßt gegenüber, ihre sprechenden Augen wandten sich nicht von ihm; es war ihm ordentlich unangenehm. Er mußte immerfort an Nelda Dallmer denken — fo hatte die gewiß als Kind ausgesehen — und in bet.en let g l e ul e Trieb, hier im Kind schon Weib, dort un Weib noch Kutd! Ein Verlangen stieg plötzlich in Ramer mtf, das 5inidm- qesicht da gegenüber zu küssen. Nein, nicht da» Ä tu Der- gesicht, Neidas Gesicht! Er schloß die Augen - lieber md)t§nS wwder eine Station, Mutier und Kind stiegen aus; die Kleine lächelte freundlich und winkte mit dem Händchen. Dann waren sie fort. Noch einmal schimmerte das rote Mützchen auf deut Perron. Der Zug schnaubte


