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höhere Gesetze.
BM Henry D. Thore Nu.*)
Während ich am Walden-Teich wohnte, wünschte ich ab und Zu! in meine Speisekarte durch Fisch etwas Abwechselung zu bringen. Ich fischte also tatsächlich ans' demselben zwingenden Grunde lute die ersten Fischer. Was ich an Huinanitätsgef'nhl'en dagegen mobil machte, war eitel Künstelei und ging mehr meine Philosophie als mein Empfinden an. Ich, spreche jetzt nur vom Fischer, denn über die Vogeljagd habe ich meine Ansichten schon vor langer Zeit geändert. Meine Büchse verkaufte ich, bevor ich in beit Wald zog. Ich glaube nicht weniger human zu sein als andere Menschen, ich bemerkte nur nicht, das; meine Gefühle stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Ich bedauerte weder die Fische noch die Regenwürmer. Das machte die Gewohnheit. Wenn ich auf die Vogeljagd ging, so entschuldigte ich mich in den letzten Jahren, wo ich eine Flinte besaß, mit dem Studium der Ornithologie. Nur auf mir unbekannte seltene Vögel kam es mir an'. Allerdings muß ich gestehen, daß ich darüber jetzt anderer Ansicht bin. Ornithologie läßt sich ja auch auf eine würdigere Weise betreiben. Diese Methode verlangt eine weitaus schärfere Beobachtung der Gewohnheiten der Vögel, daß ich schon aus diesem Grunde gern auf -mein Gewehr verzichtete. Und wenn auch die Humanität Einspruch erhebt: Ich zweifle, ob diese körperlichen Uebungen je durch etwas gleich Wertvolles ersetzt werden können. Drum habe ich auch einigen meiner Freunde, die besorgt mich fragten, ob sie ihren Jungen das Jagen erlauben sollten. Ja! geantwortet und zugleich mich erinnert, daß die Jagd eilten der besten Teile meiner Erziehung bildete. Erzieht die Jungen zu Jägern! Mögen sie's auch anfangs nur dilettantisch betreiben, vielleicht werden sie dereinst gewaltige Jäger, denen kein Wild in diesem oder in irgendeinem andern Urwald groß genug ist: Menschenjäger und- Menschenfischer.
In der Geschichte des Individuums wie der Menschheit gibt es eilte Periode, in welcher die Jäger „die besten Menschen" sind. So wurden. sie von den Algongninern genannt. Den Knaben, der nie eine Flinte abtnallen durfte, kann man nur bedauern. Er wurde dadurch nicht humaner, nein, seine Erziehung wurde arg vernachlässigt. So lautete meine Antwort in Betreff dieser jungen Leute, die sich nach einer Beschäftigung sehnten, über die, sie, wie ich hoffe, bald hinauswachsen werden. Ein „guter" Mensch wird, wenn er über die gedankenlosen Knabenjahre hinaus ist, mutwillig fein Geschöpf töten, dessen Leben von den gleichen Bedingungen abhängig ist wie sein eigenes. Der Hase schreit in seiner Todesangst wie ein Kind-. Ihr könnt mirs glauben, Ihr Mütter: mein Mitgefühl macht nicht immer die landläufigen Philanthropischen Unterschiede.
