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Tontag den 5. bevorstehenden Mohnäts Mah restauriren Und wider aufrichten Anlassen, befehlen wir Euch hirmit gnädig, daß iemands Eurer mittels Sambstags gegen Abend Zuvor, zeitlich daselbst Bit Giessen einkommen. Und berührten restaurations actni znit beywvhneN soll.
Verlassens Uns;, Und scind Euch mit gnaden gewogen.
Darmstadt, d. 24. Aprili e anno 1650 ://:
(gez.) Geor g.
Eine andere Urkunde aus dem Jahre 1653 gibt Ausschluß darüber, aus welchem Grunde die Stadt Grünberg gewürdigt wurde, zur Wiedererösfnungsfeier einen Vertreter entsenden zu dürfen. Tie Stadt leistete nämlich einen jährlichen Zuschuß zu den Unterhaltungskosten der Universität, und zwar hatte der Rat die sogenannten Biergelder dazu verwilligt. (Bon jedem! Gebräu Bier, das im städtischen Brauhause bereitet wurde, erhielt die Stadt eine vom Rat festgesetzte Abgabe.) Ta Grünberg mit noch anderen Städten in der Entrichtung des Beitrags an die Universität säumig war, forderte der Landgraf den damaligen Rentmeister auf, er möge den Rat veranlassen, die „Biergeldcr" noch auf wenigstens 3 Zähre zu verwilligen. Tas Schreiben, das wir in Abschrift folgen lassen, dürfte für weitere Kreise von Interesse sein. Es lautet:
Bott gottes gnaden, Georg Landgraf Zu Hessen, Graf zu Catzenelnbogen.
Lieber getreuer. Du erinnerst Dich, was wir wegen Ver- willigung der Biergelder noch Hf etwas dreh Jahr zu Behuf Unßerer Universität zu Gießen an dich rescribiret haben.
Nun ist Unß Unterthünig reseriret worden, daß teils Unßerer Stätte sich llf solche 3 Jähr willfährig er Kläret, teils aber mit der Bewilligung anstehen sollen, worunter das auch Unßere Statt Grunberg begriffen'.
Dieweil Unß nun Rector Tecani Und Profeßores besagter Unserer Universität abermahls Zu er Kennen gegeben, wen der Universität nicht geholfen würde, daß das Universität wesen ganh Zerfallen müsse, Und es also Umb solch 'tzerlich Kleinod des Landes geschehen sein werde, gestalt diehes eine solche Sache ich, die nicht nur Unß, sondern Unserem gaNtzen Lande Und heßen Einwohnern, Kirchen Und Schulen, Und sonderlich den Bürgern Und Einwohnern in Unseren Stätten Zu gutem Kombi, welche den großen nutzen daher selbst Unschwer Zu ermessen haben, daß Sie so Lang Besagte Unßere Universität Ufrecht stehe, ihre Kind in der nähe Zum studiren Und zur Schul füglich Und mit geringen Coslen halten können, wir Uns; auch wegen er Haltung her Kirchen Und dieser Unßerer Hohen Schul aus Unßeren eigenen1 Fürst!. Sichel- Und Cammergefällen schon dergestalt angegriffen haben, daß wir dardurch teils Unßerer Aembter gar nicht genießen Können. , ,
So Befehlen wir Dir Hiermit nochmahls m gnedugl. ernst, daß du Bürgermeister Und Rath Unßerer dir anvertrauten Statt solches beweglich zu gemüth führen, ihnen ernstlich Zn- sprechtztt Und' Sie zu Berwilligunz besagter Biergelder Uf 3 Jähr Vermögen, denenselbigen anch darbey andeuten sollest, was massen Wir erbietig sehen, ihnen noch ehe das auf die Eontinuation der Biergelder würcklicher anlag geschehe, linder Unßerer eigenen Fürstlichen subscription Und Siegelt einen schriftlichen.Schein Zurück Zu geben, dä.ß Kdachte Berwilligung denenfelben nach Ber- fließuNg der dreh Jähr, Zu Keiner consequentz gereichen falte, dannen Hero wir Uns Zu ihrer Umb so Viel desto mehr gehorsamen Willfahrung Versehen, Verlassens Uns, Und feind dir mit gnaden gewogen. Datum Tarmstatt den 28. Februar 1653.
