Ausgabe 
28.10.1908
 
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gewöhnlicher Bürgersmann, der durch eine jener Leidenschaften, Von denen man nicht gerne spricht, sich in diePfefferbüchse" hätte verlocken lassen ein solchen Bürgersmann hätte längst gestanden und verlangt, daß ihm eine Pistole *) angewiesen würde.

Mer', Herr Richter, der Angeklagte ist nicht der Gaukler Mail sagte Lecog.

Nein, gewiß reicht! Sie müssen also selber zusehen, in welchem Sinne Sie die Nachforschungen zu lenken haben.

Er lächelte freundlich und fuhr in seinem liebenswürdigsten Tone fort:

War es nötig, Ihnen das noch besonders zu sagen, Herr Lecog? Nein, denn Ihnen kommt die Ehre zu, die Täuschung erkannt zu haben. Ich selber, ich gestehe es offen, wäre in diesem Augenblick Von dem großen Betstellungskünstlet übertölpelt worden, wenn sch nicht durch Sie gewarnt wäre.

Der junge Kriminalbeamte verneigte sich bescheiden; aber das ganze Glück geschmeichelter Eitelkeit leuchtete aus seinen Augen, die heller glänzten als zwei Karfunkel. Sofort jedoch siel ihn» «in, daß eine Befriedigung ein wenig voreilig, und daß der Er­folg noch höchst zweifelhaft wäre. Der Gedanke an das Gleichnis von beut zu früh verkauften Bärenfell gab ihm sofort seine ganze Kaltblütigkeit wieder, und er bemerkte in ruhigem Ton:

Herr Richter, mir ist etwas eingefallen.

Nun, was denn?

Die Witwe Chupin, Sie werden sich dessen ohne Zweifel ev- iNnern, hat uns von ihrem Sohtt gesprochen, einem gewissen Polyte.

Ja, richtig.

Der Bursche, ein abscheulicher Geselle, hat Erlaubnis er­halten, bis zur Aburteilung seines Falles im Untersuchungsge- süngnis verbleiben zu dürfen. Warunt sollte man ihn nicht ver­hören? Er muß alle Leute kennen, die in derPfefferbüchse" Verkehren und könnte uns vielleicht über Gustave, über Lacheneur und über bett Mörder selbst wertvolle Aufschlüsse geben. Da er Nicht in einer Einzelzelle sitzt, so hat er wahrscheinlich bte Ver­haftung seiner Mutter bereits erfahret!, aber es scheint mir un­möglich, baß (er von bev Ungewißheit, die uns quält, eine Ahnung hat.

Ah, Sie haben hundertmal recht! rief der Richter. Daß ich daran nicht schon selbev gedacht habe. Gleich morgen früh will ich den Menschen vorführen lassen, der in seiner Eigenschaft als Angeschuldigter jedenfalls leichter zu bearbeiten fein wird, als Wenn er frei wäre. Ich will auch feine Frau vernehmen.

Er wandte sich zu seinem Sekretär unb rief:

Schnell, Goquet, fertigen Sie eine Vorladung auf den Namen bet Frau Hyppolyte Chupin aus, außerdem einen Vorführungs- hefehl für den Mattn.

Es war schon dunkel geworden, man sah nicht mehr genug, um schreiben zu können, dev Sekretär schellte und befahl Licht |tt bringen. Als bet Gerichtsdicner, der die Lampen brachte, gerade wieder hinausgehen wollte, klopfte cs an die Tür. Er öffnete und der Direktor des Untersuchungsgefängnisses trat ein.

Seit vierundzwanzig Stunden beschäftigten die Gedanken des Würdigen Beamten sich stark mit dem geheimnisvollen Gast, der keine Einzelzelle Nummer 3 bewohnte, und er wollte sich nach beit näheren Umständen erkundigen.

Ich möchte Sie fragen, Herr Richter, begauir er, ob ich beit Angeschuldigten Mai noch ferner in strenger Einzelhaft hal­ten soll.

Ja.

Ich habe Mr einige Befürchtungen wegen feiner Wutaus­brüche ; andererseits widerstrebt es meinem Gefühl, ihm wieder die Zwangsjacke anzulegen.

Lassen Sie ihn frei in seiner Zelle, sagte Segmüller, legen Sie den Wärtern ans Herz, daß sie den Mann freundlich be­handeln, und beschränken Sie sich darauf, ihn unausgesetzt be- vbachten zu lassen.

Der Direktor verneigte sich; dann sagte er:

Ohne Zweifel, Herr Richter, ist es Ihnen gelungen, die Per­sönlichkeit des An geschuldigten festzustellen?

Leider, nein!

Der Direktor schüttelte mit schlauer Miene den Köpf und bemerkte:

Dann waren also meine Vermutungen richtig. Es scheint mir überreichlich bewiesen zu sein, daß der Mann ein Verbrecher von bet schlimmsten Sorte ist, ganz gewiß ein Rückfälliger, der das mächtigste Interesse baran hat, seinen wahren Namen zu verbergen. Sie werden sehen, mein Herr, wir haben es mit

*) So nennt man in den französischen Gefäuguisscn die Zim­mer der Arrestanten mit Selbstbeschäftignng und Selbstverpflegung.

einem zu lebenslänglicher Zwangsarbeit Berurteilken zu tun, der aus Cayenne entflohen ist.

Vielleicht irren Sie sich.

Hm, das sollte mich sehr wundern. Ich muß gestehen, meine Meinung ist. die von Herrn Gbvrol, dem erfahrensten und ge­schicktesten aller unserer - Ktziminalinspektoren ausgesprochette. Es kommt ja manchmal vor, daß zu junge und zu eifrige Beamte sich etwas in den Klopf setzen und den Hirngespinsten ihrer Ein­bildungskraft n a chrennen.

