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Und wann einmal laut den guten alten Michel Sieben, daß der noch einmal geheiratet hatte und noch dazu so eine junge Frau. Und er verwünschte die junge Frau von Herzen mit.
Als er einmal die Milchflasche zerbrochen und das Kind zu sehr gewiegt hatte und die Milch hatte überkochen lassen, fuhren ihm von der Meisterin ein paar Donnerwetter und Esels- und Schafsköpfe an den Kopf. Und als ihm mal der Reiserbesen nachflog, aber nicht traf, machte er der Meisterin eine Nase und streckte ihr die Zunge heraus. Vou da au hatte er's bei der Meisterin total verschüttet. Der Meister hieb ihm ciu paar Mal links und rechts hinter die Ohren, daß ihm Hören und Sehen verging. Das war nicht das schlimmste. Einmal geschah es mit Grazie — denn der Michel Sieben war ein Schneider! — und der Peter, obgleich er den ästhetischen Wert solches Ohrfeigens noch nicht voll zu würdigen gelernt hatte, nahm's mit einigem Respekt hin und rieb's als tapferer Schneider tapfer ein. Aber daß ihn die Meisterin von nun an bei jedem armen Käsebrot kürzte, und daß sein kleines Stückchen Fleisch jedesmal auch noch einen Knochen enthielt, das schmerzte ihn bitter. Aber er hielt's aus. Auch seine Ueberzeit hielt er aus, und die dauerte noch zwei geschlagene Jahre. Denn weil er ein armer Teufel von Hans ans war, mußte er für seine Lehre einstehen und dem Michel Sieben als Geselle gegen freie Kost arbeiten. Ja, er tat's, und als er nach Ablauf seiner Zeit in die Fremde ging, schied er gut von: Meister und auch von der Meisterin, deren Gunst er sich in der letzten Zeit noch besonders dadurch erworben hatte, daß er dem kleinen Michel, der nun schon ziemlich Hosen zerriß, aus abgelegten Kleidern des Vaters die schönsten neuen schneiderte. Das hatte der Meisterin die innigste Versöhnung abgerungen.
Am Abschiedsmorgen stellte sich der alte stolze Michel Sieben sehr vornehm vor den Peter hin, strich seine grauen Bartkoteletten zärtlich und sein, teilte seine dünnen Haare mit stinken Fingern zum Scheitel und sagte:
„Du gehst jetzt in die Fremde, Peter. Du wirst deinem Meister für die Mühe, die er mit dir gehabt hat, danken, du wirst ein braver Schneider sein, fleißig und tüchtig und deinem Meister Ehre machen. Du hast was bei mir gelernt und ich setze meinen Stolz auf dich. Und wenn dir nach Jahren wiederkommst — wer was lernen will, darf nicht nur heut und morgen in die Fremde gehen — wenn du nach Jahren wiederkommst und bist geworden, wie ich mir's denke, Peter, und ich lebe noch, so Gott will, sollst du mir willkommen sein. Das sag ich, dir zum Abschied, Peter, und nun geh mit Gott! Gott segne das ehrsame Handwerk!"
Ordentlich weich war's dem guten Peter ums Herz geworden. Ordentlich gerührt war er, und in den Wim- perir preßten sich ein paar Tränen und in der Kehle stak ihm ein Schluchzen.
„Fort —- in die Fremde!" spracht auf einmal gewichtig in ihm. „Wie wird dir's gehen, Peter? "
Er hätte gleich dableiben mögen. Aber er ermannte sich. Einen tüchtigen Ruck kostete es ihn schon.
Und dann trollte er auf der Pariser Straße hin, nach Mainz zu. Er sah nicht nm. Als ob ihn was zurückziehen könnte, wenn er's täte. Nur draußen am letzten Haus könnt er's doch nicht über sich bringen. Wenn er mal um die Ecke wäre, würde er sein Dorf nicht mehr sehen.
Sein Dorf! Was ihm jetzt nicht alles einsiel. Gassen auf, Gassen ab ging sein Sinn. Dies Hans und dies Haus. Und die und die Menschen. Nicht liebere als der Michel Sieben und die Meisterin und die Kinder. Dann seine paar Freunde. Der eine war ja nun auch schon draußen in der Welt. Fremd! In der Fremde!
Es lag ihm schwer auf dem Herzen.
Und wenn er um die Biegung wäre, würde er sein Dorf nicht mehr sehen, die Kirche nicht, die Häuser nicht, die Straße nicht, nicht das Hans vonr Meister Michel Sieben und die Schmiede mit den drei großen Hufeisen, die heraushingen, und nicht die weiße Birke und den großen dunkeln Zypressenbaum in Doktor Wagners Garten.
Und er sah noch mal um.
Da lag die Straße, wie sie alle Tage gelegen hatte, nicht feierlich und nicht traurig. Da gingen die Menschen und Fuhrwerke her und hin, der Rauch stieg aus den Schornsteinen und verflog — wie alle Tage.
Nichts war verändert, und doch wat einer gegangen eben, der so lange dazu gehört hatte, zu alldem, das da
vor ihm lag, und selbst ein Teil davon war. Und »ich war doch keine Lücke.