(Unterschrift.)
Ahn
Renthmcister Zu Grunberg Georg Lapin.
Unsere Uervenkräfte.
Wer mehr von seinen Nervenkräftcn ausgibt, als er ein« nimmt, der ist auf dem Weg angelangt, der zur Erntattung führt. Unser Nervensystem besteht aus dem Gehirn und aus dem Rücken- marck und die Nerven sind die Ausläufer. Den besten Begriff von Nervenkräften wird man bekommen, wenn man sie sich als Spannkräfte vorstellt. Wenn ein Mensch gut geschlafen hat, dann ist auch in seinem Nervensystem eine andere Spannung vorhanden, als zur Zeit, da er sich ermüdet zur Ruhe begebt. Die Tatsache, daß durch die Arbeit eine Spannkraft verloren wird, und daß die Spannkraft durch den Schlaf wiedergewonnen werden kann, ist von weittragender Bedeutung. So lange wir uns eines guten Schlafes erfreuen, können wir zufrieden fein. Leider aber betrachten viele Menschen, namentlich die Jugend, den Schlaf als ein notwendiges liebel, doch in der Tatsache, daß der Schlaf immer und immer kommt, und daß er imstande ist, die größte Willenskraft zu brechen, auch darin liegt eine große Bedeutung.
Der Schlaf ist aber nicht das einzige Mittel, die Nervenkräfte zu erhöhen, es gibt noch ein Zwischcnstadium zwischen Arbeit und Schlaf, das ist die Erholung. Doch mancher, der im Jahre seine 14 Tage oder 4 Wochen Urlaub erhält, findet nicht die erwartete Erholung. Und warum nicht? Weil der Hebergang von Tätigkeit zur Ruhe ein zu rascher war. Wie die Sachen gehen,
ist klar. Da muß erst dies und das noch erledigt werden, dann fährt man ab und gibt sich nun der Ruhe hin. Nur zu rasch kommt der letzte Urlaubstag heran; man tritt wieder ein nnd ein Berg von Arbeiten erwartet uns. Es heißt: „Sechs Tage sollst du arbeiten und am siebenten Tage ruhen." Damit ist die Sonntagsruhe gemeint, und die kleinen Schulden, die die Woche mit sich bringt, lassen sich auch viel eher am Ende derselben ausgleichen, als wenn wir ein ganzes Jähr warten.
Es gibt noch eine Quelle, unsere Rervenkräfte zu vermehren. „Das ist die Hebung." Die Hebung ist eine wunderbare Einrichtung unseres Organismus, mit jeder Wiederholung wird eine Arbeit leichter und schließlich gewinnen wir eine Leistungsfähigkeit, welche wir gar nicht geahnt haben. Durch die Arbeit werden nicht nur die Muskeln kräftiger, sonderu auch die Bewegnngs- nerven und die höheren Nerven.
Die Hebung ist die eigentliche Grundlage für die Erziehnngs- fähigkeit des Menschen, gerade bei der Erziehung unserer Jugend ist diese Fähigkeit vor allem zu beobachten. Die Hebung erstreckt sich weniger ans das Wissen, als auf gewisse Fertigkeiten. Wir können unser Gedächtnis Üben und uns Wissen aneignen. Das ist aber etwas ganz anderes, als wenn man meint, die Erziehung und Bildung bestehe darin, ein junges Gehirn mit einer Menge von Wissen in mechanischer Weise anzufüllen.
Wie kommt es nun, daß in unserer Zeit so viele Nerven- übel existieren? Unsere Vorfahren haben auch ganze Nächte durch- wacht und sich ebenfalls oft sehr angestrengt, aber man hat von diesem Heer von Nervenübeln nicht gehört. Sind die Menschen leichtsinniger geworden? Nein, durchaus nicht! Biele kommen ohne ihr Verschulden durch die Verhältnisse zur Erschöpfung ihres Nervensystems. Schuld daran ist unsere Zeit, das ist die ungeheure Steigerung der Population, das Zusammenleben von so und so vielen Tausenden von Menschen in den Großstädten- die enormen Verkehrsverhältnisse, welche unbedingt notivendig sind, um diesen Menschenmässeu das Leben zu gestatten. Das ganze moderne Leben ist mit iNerveuausgaben verbunden, die Beziehungen zu anderen Menschen haben sich in den letzten Jahren mindestens verzehnfacht, jeder einzelne ist bedeutend mehr in Anspruch genommen, als früher. In diesen Verhältnissen liegt der Grund unserer heutigen Nervenübel.
