und Aschenbrödel spielen, das ertrug ich nicht, ich gab den Gvcifinnenrang hin und heiratete den eben erst geadelten Herrn von Rieding und seine Millionen. Sie werden cs vielleicht häßlich finden, daß ich inst siebzehn Jahren schon so vernünftig rechnen konnte — jetzt könnte ich es vielleicht nicht mehr. Dicchzchn- jähriqe kennen weder die Ehe noch die Liebe — sie haben nur Ideale, und die richten sich ganz sicher nach den Eindrücken ihrer Jugend. Mein Ideal war — reich zu sein, so reich, daß ich meinen Verwandten die Demütigungen heimzahlen konnte, die ich durch sie erlitten. Meine Toiletten waren iinmer kostbarer als die meiner Cousinen, «rein Reitpferd von edlerem Blut als das ihre, kurz, ich war ihnen immer einen Schritt voraus. Das ist rachsückrtig, nicht wahr? Rache ist häßlich, aber Sie kennen meine Cousinen nicht — lassen wir diese Abschweifung! Wie finden Sie mich jetzt, mein Freund? Bin ich ein Scheusal geworden in Ihren Äugen?"
Haus voll Hassingen war sonst nicht der Mann des leicht flüssigen Wortes, aber tote sie so vor ihm saß, jetzt die Hände um das überschlagene Knie gefaltet, mit den wehenden goldbraunen Haaren um das gerötete, schmale Gesicht mit dem halb schelmischen halb scheuen Ausdruck des Schelte fürchtenden Mildes im großen, goldsiinnnernden Auge, dem roten, lächelnden Lippenpaar über beut energischen und doch weichgerundeten Kinn, erschien sie ihm so entzückend, daß er ernsthaft und ohne Uebcrlegen sagtet
„Sie sind für mich noch immer die reizendste Frau, die ich kenne."
Es gefiel iljto, daß sie sein ehrliches Wort nicht als fade Schmeichelei abwehrte.
Sie war nur noch ein wenig tiefer errötet und hatte rasch die breiten Lider gesenkt. Die Unterhaltung ruhte ein Weilchen Draußen begleitete sic.jctzt der Rhein in trägem Dahinfließen Das sonnenüberstraWe Wasser blendete, goldene Funken blitzten nm den Bug eines kleinen Schleppdampfers hüpften weiße Schaum fpritzer, ruhig, plump, wie große, bunHe Sarge glitten die trici Lastkatzne hinter ihm her.
Aus dem Teck deZ einen stand eine Frau mit einem Kind aus dem Arm und winkte.
Leica von Rieding zog ihr spitzenbesetztes Taschentuch zum Gegengruß. Für einen Moment spraicg ein weher Zag um ihre! lächelnden Mund. Es tonte wohl das Kind, das ihn geweckt. Mbe> dann kam Mainz und der Karnevalsübermut.
Zwei ausgelassenen Kindern gleich zogen sie durch die Straßen Bei dem ersten fliegenden Händler war die Pritsche aus Papp erstanden, die so lustig auf dem Rücken anderer klatschte und auf dem eigenen so weh tat. Lena bekam sie schmeichelhaft oft zu kosten.
Sie duckte sich lachend und wehicke sich tapfer. Noch war das Leben in den Straßen nicht auf dem Höhepunkt angelangt, die maskierten Gestalten noch vereinzelt. Aber als sie sich den> großen Platze neben dem stattlichen Bau der Stadthallc näherten umtoste sie der Trubel der Karnevalsmesse. Ein Schreien, Pfeifen Tuten, Quieken, grelles Gebimmel, das Surren der Glücksräder ein Quodlibet von Musikklängen und gellenden Ausrnferstimmeu
Run mußte die junge Frau Hassingeus gebotenen Arm nehmen, so drängten sie sich durch die Menge, mit stoßend und schiebend, sich von Zeit zu Zeit lachend ansehend.
Ein Schlittenkaressell weckte halb vergessene Kinderwünsche. „Wollen wir?"
Im nächsten Moment saßen sie schon in den roten Plüsch polstern und glitten auf ivellensörmiger Bahn im Kreise aus und nieder.
Sie kicherten und bogen sich nach den schwankenden Bewegungen, ArM in Arm. sitzend, sich gegenseitig stützend. Ihr, Augen leuchteten, ihr Haar unter dem großen, schwarzen Chiffon Hut wehte. Auch sein junges Gesicht lachte in harmlosem Uebermnt.
Sie wankte ein wenig, als sie wieder ans festem Boden standen und lehnte sich fester auf seinen Arm.
Dann mußte sie durchaus ein Fastnachtsgebäck kaufen, das em schneeweiß gekleideter Konditor vor aller Augen mischte und in spritzendem Fett ansbuk.
Sie aß es mit spitzen Fingern vom gelblichen Papptellcr inmitten des Menschengewühls mit einer köstlichen Unverfrorenheit, um die der blonde Offizier sie geradezu beneidete.
Zn diesem gänzlichen Aufgehen in einer Idee, wie diese Karnevalslaune, war er nicht fähig, dazu rollte sein Blut zu schwerfällig in seinen Adern. Weil der Impuls fehlte, der die Natürlichkeit schafft, hätte er sicher , nur eine lächerliche Rolle gespielt bei etwas, was weder ihrer Vornehmheit noch ihrer Würde Abbruch tat.