Der Peter fühlte das. Keine Lücke, nichts mehr, nichts weniger, der gleiche Gang wie alle Tage. WUs lag an dem einen! Und doch — es war sein Dorf. Stärker als jej fühlte er das: sein Dorf!
Da mußte er sich wieder einen Ruck geben. Er ging ein paar Schritte in Sinnen. Dann pfiff er sich ein munteres Liedchen. Und als er drunten in der Mulde war, da fühlte er sich richtig stark und fest. Und er konnte! was zum „Abschied" singen, es würde ihm nichts tun. Er sang fast freudig, mehr fest als gerührt:
„So leb denn wohl, du stilles Haus,
Wir ziehn betrübt von dir hinaus, Wir ziehn betrübt und traurig fort, Noch unbestimmt, an welchen Ort."
(Fortsetzung folgt.)
Der Magister.
Bote Wilhelm Krag.
Autorisierte Uebcrsctzung aus dem Norwegischen von Frida G. Boge l.
(Nachdruck verboten.).
Es geschieht heutzutage manchmal, daß die Leute um dis Dämmerstunde am Herbstabend etwas Wunderliches die Landstraße draußen, wo einmal das sogenannte Paradies lag, entlang huschen sehen können. Es sieht aus wie. ein winziges Männchen auf einem winzigen Pferd, und es huscht lautlos auf dem Grasrand des Weges entlang. Aber immer, wenn es so nahe kommt, daß die Leute nachsehen wollen, wgs es sei, so ist es mit einSf fort — verschwindet hinter einem Stein, einem Baum oder unten im Graben.
Alle, die das gesehen haben, sind darin einig, daß der Maust ungewöhnlich klein von Gestalt ist und einen großen Mantel mit die Schultern hat, und an dem Hut, sagen manche, stecke eine schwarze Feder. Und das Pferd sei nicht größer als eine leidliche Sau.
Es geschieht wirklich heutzutage manchmal mitten in unsere« aufgeklärten .Zeit, daß die Leute dies Wunderliche längs des Wegrandes zu sehen meinen; und wenn jemand am Abend hastig und atemlos hereinkommt und erzählt, daß es wirklich so besonder- lich unten auf dem Wege abends wäre, so lachen alle in dep. Stube und sagen tut Chor: „Haha! Das ist vielleicht der Magister. den du gesehen hast!"
Das ist nun bloß eine Redensart von den Leuten — si« wissen garnicht, daß dort draußen vor vielen langen Zeiten, ein Magister gelebt hat — Magister Emil Musaeus auf Liselust.:
Das heißt: Magister war er nun garnicht, der kleine Musaeus. So nannten ihn nur alle. In Wirklichkeit war er nichts weiter als Student; obgleich das ja in jenen Tagen durchaus nicht etwas gewöhnliches war, wie es jetzt ist.
Nun konnte übrigens dieser Student sowohl Magister wie noch vieles andere geworden sein, wenn ihm das Glück nicht von Anfang an zugelächelt hätte und wenn er nicht in seinem ersten Studentenjahr seines Lebens Schutzengel und große Liebe getroffen hätte, Jungfrau Life Hortensia Federsen, einzige Tochter des steinreichen Grünkramhändlers in Kopenhagen.
Ter kleine kraushaarige Student wohnte in der MausardZ bei dem Grünkramhändler, und da saß er und sang mit seiner hellen Flötenstimme vom frühen Morgen bis zum späte» Abend.: Sowohl der Grünkramhändler als auch besonders seine schwärmerische und riesengroße Tochter Life waren musikalisch. Ter Grünkramhändler sang und Jungfer Life schlug die Harfe.
Es dauerte deshalb nicht lange, bis der junge Student Musaeus ein täglicher Gast im Hause des Grünkramhändlers war. Tst wurde gesungen und da wurde gespielt, da wurde deklamiert und da wurde geschwärmt, und kein Wunder deshalb, daß sieh die beider- jungen Menschen sterblich ineinander verliebten.
llnd der Grünkramhändler? Ja, er war wahrhaftig beinah« ebenso verliebt in den Studenten, wie es die große Life waw Und des Grünkramhändlers Frau, die nicht so musikalisch war, aber als Ersatz einen soliden Ehrgeiz besaß, sie war auch wohl zufrieden mit dem kleinen, zierlichen, hübsch gekleideten Burschen mit dem feinen Namen.
„Emils Vater ist reetor seolae und Ritter vom Tanebrog", sagte Madame Federsen und brüstete sich, als ob sie den Tanebrog auf ihrem eigenen schwellenden Busen zittern fühlte.
Emil Musaeus hatte niemals einen Hang zum Studium gefühlt; dazu war sein Interesse für die schönen Künste allzustark.: Und nachdem er Jungfer Life getroffen und sie ihm ihre groü« Hand geschenkt hatte, wurden die Bücher jetzt gänzlich bei Sette geschoben.
- Die Beiden dachten garnicht an seine Zukunft und der Grün- kramhandler, der ein guter Mann war und feine Goldfuchs« kannte, lachte und ließ die beiden Jungen fchwärmen; es war


