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Als sie eines Tages gewahrte, wie Jak mit Jans Hilfe einen Rinnstein legte, kannte ihre Wnt keine Grenzen.
„Bin ich Herr hier oder du?" fragte sie bebend vor Zorn.
„Ich," sagte Jak. Er richtete sich hoch ans und sah sie an mit dem Blicke eines Tierbändigers.
Die Alte duckte sich, als ob sic einen Schlag ans den Kopf bekommen hätte.
„Er schmeißt ja mit seinen Augen herum wie nichts Gutes! Das geht einem ja durch und durch! Ter Mensch ist köinpabel und bringt einen noch mal von der Welt."
So murrte die Alte, während sie mühsam davonschlich.
Jak ging weiter — Schritt für Schritt.
„Wir müssen uns eine Dienstdeern mieten", sagte er mittags bei Tisch. „Es geht nicht mehr, das kann ja kein Schwein fressen, was du da zurechtgeschmort hast." Mit einer Gebärde des Ekels schob er die Specksuppe mit den grauen Buchweizenmehlklößen von sich.
„Komm mir bloß mit 'ne Dienstdeern", knurrte Mamsell. „Die jage ich vom Hof, ehe sie ihr Bündel aufgeschnürt hat. Ich — ich kann noch was." — Gilt Hustenanfall schnitt ihre Rede ab.
Jak beachtete die Entgegnung der Alten nicht. Er tat ebenso vergnügt, als wenn die "Tante gesagt hätte: Ja, mein Jung, wir mieten eine Deern. In ruhigem Tone wandte er sich jetzt an Jan.
„Sonntag sollen wir nach Bäkhof zur Gesellschaft," sagte er, „ich traf den Bäkhöfer gestern abend im Kirchspielkrug; da hat er mich gleich genötigt. Du sollst auch mit= kommen; um vier Uhr geht die Geschichte schon los."
„Ich auch?" fragte Jan bestürzt. „Was soll ich da?" „Essen und trinken und lustig sein. Was sonst?" Trienlieschen hatte still auf der Lauer gelegen wie eine Katze. Jetzt sprang sie mit spitzigen Worten dazwischen.
„Gastereien", schrie sie, „das fehlte gerade noch. Kommt bloß mir nicht mit so was. Wir kriegen unser Schwein allein auf. Wie kommt bloß Klaas Nissen überhaupt dazu, euch zu nötigen? Er hat wohl 'n Spliehn?"
„Na, er ist unser nächster Nachbar, da kann er uns wohl nicht gut umgehen", meinte Jak. „Dann hat er auch drei Töchter, die sind, alle drei nicht vom jüngsten und- schmncksten."
„Ha, denkst du an so was?" rief Trienlieschen. „Bring mir bloß nicht so'n Frauensmensch ins Haus. Mit dem Schrubbesen jag' ich sie vom Hofe."
„Hab' keine Angst!" Jak lachte und zeigte dabei seine weißen Zähne. „Wenn ich einmal eine freie, dann wird es sicher keine vorn Bäkhof, denn nehme ich mir eine, die ling hat."
Trienlieschen fand vor Wut feine Entgegnung mehr. Aber in ihrem verwitterten Gesicht zuckte es. Sie und Jak maßen sich mit Blicken, in denen grausamer Haß loderte.
Jan dachte im stillen: „Jak hat doch eigentlich viel Aehnlichkeit mit der Tante." Worin aber diese Aehnlichkeit bestand fand er rricht heraus, denn die Tante schlich aus der Stube, und Jak nahm den Tabakskasten urrd stopfte sich die Pfeife. ...
Am Abend gingen die beiden jungen Leute zusammen ins Dorf. ~ Irr der Straße trennten sie sich. Fak trat in den Kirchspielskrug, Jan aber ging weiter zum Kantor.
Hier umfing ihn die alte Gemütlichkeit. Arrf der bunten Tischdecke stand die Majolikalampe mit deni gestickten, grünen Lampenschirm. Ter Tisch war an den Ofen gerückt, und der alte Kantor wärmte seine Füße an dein Hellen Torf- feuer. Ein Dust von gebratenen Aepfeln durchzog die Stube.
„Es ist kalt draußen; hier ist es schön warm," sagte Jan, als er cintrat. Weil es auf Spätinghof so kalt und unfreundlich ivar, kau: ihm das Kantorhaus doppelt warm und traulich vor.
Man rückte zusammen. Jan erhielt einen Stuhl neben dein Kantor. Franke strickte heute; sie warf ihr Knäuel mit rascher Handbewegung auf den Tisch, daß es bis dicht vor Jans Platz lief. Lachend sah sie auf. i'
„Kommst du auch Sonntag nach, Bäkhof?" fragte fie.
„Ja, du auch?" gab er freudig überrascht zurück.
. „Ja, ich habe ttetieit Lieke Nissen in der Schule gesessen, deshalb besuchen wir uns mitunter noch, sonst verkehre ich nicht mit den Bauerntöchtern. Sie sind alle so reich und so stolz; ich passe nicht dazu." !