Lecog wurde ganz dunkelrot vor Zorn und wollte ohne Zweifel eine scharfe Antwort geben, doch Segmüller gebot ihm mit einer Handbewegung Schweigen und erwiderte dem Direktor lächelnd:

Wahrhaftig, lieber Herr, je mehr ich den Fall studiere, desto mehr leuchtet Mir die Annahme desübereifrigen" Beamtctr ein. Indes bin ich ja nicht unfehlbar und iverbe Ihnen für Ihre Dienste recht dankbar sein.

Oh, ich habe meine Mittel, die Wahrheit herauszubringen, versetzte der hartnäckige Direktor, und ich hoffe bestimmt, daß unser Mann binnen vierundzwanzig Stunden mit aller Sicher­heit erkannt ist, entweder durch die Beamten der Kriminalpolizei oder durch Mitgefangene, denen wir ihn zeigen Werbern

Mit diesen Worten entfernte bet Direktor sich. Lecog sprang wütend von seinem Stuhl auf und rief:

Sehen Sie, Herr Richter? Dieser Gsvrol! Schon spricht er schlecht von mir, er ist eifersüchtig!

Nun, was macht Ihnen das aus? Wenn Sie recht haben, so ist das Ihre beste Rache. Mißlingt Ihnen der Beweis, so bin ich da, um Sie in Schutz zu nehmen.

Da es schon spät war, so beeilte der Richter sich, dem jungen Beamten die Beweisstücke einzuhändigen, die er bei seinen Nach­forschungen nötig hatte: zunächst den Ohrring, dessen Herkunft unbediitgt aufgefunden werden mußte, dann bett mit dem Namen Lacheneur unterzeichneteit Brief, der in der Tasche des falschen Soldaten Gustave gefunden worden Ivar. Er gab ihm noch ver- fdjiebene andere Aufträge, sagte ihm, er möchte am nächsten Morgen ja recht pünktlich zur Stelle fein und entließ ihn mit den Worten:

Gehen Sie . . . und viel Glück.

lFortsetzung folgt.)

Wilhelm Busch im neuen Lichte.

Für beit echten Künstler beginnt ein neues Leben nach seinem! Tode. Die Nachwelt erst gewinnt den rechten Standpunkt zu ihm; die feineren Uebcrgänge feiner Entwicklung, die intime und ganz persönliche Art feines Fühlens treten aus Dokumenten hervor, die er selbst sorgfältig der Oeffentlichke.it verbarg und bte nut» fein Nachlaß aus Licht bringt. Wilhelm Busch, der sich so streng unb konsequent abschloß gegen die Welt und nie einen! Einblick in seine Werkstatt, in die Geschichte seines Schaffens Prozesses gestattete, erscheint so nach seinem wöbe in neuem Licht. Wir entdecken jetzt neben dem Zeichner, den genialen Maler Busch, den eine schöne Ausstellung seiner Werke allgemein bekannt macht. Er selbst wollte ja eigentlich all seine Gemälde verorannt wissen, aber es haben sich doch noch an die 150 erhalten, und fte lassen einen Meister breiter impressionistischer Malerei erkennen, der auf den Spureir des Frans Hals zu enter großzügig andcuteu- I

den, alles, Lebendige prachtvoll heraushvlcnden Knust kam, nm r

die ihn die Modernsten beneiden können. Dann taten sich! Buschs

Studien- und Slizzenmasfen auf und gaben aus bet Fülle von t <

Entwürfen und Handzeichnungen die herrlichsten Beispiele uw- I ;

sehlbar treffender Beobachtung mit Feder und Bleistift her. Erne :

Anzahl dieser Handzeichnungen ist bereits in einer schönen Pulte < <

kation borgelegt worben. Und endlich brachte fein Nachlaß noch eine nette UeberraschMg: ein völlig fertiges Werk, mit dem ! '

nachdenklichen TitelHernach", eine letzte Zusammenfassung- feine« Weltanschauung in bunten Bildern und launigen Versen. Am persönlichsten aber gibt sich dieser Künstler-Philosoph, der allen» s i

siibiektiven Btzöennen so abhold war und sich so völlig mnterk

feinen Merken versteckte, daß man fein Wesen und Wollen laug« ]

Zeit ganz verkennen konnte in seinen Briefen. Hier redet er so warm, so herzlich -zu uns wie nie bei feinen Lebzeiten; hier entfüllt er uns Kern- und Innerstes feinet Art.

Wilhelm Busch ist ja nicht nur ein Meister des Stifts, fondern auch bet Sprache. Wem die unvergleichlichen Verse seiner ivmiichei» Epen vonMax und Moritz" bis zumMaler Kleckfel" mit wonnesam kitzelnder Hand über Ohr und Zwerchfell dahmgleiten, bet wird sich Über die Ursache ihrer grilleiismeuchenben Wirkung | wohl kaum viele Gedanken machen. Oder er wird denken:_ bet» I artige kunstlos-triviale Sachen Stute im Grunde jeder tabrt-, I zieren. DaS tote aber ein großer Irrtum. Weint bet einem bet Ausspruchle style estst l' Homme" znttifft, so tsts Wil­helm Busch. Ihm ist die Sprache in bev Tat bet Ausdruck seines innersten Msens. Er hat aus beit Komponenten verton- kicher, künstlerischer und philosophischer Eigenart heraus eme durch- aus neue Stilform entwickelt, die zwar! in bet Schule nicht ge-