Da; Panoptikum.
Tie Panoptiken oder Wachsfigurenkabinette, deren Anziehungskraft auf das große Publikum trotz der Zunahnte der neuen Kinernatographen-Theater noch immer recht erheblich ist, haben ihre Geschichte. An ihrer Entwicklung ist auch die Mechanik beteiligt: sie lieferte raffiniert ersonnene Automaten, denen die Wachsbossiererei, eilte uralte Sauft, das täuschend ähnliche „Fleisch" verlieh. Automaten sind bereits im Altertum so vollkommen gefertigt worden, daß Aristoteles ahnungsvoll die Zeit nahen sah, da die Räuchergefäße in den Zimmern und Tempeln von selbst einherrollen würden. Archytas, ein aiisgezeichneley Mathematiker aus der Schule des Pythagoras, fertigte eine kleine Taube, die, wie Plinius seu. erzählt, eine Weile fliegen konnte. Und Heron der Aeltere von Alexandria, der um 120 v. Ehr. gelebt hat, leistete sich die pneumatisch-hydrostatische Spielerei, einen künstlichen Vogel pfeifen zu lassen, so lange sich eine in dessen Nähe sitzende Eule wegwandte, und ihn verstummen zu lasfen, wenn diese sich umwaudte und ihn ansah. Mittelälter und Renaissance haben, je weiter die Kunst der Mechanik und llhr- macherei vorschritt, immer staunenswertere Automaten geliefert. Einer der genialsten Meister auf diesem Gebiete war der Italiener JNanelo TnrriaNo, Uhrmacher und Mechaniker Kaiser Karls V.. und nach des Kaisers Tode Ingenieur in Diensten Philipps II. von Spanien. Sein Ruhm ist begründet durch das sinnreich mit schwingenden Röhren konstruierte Hebewerk, mittels dessen er das Wasser des Tajo nach dem Alcazar von Toledo hob. Er soll eine Frau in einem Drittel natürlicher Größe gemacht haben, die, das Tambourin schlagend, auf einem Tische tanzte und nach der Ausgangsstelle ihres Tanzes zurückkehrte. Auch soll er in kleinen Figürchen Soldaten, die kämpften, Pferde, die sich bäumten, Musiker, die Trompeten bliesen, und Vögel, die flogen, gefertigt haben. Später, im 17. Jahrhundert, leistete Erstaunliches der Augsburger Wachsbvssierer Daniel Neuberger, ein Günstling Kaiser Ferdinands III. Sandrart erzählt von ihm, daß er angetleideten und beweglichen Wachsfiguren die höchste Lebenswahrheit gegeben habe. Besonders gelungen sei eine lebensgroße Figur des Kaisers gewesen, die sich vermöge xines in ihrem Innern angebrachten Uhrwerkes niedersetzen, wiedcr- aufstehen, das Haupt wenden und die Augen bewegen konnte. Der ungarische Kanzler und" Bischos von Neutra habe sich beim Betreten der Schatzkammer in der Burg zu Wien von dieser Figur derart täuschen lassen, daß er, in der Annahme, den Kaiser in Person vor sich zu sehen, erschreckt auf die Knie gefallen und lvegen des unverhofften Eintretens um Verzeihung gebeten habe. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts sah der Frankfurter Hfsenbach in Holland eine Nürnberger Puppe, die toreie'n, und einen' Automaten, der wie ein Mensch atmen u. eine Pfeife Tabak rauchen konnte. Der Kniff bei der Figur war einfach: die Brust barg einen Blasebalg mit einem Uhrwerk. Eben derselbe Repende sah m London bei einem reichen Sonderling zahlreiche lebensgroße, schon


