Ausgabe 
31.12.1908
 
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haben schon das ganze Haus uingekehrt; er ist lute fort* gehext!. Aber ist das ein Wunder, wenn man solch höllischen Unfug damit in einem christlichen Pfarrhause, treibt?"

Unwillkürlich legte Heinz Duveneck die Hand an feine Brust, fest über die Tasche, in der das Pantöffelchen wieder Quartier bezogen hatte. Er öffnete den Mund, unt etwas zu sagen. Aber die Worte blieben ihm in der Kehle stecken. Dafür stieg ihm jedoch flott und marschsicher das Blut vom Herzen auf über Hals und Wangen, bis in die Schläfen und Ohrzipfel hinein. Sehr viel brauner ivar auch der kleine Lederpantoffel nicht, um den sich'S handelte!

Und wie sie den Gast ituit alle erstaunt betrachteten und über Fräulein Evas reizendes Antlitz plötzlich ein Lächeln huschte, ein Grübchen bildendes und doch dabei ein ganz klein wenig mokantes Lächeln voll ahnendenl Verstehen, da griff er plötzlich in die Tasche, holte den intriganten kleinen Ge­sellen heraus und stammelte mit einem Ausdruck, der fast noch blöder war als das Mienenspiel seines gestrigen Schlittenlenkers:

Bitte, da . . . ja, da ist der. . . der nichtsnutzige. . . äh . . . Ausreißer! . . . Ich habe ihn ... aus Versehen na­türlich . . . das heißt. . ."

Er brauchte sich nicht weiter Mühe zu geben. Ein schallendes Gelächter erschütterte das allzeit für Fröhlichkeit empfängliche Pfarrhaus. Sie lachten alle, vom Vater an bis zur schnippischen Jüngsten. Und wie Virtuosen lachten sie, herzhaft und lange! Nur eine tat nicht mit. Tie sah mit großen, tröstlich lächelnden Augen in sein verwirrtes, heißes Antlitz. Keine Spur von Spott mehr tvar darin zu lesen! Und das tat ihm so wohl, daß er nicht davon, stürzte, wie's ihm sein Unmut einflüstern wollte, sondern sich zu-- redcn ließ und blieb.

Das Pantöffelchen aber, unter das er daraufhin im Lause des Jahres geriet, war noch ein ganz Teil weicher und zierlicher als jenes einst zärtlich geküßte seines trefflichen Schwiegervaters....

UsujKhrtzWünsche in alten Zeiten.

Wen» in den nächsten Tagen die Wünsche fürein glück­liches neues Jahr" hin und herüber fliegen oder das kürzere und derbereProsit Neujahr" erschallt, wer denkt dann wohl daran, daß er da einer Sitte folgt, die sich durch die Jahrhunderte zurückverfolgen läßt bis in die ältesten Zeiten menschlicher Kulturgeschichte! Nachdent man einmal zu einer geordneten Zeitrechnung gekommen war, stellte sich sehr bald auch die Darbringung guter Wünsche zum Beginn des neuen Jahres ein. lind bereits bei den alten Aegyptern erfolgte, wie Tr. Hans Berger in einer hübschen Plauderei ausführt, die inlieber Land und Meer" 'veröffentlicht wird, eine in ihrem Wert zweifelhafte Weiterbildung, indem Geschenke an die Stelle des wirklich gefühlten und gedachten Wunsches traten. In der Zeit des Königs Ameuhotep II. (14611436 v. Ehr.) hat sich dieser Standpunkt längst ein­gebürgert, und ein hoher Beamter hält die Gescheute, die er dem Könige als Neu.jahrsgruß überbracht hat, für so wichtig, daß er sie auf seiner Grabinschrift aufzählen läßt: Wagen aus Silber und Gold, Statuen aus Ebenholz und Elfenbein, Halskragen aus allerhand Edelsteinen, Waffen, Werke aller Künstler." In den ägyptischen Gräbern sind zahlreiche leere, vlauglasierte Fläschchen gefunden worden, die einstmals ohne Zweifel wohlriechende ätherische Oele zum Gebrauche für die Toten im Jenseits enthielten, und auf einem Teil von ihnen liest man Hieroglyphen, durch die diese Fläschchen als Neujahrssenduugen gekennzeichnet werden. Zart und zurückhaltend, wie ein chinesisches oder japanisches Gedicht, mutet eine solche Glückwunschinschrift an:Tie Blume schließt sich auf. Und siehe da ein andres Jahr!" Eine besondere Rolle spielt dann der Ncujahrswuusch bei den abergläubischen Römern, bei denen als Beigaben zunächst nur Symbole des Wachstums, der Fruchtbarkeit, der Meh­rung des Einkommens und vor allem der Lorbeerzweig hinzugefügt werden. Aber allmählich gesellten sich auch eß­bare Früchte und andere Delikatessen dem symbolischen Gruße bei. Bei den Reichen kommt die Sitte auf, die Gluck­wunschgaben in wertvollen Nachbildungen aus Edelmetall zu schenken, die ärmeren überziehen die' Früchte wenigstens mit gläirzendem Blattgold. In späteren Zetten entwickelt sich die Unsitte, sich durch kostbare Neujahrsgeschenke den

