Ausgabe 
6.9.1909
 
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Montag den 6. September

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Nerven.

Novelle von Georg Freiherr von Ornpteda. (Nachdruck verboten.)

1.

Ich denke an die Vergangenheit, an die Zeit zurück, als ich noch Soldat war. Eine Menge lieber Erinnerungen steigen vor mir auf, und aus der großen Zahl beginnt vor allem sich eine abzuheben die Gestalt eines Freundes.

Er war im Dienstalter jünger als ich: Einjähriger unter den Rekruten meiner Schwadron. Als solchen lernte ich ihn zuerst kennen. Er fiel mir sofort auf durch fern ausgesprochenes Reittalent. Der lange, flache Oberschenkel, der weite Spalt, dazu etwas Weiches, Geschmeidiges tm Eitz, alles so, wie wir Reitersleute es uns wünschen, um die Kunst zu üben.

Ich war Rekrutenoffizier und interessierte Mich be­sonders für Graf Morsums Ausbildung. Täglich nahm ich ihn an die Longe, ihm größere Festigkeit irn Sitze beizubringen. Schließlich, im Frühjahr, setzte ich ihn öfters auf eines meiner eigenen Pferde und ritt Mit ihm spazieren. Er hatte bedeutende Fortschritte gemacht und zwar derart, daß man ihm den jungen Reiter kaum an­merkte. Natürlich war er im Sattel rein passiv. _ Mit nervösen und heftigen Pferden wußte er ganz nett fertig zu werden, während es ihm noch nicht gelang, ein faules oder widerstrebendes Tier vorwärts zu bringen. Das pflegt sich erst nach Jahren im Sattel einzustellen. Mancher lernt es nie; das Reiten ist eben eine Kunst.

Bei solchen Ritten an schönen, milden Abenden, wenn die Pferde mit langen Zügeln Schritt gingen, fingen wrr an zu erzählen. Und ich erfuhr seine häuslichen Ver- $Ött®tne Mütter besaß er nicht mehr. Sein Vater saß daheim in Ostfriesland jahraus jahrein auf feinem schlösse und kümmerte fich nicht viel um den 'Lohn, der em eigene^ Vermögen von seiner verstorbenen Mutter her hatte. L>o komite Fritz Morsum eigentlich tim und lassen, was er wollte. , . , ,.,,

Es war natürlich, daß ich ihm zureoeie, er mochte doch das Studium an den Nagel hängen und ganz bei uns bleiben. Zuerst freilich ohne Erfolg. Er schien andere Plane zu haben. , . , .,

Aber ich fragte ihn eines Tages, als wir wieder mit­einander auf einem Ritte waren: ,r. n a

Warum wollen Sie nicht ganz bei uns bleiben? Das Offizierkorps nimmt Sie mit Freuden auf. Ich habe schon mit dem Kommandeur darüber gesprochen.

Da schien er schwankend zu werden. Doch endlich blieb er bei seiner Weigerung. Natürlich kam ich nicht wieder auf den Gegenstand zurück. Er mußte wohl seine guten Gründe haben. , , , , ...

Der Sommer verstrich, und der Herbst kam mit den

Manövern. Auch sie gingen vorüber, und die Einjährigen wurden entlassen. , ,

Beim Abschiede spielte ich gegen Graf Morsum daraus an, ob er es sich nicht anders überlegt hätte und nicht dennoch bei uns bleiben wollte, denn wir Offiziere hatten den bescheidenen, netten, jungen Mann ich hätte ihn öfters zu uns ins Kasino eingeladen liebgewonnen. Leider bekam ich von neuem einen ablehnenden Bescheid.

Zwei Jahre sah ich ihn nicht, da ich. abkommandiert worden war. Ms ich zum Regiment zurückkehrte, war er schon Leutnant der Reserve und machte gerade feine erstfi Frühjahrsübung. ,

Nun, wo die dienstliche äußere Schranke gefallen war, kämen wir uns schnell näher, und nachdem wir uns du nannten, wiederholte ich meine Aufforderung, er, der so gut für uns und unfern Beruf passe, möge doch übertreten. Dann wären wir beide zusammen geblieben.

Er hatte die gleichen Interessen, die gleichen Zu- _unb Abneigungen. Wie ich nun gar nicht locker ließ, rief er schließlich: ., . ~, ,, , .

Es ist unmöglich! Ich kann nicht! Ich habe emen Grund, den ich dir nicht mitteilen kann.

Warum nicht? Du hast mir doch einmal gesagt, nutz würdest du alles sagen können ?

Er schüttelte den Kopf:

Das? Nein. Das darf ich nichtk

Du darfst nicht?

Da entfuhr es ihm:

Nein, sonst sonst müßtest du wich verachten!

Ich verstand ihn nicht, doch mehr war nicht aus ihm herauszubringen. , , , , . .

Seine Dienstleistung beim Regiment neigte dem Ende zu. Da erschien er einmal, während ich eine Abteilung; Fußdienst machen ließ, auf der Reitbahn meiner Eskadron mit einem Pferde, das ich nicht kannte.

Ich trat an ihn heran:

Das ist ja ein neuer Gaul?

' Er erzählte mir, er habe die Stute eben gekauft. Wie man. das immer tut, sah ich mir das Tier genau an, um mein Urteil zu sagen.

Inzwischen war mein Dienst zu Ende, ich ließ die Leute wegtreten und bat den Freund, mir doch feine neue Erwerbung in verschiedenen Gangarten zu zeigen; erst wenn ich den Gaul in allen Gängen gesehen hatte, konnte ich mich äußern. Er ritt im Schritt das Viereck hinab, dann trabte er an, machte ein paar Volten, ging auf die andere Hand und sprengte zum Galopp an. Die Stute ging tadellos, und ich freute mich über den ruhigen, weichen, elastischen Sitz ihres Reiters. .

Während ich aufmerksam zuschaute, war, ohne daß ich es aemerkt hatte, der Kommandeur dazu gekommen. Er erkun- diate sich sofort nach.Graf Morsums Gaul, der seinem sicheren Auge auf den ersten Blick als neues Pferd aufgefallen war.

Beim nächsten Vorüberkdmmen erst erblickte ment