Ausgabe 
30.5.1908
 
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Samstag den 30. Mar

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Wirket, so lange es Tag ist.

Roman von Maximilian Böttcher.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Wilhelm Bartikow stand vor ihm. Wie durch einen wallenden roten Nebel sah Hein- das blasse, verschwommene Gesicht mit dem wirren blonden Haar, das kein Hut bedeckte die in wahnsinnigem Haß glühenden Augen die keuchende Brust.

Abrechnung," quoll es' von dem verzerrten Munde, in dessen herniederhängender Faust eine Messerklinge blitzte.Abrechnung," zischte er noch einmal, und noch einmal fuhr der Stahl, flirrend im Dämmerlicht, in die Hohe. Aber er kam nicht mehr zum' Stoß. Irgendwo in nicht allzuweiter Ferne ertönten Stimmen, wohl von heimkehrcnden Pilz- oder Beerensuchern: der Feigling schreckte zusammen, stutzte, warf das Messer zur Erde und wandte sich zur Flucht.

Tie Stimmen kamen näher lachende Kinderstimmen waren darunter, Heinz fühlte, wie das Blut im warmen Strom über seinen Rücken riselte, seine Schwache steigerte sich; und wenn er auch daran gedacht hätte, er wäre nicht imstande ge­wesen, um Hilfe zu rufen.

Ferner klangen schon die lachenden Stimmen, verhallten all­mählich ganz. Tunklerc und immer dunklere Schatten webte der sinkende Abend zwischen den Stämmen.

Heinz, der kraftlos, mit bnwmmenem Köpf, am Pfosten der Gittertür lehnte, richtete sich mühsam taumelnd gerade. Wie lange stand er denn da? ... .Vorwärts'," machte er sich Mut, vorwärts nach Hause. Die Sache wird so schlimm nicht sein. Wäre die Lunge getroffen, lägst du schon am Boden. Vorwärts, nach Hause, ehe dich der Blutverlust gänzlich umwirft."

Er bis; die Zähne zusammen und setzte schwerfällig einen Fuß vor den andern. Seine Gedanken gingen in die Runde. Alle paar Schritte mußte er stillstehen, sich an einen Baum lehnen, Kräfte zu sammeln und sich zu besinnen, wo er war und wohin er wollte. Das Atmen bereitete ihm Pein. Ter klaffende Riß in der Schulter mit dem glühenden Eisen darin schien bis in die Lunge hineinzureichen. Bei jcdenr Schritt, den er tat, mußte er aufstöhnen. Und immer schwerer, immer wüster wurde ihm der Köpf. Er sah kaum noch, wohin er trat: und alles, was ihn mn!gab: die Bjäume und Sträucher, der Waldboden und die Sterne, alles schien sich um ihn im Kreise M drehen.

, Allmählich ließ der Schmerz nach, als hätte er seine Wut Erschöpft und ausgetobt, wurde zuletzt ganz still.

Plötzlich als er den Wald schon hinter sich hatte und wie trunken über das freie Feld toitmelte war es ihm, als ging Isabella an seiner Seite. Er fühlte ihre Hand, die seine Hand umfaßt hielt, fühlte ihren Arm, der ihn liebreich stützte. Oder war es gar nicht Isabella? .... Martha Bartikow wohl? . . . . Nein, auch Martha Bartikow nicht .... Seine Mutter wars, seine Mutter!.....

Ten von wildem Fieberwahn Durchrasten nahm die Kindes­seele in Schutz und Führung, lenkte und leitete ihn heim in

ihrem sicheren Gefühl, daß sie in allen Leiden des Lebens nirgends so wohl aufgehoben ist, wie am Mutterhcrzen und in Mutters Händen.

Am Schulhaus wankte Heinz vorbei cs fiel ihm gär' nicht ein, daß er da wohnte und auf den ausgetretenen Stufen, die zum Kramladen seiner Mutter emporführten, brach er zu­sammen. Die Ktzaft, nach der Klinke zu greifen, hatte er nicht mehr. -. j ; ,

Vierzehntes Kapitel.

Als am nächMn Vormittag die Nachricht ins Schloß gelangte, Hilfsprediger Vollrath wäre überfallen worden und läge mit einer gefährlichen Verwundung schwer krank danieder, geriet Isabella außer sich.Hin zu ihm!" rief es in ihr.

Was willst du denn?" fragte der Kdmmerzienrat, als er die Schluchzende von ihrem Sessel aufstehen und zur Tür wanken sah.So antworte mir doch, was du willst!" wieder­holte er dringlicher, und väterliche' Angst zitterte durch seine Baßstimme. I

Hin zu ihm will ich", schluchzte Isabella.

Rasch hinkte FriedheüN ihr nach deutlicher als km lang!-, sam gemessenen Schritt trttt seine Lahmheit bei hastiger Gangart zu Tage, ergriff die Hand, die sich schon nach dem Tür­griff ausgcstreckt hatte, und sagte mit leisem Vorwurf:

Was redest du denn für Unsinn, Isa. Komm setz' dich wieder, beruhige dich erst. Und dann beichte mir mal? was' gibt cs zwischen dir und Vollrath?"

Aber es war nicht so leicht, aus der Verzweifelten eine klare Antwort herauszubekommen. Von ihrer Liebe und dem Konflikt, der trennend oder wenigstens störend zwischen ihr und Heinz stand, sprach sie ja schließlich in abgerissenen Sätzen. Aber von Bartikows Attentat auf Isabella, von Vollraths Ab­wehr und seinem Versprechen, alles aufzubieten, um den Un- sinuigcn so rasch wie möglich aus dem Dorf zu entferne;:/ erfuhr der Kommerzienrat erst durch Werner, der nach einer Weile, gestiefelt und gespornt, ins Zimmer trat und die Absicht kundgab, nach Fichtenwalde hinüber zu reiten, um zu sehen, wie es seinem Lehrer ginge.

Also los, los, mach', daß wir endlich vernünftigen Be­scheid kriegen", drängte Fricdheim, als er alles wußte,und suche Doktor Schröders habhaft zu werden. Frage ihn, ob er die Hinzuziehung eines Professors für geboten erachtet. Ich wil! dann sofort telegraphieren oder auch persönlich fahren, den Herrn herzuholen."

Einen Augenblick später saß Werner schon int Sattel. Seines Vaters Passion für den Reitsport lag auch ihm im Blut, und nach einem schlankgestveckten Galopp von knapp zehn Minuten parierte er fein Pferd vor der Tür des' Bollrathschen Ladens.

Er ist schon wieder bewußtlos", gab Frau Vollrath, die beim Anschlägen der Türglocke mit gewohnter Hast in den Laden getrippelt war, auf Werners teilnahmsvolle Erkundigung Aus­kunft.Er war überhaupt nur zweimal erst gestern abend, als die Wunde gereinigt wurde, und dann heute Morgent auf einen Augenblick wach und bei Sinnen. Jetzt ist der Dvktptz