Höhergestellten und insbesondere dem Staatsoberhaupt an­genehm zu machen. In den ersten Zeiten des Kaisertums war die Gelegenheit zu Neujahrsgeschenken auch umgekehrt dem Kaiser Augustus erwünscht, indem er sich für die Huldi­gungen eifriger Anhänger dankbar erwies itnb ihnen das Vierfache an Wert zurückgab. Die römische Sitte des Glück­wunsches und Geschenkes zu Neujahr ist dann in das Mittel- alter mit hinübergegangen. Aber nach längerem Schwanken ist erst im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert der 1. Januar des cäsarischen Kalenders wieder allgemein als Jahresanfang zu Ehren gekonnnen. Die Sendung von Be­glückwünschungen an die, mit denen man nicht "persönlich! zusammen sein und feiern kann, hat sich auch im Mittel­alter erhalten. Teils geschah dies in einem formelhaften; Wunscheein gut selig neues Jahr!" oderein gottselig Jahr!" oder a ,heilt glückselig neues Jahr!" Vielfach trat aber auch an dessen Stelle bei den reimlustigen Deut­schen die poetische Begrüßung. Besonders in dem gesellige« fünfzehnten Jahrhundert sind Neujahrswünsche solcher Art sehr beliebt gewesen, Und sie haben schon damals z» einer künstlerischen Industrie für vornehme Kreise geführt; eine ganze Menge betätiget alter Neujahrskarten sind als selb­ständige Blätter erhalten oder auch mit Kalendern verbunden. Es sind Holzschnitte oder Kupferstiche, oft handkoloriert. Das älteste und zugleich unmutigste Beispiel solcher Wunschverse stammt aus der Zeit vor'den gedruckten Neu­jahrskarten und ist in einer Sangerhäuser Handschrift er­halten:

Mein Trutgeselle, myn liebster Hort, Wisse, daz dir wunscheil myne Wort Uncz (bis) uff den Tag, daz sich dez nuive Jehr erwehrt. Wez ozu Geluck (Glück) ye luert erdacht Dez werde alleczyt in dir vollbracht.

Nns daz ich myde (meide), wez dir vvrsmahet ist.

So war myn Hertze in Freuden Zeit Und dyn Gelucke daz ist myn Heil; Wan ich by dir nicht mag gefin. So bin ich doch alleczyt daz Din Und du daz Myn.

VermiKthSes.

* P h i l ister u n d S ch u l f u ch s! Die burschikose Be­zeichnungPhilister" hat, so schreibt man derBoss. Zig." aus Jena, ihren Ursprung in Jena, wo im Jahre 1624 der Leichenrede bei der Beerdigung eines in einer Rauferei erschlagenen Studenten der TextPhilister über dir, ©im* son" (Richter 16, 20) zu Grunde gelegt wurde. Auch her NameSchulfuchs" ist Jenaischen Ursprungs. Der Professor der griechischen Literatur Justus Ludwig Brysoman (gest. 1585) trug, als er nach Jena kam, einen mit Fuchsfell ge­fütterten Rock. In seinem Umgang ivar er sehr pedan­tisch; die Studenten gaben ihm daher den Namen Schul­fuchs, der sich bis heute für die Gymnasiasten erhalten hat.

* Erkl ä r t.Warum heißt es denn hier: A. Meters selige Witwe?"Na, warum soll denn die Meier nicht selig sein, baß sie jetzt Witwe ist?"

Literarisches.

Ein scf)v praktisches Haushaltungsbuch, das wie kein anderes eine genaue Uebersicht über Einnahmen und Ars' gaben ermöglicht, gibt seit 27 Jahren der Verlag von JulstiA Hoffmann in Stuttgart heraus. Es ist mit einer An­leitung und klaren Beispielen versehen, so daß es von jeher Hans- svau mühelos geführt iverden kann.

Ncujahrs-Rätfer.

Wer all sein Erstes nur nut starrem Sinn Aus eine von den Drillen setzen wollte, Der sah es bald, wie flüchtig ihm dahilr Sein einig unerreichbar Erstes rollte.

Und wem nicht alles nach beut Zweiten ging, Wer, angelockt von ialschem Jrrlichtgtanze, An einem Wählt, an einer Torheit hing, Ter wird hem brav verspottet durch das Ganzem

Auflösung des Homonyms in voriger Nummer: Richter. .

Redaknonl E. Andecsvm Rolauonsdruck und Berta, de, Brühtstchei, Umoersttcus» Buch- und ©leiiibrudsiei, ist. Lange, Gtetze«.