Solchermaßen wird meistens der junge Manu in den Wald und in' den am wenigsten bepflanzten Teil seines Jchs eingeführt, .vier i|t er nur Jäger und Fischer, bis er endlich, wenn er den Samen zu einem edleren Leben in sich trägt, sein wahres Feld entdeckt und, vielleicht als Dichter oder Naturforscher, Flilite und Angelrute beiseite legt. Die große Masse der Menschen war und- ist in die,er Beziehung ewig jung. In manchen Landen ist em lügender Priester durchaus feine Seltenheit. Man kann ihn dann wohl mit einem guten Schäferhund vergleichen, ein guter Hirte aber ist er sicher nicht. Zu meinem Erstaunen mußte ich erfahren, daß, mit einer einzigen Ausnahme, die einzige Beschäftigung-, die meines Wissens je am Waldeusee einen halben Tag lang von meinen lieben Mitbürgern, von den Kindern und Vätern der Stadt, ausgeübt wurde, Fischerei war. Vorn Etsschneiden, Holzfällen usw. sehe ich dabei natürlich -ab. Hatten diese Menschen nicht eine grobe Anzahl Fische gefangen, so waren sie überzeugt, daß das Glück ihnen nicht hold gewesen sei, daß ihre Zett sich schlecht bezahlt gemacht habe. Und dabei bot sich ihnen wahrend der ganzen Seit Gelegenheit, den See zu be- I trachten! öie müssen vielleicht tausendmal dorthin gehen, bevor I oitä «ebimeitt des Fischens zu Boden gesunken ist und ihre Absichten I sich geklärt haben. Der Gouverneur und feilt Rat erinnern sich dunkel an den Teich, denn als sie noch Knaben waren, kamen sie zum Ftichen hierher. Jetzt sind- sie natürlich zu alt, zu würbe« voll, um noch -zu fischen und darum kennen sie ihn überhaupt nicht mehr. Und auch sie hoffen dereinst in den Himmel zu kommen! Die Regierung beschäftigt sich nur bmtit mit dem Teich, wenn es gilt, die Anzahl der Angelhaken festzusetzen, die hier gebraucht werden dürfen. Sie weiß nichts von der Angel aller Angeln, mit welcher der Teich selbst gewonnen werden kann, wobei die Regierung als Köder dient. So geht auch- in zivilisierten Landen ber Embryomensch in seiner Entwickelung durch das Jägerstadium.
. Ich habe in letzter Zeit mehrfach gefühlt, daß ich nicht Mchen fonnte, ohne in meiner Selbstachtung etwas z>t sinken. Ich habe es immer und immer wieder versucht. Ich bin ganz geichickt bei dieser Tätigkeit und besitze wie mancher meiner Bekannten einen gewissen Instinkt dafür, der von Zeit zu Zeit wieder auflebt. Aber hernach denke ich immer: besser luiir’S gewesen, du hättest nicht gesischt. Ich glaube uichl, daß ich mich dann irre. Es ist nur ein leises Ahnen, dem ersten Licht- Itreifert am Morgenhimmel zu vergleichen. Zweifellos lebt in
. *) Alks „Walden" oder Leben in den Wäldern, Jena, E. Die- stichst
Mir jener Instinkt, welcher den niederen Wesen der Schöpfung eigen ist lind- doch werde- ich von Jahr zu Jahr weniger Mäher, ohne mehr Mitgefühl oder Verstand- zu besitzen. Jetzt habe ich die „Fischerei gänzlich aufgegeben. Müßte ich indessen in einer Einöde leben, so würde ich aller Wahrscheinlichkeit nach wieder ent) echter Fischer oder Jäger Werbern Außerdem aber «astet dieser Nahrung und- jeder Fleischkost etwas wirklich Unreines an, und- allmählich lernte ich begreifen, wo die Hausarbeit anfängk, „woher der kostspielige Wunsch stammt, jeden Tag cin neues und- sauberes Aeußere zu zeigen, und das Haus gesund und frei von jedem üblen Geruch und- Anblick zu halten. Ta ich mein eigener Schlachter, Küchenjunge und- Koch und zugleich auch der Herr war, für den- alle Speisen anfgetragen wurden, w kann ich, aus ungewöhnlich großer Erfahrung sprechen. Der praktische Einwand- gegen animalische Nahrung- war in meinem Falle ihre Unreinlichfeit. Außerdem fühlte ich mich meistens durchaus nicht gesättigt, wenn ich meine Fische gefangen, gereinigt und gegessen hatte. Es kam mir vor wie etwas Unbedeutendes, Unnötiges, das so viel Mühe nicht verdiente. Einige Scheiben Brot oder, eilt' paar Kartoffeln hätten bei weniger Arbeit und Schmutz die gleichen Dienste geleistet. Wie manche meiner Zeitgenossen hatten viele Jahre laug kaum irgendwelche animalische Nahrung, auch nicht Tee, Kaffee oder dergleichen, genossen. Nicht weil diese Dinge irgendwelche unangenehme Wirkung bei