„ . „Wir verkehren auch nicht mit den mtiTertt Bauern," rocjte Jan. „Wenn Klaas Nissen nicht unser nächster Nachtbar!. wäre, würde ich nicht hingehen."
Jan log. Und er wurde hinterher rot über seine Luge. Ganz deutlich kam es ifjm zum Bewußtsein, daß er nur Fraukes toegeit hingehen würde.
„Lieber Johann!" sagte der Kantor und tat ein paar Züge aus. seiner Pfeife. „Lieber Johann!" Er redete Jan noch immer wie den früheren Schulknaben an. „Man sollte denken, wenn ein jünger Baum stämmig würde, müßte er anfangen, Früchte zu tragen. Du kommst nun tu die Fahre, wo man etwas von dir erwarten kann." Ter alte Herr sah ihn über seine Brille ernst und gütig an.
„Ja, ja," sagte Jan rot und verlegen.
„Soldat wirst du wohl nicht?" warf die Kantorsfrau ein.
„Nein. Die Tante hat ja alles mögliche aufgestellt. Beim Lehnsmann ist sie gewesen und beim Doktor." Jan redete sich über seine Verlegenheit hinweg. „Ich bin in den Ersatz gekommen. Ich weiß wahrhaftig nicht, warum ich nicht Soldat werden soll; so schwach bin ich doch nicht!"
„Na, du bist auch wohl nur mit genauer Not freige- kommen," sagte Frau Steffens. „Das war wieder so eine von Mamsell ihren Nicken. "
„Wer kriegt denn nun den Hof, wenn sie stirbt?"
„Ich denke Jak, er ist ja der Aelteste," antwortete Jan zögernd.
„Aber das wäre doch himmelschreiendes Unrecht! Wo bleibst du denn?"
„Ich weiß nicht, der Hof läßt sich doch nicht teilen,"» meinte Jan niedergeschlagen. Er hielt den Blick auf Fraukes Knäuel gerichtet, das sich zierlich vor ihm hin und her drehte,
„Gedenkst du mal auf Spätinghof zu sterben?" fragte der Kantor.
„Gott, Vater, was für Gedanken!" rief die Frau.
„Ja, Mutter, wir beide wollen doch, so Gott will, mal in diesem alten Hause sterben. Mit Johann aber ist es etwas anderes. Er ist ein junges Blut; er hat noch das Leben vor sich."
" Jan ließ seine Blicke in dein trauten Raume uinher- schweifen, und er dachte, daß es sich wohl gut und sanft in diesem alten Hause sterben ließe; als aber je ine Gedanken hinüberflogen nach der kahlen, düsteren Stube auf Spätinghof, überlief ihn ein Schauder.
„Nein!" sagte er fast heftig. „Nein!" Sein Blick traf Frauke, die von ihrem Strickstrumpf anfsah und ihm zunickte.
„Ja, ja," fuhr der Kantor fort, „der Baum hat seinen Stand, und ob er nun viel oder wenig Früchte trägt, das richtet sich danach, ob er einen guten Boden und ordentliche Sonne hat. Ter Mensch aber braucht nicht stehen zu bleiben, wo man ihn hinstellt, er kann sich einen besseren Boden aussuchen und einen son. igcn P atz. Sonne braucht der Baum; ohne Sonne keine Frucht!"
Jetzt war der Alte wieder bei seinen »Obstbäumen angelangt, und bei diesem Thema blieb er. So kam er von den Gravensteiner Aepfeln auf die Kaiserbirnen und von diesen auf die roten Eierpflaumen.
Jans Gedanken aber drehten sich mir um das eine: ich muß fort von Spätinghof; ich muß in die Welt hinaus und etwas werden.
Als Franke ihm beim Nachhausegehen mit der Küchenlampe über die dunkle Diele leuchtete, blieb! er zögernd! einen Augenblick stehen.
„Franke, was rätst du mir?" fragte er gedrückt.
Franke verstand sofort, was er meinte. Ihre Gedanken hatten mit den {einigen gleichen Schritt gehalten.
„Du solltest dir man eine Stelle suchen auf einem großen Hof oder einem Gut."
„Als Knecht?" fragte er ohne Bitterkeit.
„Nein. Ich meine als junger Mann bei Gehalt und familiärer Stellung. Dann lernst du mehr und hast es besser. In ein paar Jahren kannst du dann Inspektor werden. In den Jtzehoher Nachrichten stehen manchmal solche Stellen. Soll ich dir das Blatt von gestern holen?"
Er nickte, und Franke ging noch einmal zurück in dis Stube.
„Jan wollte gern die Beilage mitnehmen vom Jtzehoer Wochenblatt," sagte sie. Sie nahm das Blatt von der! Kommode und brachte es ihm.
Als sie Jan dann die drei Steinstufen bis auf die Straße hmunterlenchtete, wobei sie das Helle Köpfchen ein wenig neigte und die Lampe hoch in der Hand hielt, war es ihm, als sollte, dies Licht ihm leuchten sein ganzes Lebeni hindurch, (Fortsetzung folgt.)


