Ausgabe 
28.12.1908
 
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1908

Nr. 205

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Der seltsame Fall der Madame Buroff. '>

AutzkKeichilet Von Bodo Wildberg.

Nachdruck verboten.

Ich befand mich unterwegs nach dem Süden, als ich die schlimme Kunde vom Selbstmord der schönen Madame Buroff empfing achtlos, gelangweilt wühlte ich in einem Hansen alter Zeitungen, die auf den Sitzen des Abteils lagen, und da stand es mit einem Male schwarz auf weiß vor ni einen Augen . . .

Selten hat mich eine Zeitungsnachricht so entsetzt und in den Tiefen meines Wesens erschüttert. Wenn die Blätter andeuteten, daß Buroff ein leichtes Tuch gewesen sei, daß Niaria Iwanowna sich aus Schmerz über die Treulosigkeit ihres Gatten den Too gegeben habe, so beweist dies nur, daß die Ausbreiter solcher Vermutungen Frau Buroff nicht kannten; denn dieser Frau ist die Eifersucht zeitlebens fremd geblieben. Sie war liebenswürdig und gut, aber eigentlich liebte sie nur eins: ihre Schönheit.

Tie zerknitterten Zeitungsblätter raschelten zu Boden, und plötzlich flammte mir die Erinnerung an einen Abend ins Gedächtnis, da sie vor uns tanzte. Es waren nur ein paar Künstler anwesend, die zum inneren Kreise des Buroffschen Hauses gehörten. Maria Iwanowna Buroff hieß als Mädchen Mary Mac Laren. Sie war von Geburt Anglo-Jndierin, eine Tochter des englischen Residenten am Ho<e des Radschas von Ghasipur, Sir John Mac Larens. An jenem Abend nun war das Gespräch auf die mystischen Tänze der Hindus gekommen. Im allgemeinen hörte Maria Buroff nicht gern von Indien sprechen; ich hatte öfter beobachtet, wie ein heimlicher Frostschauer über ihre Schul­tern zu rieseln schien, wenn man nach dem Lande ihrer Jugend zu fragen sich anschickte. War aber dieser erste Widerwille überwunden, so erzählte sie gern und eifrig von den Sitten und Bräuchen des wunderbaren Reiches. Und heute war ihr Gemüt so frei und heiter, daß sie auf den Wunsch ihres Gatten hin sich bereiterklärte, uns einen ganz seltenen und für Europa neuen Tanz in eigner Person vorzuführen.

Sie lief hinaus und kam in wenigen Augenblicken wieder: ein Wunder in goldgelber indischer Seide, die sie vom Halse bis zu den Füßen umfloß. In ihrem blau- schwarzen Haar trug sie einen doppelten Kranz fremdartiger, hochgelber Blüten, und ein Schleier von demselben feurigen Gelb umwand ihr bezauberndes Köpfchen.

*) Wir entnehmen diesen interessanten Beitrag, der einen abenteuerlichen Stoff in künstlerischer Form behandelt, derLei p- atfftr Illustrierten Zeitung".

Und Maria Iwanowna tanzte.

Ich will diesen Tanz nicht beschreiben. Bald war eK eine Flucht wie vor etwas Schrecklichem, bald ein Aus­druck der seligen Sicherheit, die man im Himmel Indras empfinden mag. Es mag genügen, wenn ich sage: nach dem Tanze waren wir alle wie von Sinnen. Ich warf mich ihr zu Füßen. Ich wagte es, einen dieser kleinen Füße zu küssen, aus Dankbarkeit und mit scheuer Andacht.

Keiner lachte mich aus. Buroff lächelte sein gutmütiges unergründliches Lächeln.

Eines kleinen Umstandes hatte ich alle diese Jahre hindurch vergessen. Er kam mir erst wieder ins Gedächtnis, während ich die Geschichte anhörte, die hier folgen soll.

Als ich damals meine Lippen auf den seidenen Strumpf der schönen Tänzerin drückte, bemerkte ich gerade über dem Rande des goldfarbenen Pantöffelchens einen Fleck, vielleicht so groß wie eine Haselnuß. Er schimmerte bläu­lich durch das zart-helle Gewebe der Seide. Ich hielt ihn damals für ein Muttermal.

Stundeiclang mußte ich beit Wirrnissen des Menschen­lebens nachsinnen, indes der Zug durch die nächtende Heide raste. Irgendwo war Zugwechsel und Aufenthalt. Ich trat abgemattet und gleichgültig in den engen, schlecht be- lenchteten Wartesaal.

Da was war das für ein Gesicht, was für ein braunes, altes, furchenzerpflügtes Gesicht, das mich dort aus einer Ecke des freudlosen Raumes ^stierte?

Eine ältliche Frau, der man trotz ihrer europäischen Kleidung sogleich ansah, daß sie einem fernen, fremden Volke angehörte, erhob sich mühsam von dem schwarz« belederten Sitz.

Moti, Moti! Ist es wahr? Ist es wahr?"

Sahib, es ist wahr. Meine geliebte Herrin ist tot, und ich reise zurück in meine Heimat.

Es war Ayah Moti, die indische Amme Mary Mac Larens, die ihr als treue Dienerin und Vertraute durchs Leben gefolgt war.

Die Sandukleutc sind schuld", wimmerte die Alte.

Wer was?"

Die Sandukleute, Sahib! Doch Ihr aßt ja immer so gern von nj einem Kuchen, Sahib. Hier hab' ich welchen in meiner Reisetasche."

Laßt das, Moti, ich will alles hören . . . Wann geht Euer Zug?"

Sie sagten mir, ich hätte noch eine halbe Stunde Zeit."

Dann lasse ich meinen Zug wegfahren. Ich will alles hören, Moti, wie es gekommen ist" . . .

Wir sprachen englisch, und überdies waren wir allein