Rur als sie die Handschuhe Der die mit dem (.pitzentnch Kgewischten Unger zog, wurde sie ein bißchen verlegen.
„Ich bin kindisch, ich bin ganz sicher kindisch —"
„Sie sind reizend, Lena."
Ter Name glitt ihm unwillkürlich von der Zunge, es wär? nevalsfreiheit. Sie griff es neckisch aus.
„Vielleicht bin ich nur reizend, wenn ich kindisch bin, Hans." „Jedenfalls steht es Ihnen tausendmal besser als das Ernst- haste, Lena, wem: Sie nur ein bißchen eitel sind, daun rate ich! Ihnen zunc Miderübermut."
Sie hing sich wieder in seinen Arm.
„Männer wollen immer Zern lachende Frauen, aber lacht man ntal über sie, so nehmen sie's furchtbar übel und erklären!, man könne bedauerlicher Weife nie ernsthaft sein."
Ten Mann neben ihr durchzuckte ein peinliches Empfinden.
„Ich glaube gern, daß Ihr Lachen auch sehr lveh tun kann, Lena."
Sie sagte nichts daraus, aber jn ihren Augen -blitzten dis Goldsunken intensiver, wie triumphierend.
Ein wenig später stießen sie vor. der amerikanischen Riesen- sckwukel ans Leutnant Keßler und „Tantchen".
Diese Begegnung nahm ihnen noch nicht die Stimmung, sie fanden ja gleichgesinnte Seelen.
Ter Karnevalston wurde beibehalten.
„Tantchen hat mir vorhin eine Poularde gekauft," erzählte Der Heine Artillerist, „wie sie so zart und weiß nur in Mainz hr junges Leben aushauchen, sie soll mir morgen warm und gebraten ans Herz gelegt werden."
Tas „Tantchen" freute sich, trotzdem sie tadelte:
„Spricht er wohl je ein vernünftiges Wort? Und was meinen Sie, was er jetzt von mir verlangt? IN so einen Kasten soll ich mich mit ilM setzen und mir hoch in den Lüften die Seekrankheit holen."
„Sprich nicht von etwas so Unästhetischem, Tantchen das ut man, aber man sagt cs nicht vorher," meinte der unver- nsserliche Nesse und bot dabei der jungen Frau überzuckerte Man- oeln an, die seine Mndheitserinnerungen von der Messe waren.
Schließlich fuhr man doch amerikanische Lustschaukel oder u'sser man schwebte in bedenklich schwankenden Kästen zwischen Himmel und Erde.
Als die Bier gerade den höchsten Punkt erreicht hatten, versagte die Mechanik und das Rad stand still. Das „Tantchen" oegann zu zetern und preßte die weiß umlvickelte Poularde sester an sich, Lena von Rieding wurde sehr blaß.
Hassingen faßte nach ihrer Hand und drückte sie fest und be- . uhigend.
Der Artillerist umschlang das geängstigte Tantchen.
„So soll der Tod uns mit Dir vereinen, geliebtes Huhn!" sagte er pathetisch.
Darüber mußte Lena so herzlich lachen, daß sie ihre Furcht verlor und interessiert Wer das Menschengewimmel unter sich, die Zelte, Verkaufstische, Karussells hinwegblickte bis dorthin, wo der Rhein seine glitzernden Wogen majestätisch dahinwälzte. Bon rechts grüßte der verwitterte Domlnrm, Hinten die ersten Tämmerungsschattrn.
Sie versank inc Anschauen und fuhr erst auf, als sie langsam aus der gefährlichen Höhe herabglitten.
Dann kam das Schlendern durch die Straßen, die in Erwartung des Karnevalszuges sich mehr und mehr belebten. Fahnen wallten, bunte Fähnchen flatterten. Konfetti, stäubte durch dis Lust, die bunten Papierschlangen, von kleiner Armbrust abge- schnellt, zuckten wie Blitze hin und her.
Aus den Fenstern wurden Bluincn geschleudert, Bonbons und Apselsinen. Eine traf schwer aus Hassingens Rücken, prallte zerplatzend ab und flog dem kleinen Artilleristen an die .kecke Nase. Der gelbe Saft spritzte, er schüttelte sich pustend, macht« gute Miene zum bösen Spiel und lachte mit, mährend die Gassen^ fugend johlte.
Tie Komik der Situation tvar so groß, daß alle lachten bis sie nicht mehr konnten und sich wirklich so matt und schwach gelacht' hatten, daß sie außer stände, weiter zu bummeln in einen offenen Landauer kletterten und sich von da zuerst den eben nahen- Den Karncvalszug ansahen.
Sehr amüsant war ihnen Üjre Fahrt durch die vom! Menschengewühl erfüllten Straßen. Tort zogen sich letzt aus allen Stockwerken die bunten Papierschlangen zu den Drähten der Telegraphenleitung, von da zum nächsten Balkon, zur benachbarten! Straßenlaterne herüber, ein Netzgewirr von farbigen Streifen, das zuweiten wie ein Vorhang über die Straße hing, von jedem! Mauervorsprung in flatternden Schlangen sich ringelte.
(Fortsetzung folgt.)