mir hervorriefen, sondern weil sic meinem Gefühl, meiner Vorstellung nicht zusagten. Die Abneigung gegen animalische Nahrung remitiert nicht aus der Erfahrung, sondern wurzelt im Instinkt. Theoretisch hielt ich es für richtiger, bei einfacher Nahrung in mancher Hinsicht dürftig zu leben: und- wenn ich mich auch praktisch nicht dazu entschließen konnte, wünschte ich doch- meine Sinne zufrieden zu stellen. Ich glaube", daß gerade die Menschen, welche ernstlich Wert darauf legen, ihre edleren oder poetischen Fähigkeiten im besten Zustande zu erhalten, animalische Nahrung und größere „Nahrungsmengen in irgendwelcher Art überhaupt vermeiden. Es ift eine wichtige, von Entomologen festgestellte Tatsache — ich verweise auf Kirby uud- Spence ■—, daß „manche vollentwickelte Insekten, obwohl sie mit Freßwerkzengen ausgestattet sind, keinen Gebrauch davon machen". Sie behaupten ferner, es sei eine allgemeine Regel, daß fast alle Insekten in diesem Zustand- viel weniger fressen als im Larvenzitstand. „Die gefräßige Raupe, die sich in einen Schmetterling verwandelte" — „und die gierige- Made, welche zur Fliege wurde" —, sind- mit einem oder zwei Tropfen Honig oder mit irgendeiner anderen süßen Flüssigkeit zufrieden. Das Abdomen unter den Flügeln des Schmetterlings stellt noch immer die Larve vor. Das ist der Leckerbissen, der sein insektenfressendes Schicksal reizt. Wer viel isst, gleicht einem Menschen im Larvenzustand-. Es gibt ganze Nationen, die sich in diesem Zustande befinden, Nationen ohne Ideen, ohne Phantasie, Man kann sie an ihrem aufgetriebenen Abdomen erkennen.
Der Erwerb "und- die- Zubereitung einer Diät, die so einfach und- zuträglich- ist, daß die Sinne nicht durch sie beleidigt werden, ist schwierig. Tie Sinne aber sollen meiner Ansicht nach zugleich mit dem Körper ernährt werden. Beide sollen von demselben Tische speisen. , Ist denn das unmöglich? Wenn wir Früchte in müßiger Weise genießen, so brauchen wir uns unseres Appetites nicht zu schämen, noch zu befürchten, unsere höchsten Ziele aus den Augen zu verlieren. Fügt man aber ein Extragewürz zu einem Gericht, so wird- es uns vergiften. Es lohnt sich sicherlich nicht, „seine Küche" zu führen. Den meisten Menschen würde es Peinlich sein, wenn man sie bei der eigenhändigen Zubereitung! jener „Mahlzeit überraschte, die sie sich täglich, fei es aus vegetabilischen, sei -es L«s animalischen Bestandteilen von anderen Herstellen lassen. Solange so etwas möglich ist, sind- wir nicht zivilisiert. Mögen wir uns auch- Herren und- Damen nennen, wir sind- trotzdem keine- echten Männer und Frauen. Dies beiltet sicherlich an, wo Wandel geschaffen werden muß. Warum die Sinne sich nicht mit Fleisch und Fett auszusöhnen vermögen, scheint mir eine nutzlose Frage zu sein. Mir genügt die Tatsache, daß es unmöglich ist. Der Mensch ein fleischfressendes Tier! Ist das lein' Vorwurf? Allerdings: er kann leben, er lebt zum großen Teil, indem er andere Tiere verzehrt. Doch ist es ein klägliches Unterfangen, und jeder, der "Kaninchen jagt oder Lämmer schlachtet, kann sich davon überzeugen. Wer aber lehrt, sich auf eine unschuldigere und zuträglichere Nahrung zu beschränken, der wirb als ein Wohltäter seines Volkes betrachtet werden. Ganz- abgesehen von meinem, persönlichen Standpunkt zu dieser Frage bezweifle ich nicht, das; in der"allmählichen Weiterentwickelung der Menschheit auch der Zeitpunkt kommen wird-, wo- Tiere nicht mehr verzehrt werden. Die Wilden haben aufgehört, sich untereinander aufzufressen, wenn sie mit zivilisierten Völkern in Berührung kamen.
Wer aber auf die leisen-, beharrlichen und- sicherlich wahren' Ratschläge seines Genius horcht, der weiß nicht, bis zu welchen Extremen, ja bis' zu welchem Wahnsinn sie ihn führen mögen. Und- doch: wird- er mutiger, treuer, dann liegt sein Weg in dieser Richtung. „Ein noch so geringer aber berechtigter Einwand, beit ein gesunder Mann empfindet, wirb schließlich über alle Beweisgründe und Gebräuche „des Menschengeschlechtes triumphieren, Noch nie ist ein Mensch durch seinen Genins irre« geführt worden. Und- mag das Resultat auch bisweilen körper-


