1908
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Herr Lecoq.
Kriminal-Roman von E. Gaboriäm
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Erfand Lecog diese Geschichte zu feinem Vergnügen', belustigte vr nur seine Einbildungskraft mit dieser Szene? Heuchelte er Nur diesen Ton der Ueberzengnng, womit er seine Schilderung gleichsain wie eine lebendige Wirklichkeit vorführte? Ter alte Absinth hatte noch gelinde Zweifel, aber ihm fiel ein Mittel ein, sich unfehlbare Gewißheit zu verschaffen. Er nahm schnell die Laterne auf und eilte zu den Fußspuren hin, die er gesehen, ans denen er aber nichts Hatte lesen können, die für ihn stumm gewesen waren, aber einem anderen ihr Geheimnis verraten hatten. Er mußte sich vor dem Augenschein ergeben. Alles, was Lecog beschrieben hatte, fand er wieder: die ineinander übergehenden Fußtapfen, den durch die Röcke gebildeten Kreis, das Aufhören der von den eleganten Stiefelchen hinterlassenen Spuren.
Als er zurückkam, verriet sein Gesicht nur noch eine mit Respekt gemischte Bewunderung: er sagte mit einer begreiflichen leichten Verwirrung:
Man muß es einem Alten von der alten Garde nicht übel nehmen, wenn er ein bißchen den ungläubigen Thomas macht . . . Ich habe mich handgreiflich überzeugt und möchte jetzt gerne die Fortsetzung wissen.
Ter junge Polizist hatte ihm seine Ungläubigkeit natürlich Nicht übel genommen, da sie für ihn so schmeichelhaft war. Er fuhr fort:
Hierauf läuft der Komplize, der die Flüchtlinge gehört hat, ihnen entgegen und hilft der Frau mit dem breiten Fuß die andere tragen. Tie letztere war wirklich unwohl. Sofort reißt der Komplize seine Mütze vom Kopf und schlägt damit den Schnee ab, der auf dem Balken lag. Da er den Platz noch nicht fite trocken genug hält, so toischiie er ihn mit dem Schoße seines Ueberziehers ab. . . . Sind diese Bemühungen reine Galanterie, oder entspringen sie der gewohnheitsmäßigen Zuvorkommenheit eines Untergebenen? Das ist mir fraglich geblieben. So viel steht fest: während die Fran mit dem kleinen Fuß halb ausgestreckt auf bem Balken lag, um wieder zu sich kommen, zog die andere den Komplizen fünf oder sechs Schritte weit auf die Seite, nach links, neben diesen mächtigen Stcinblock. Hier spricht sie mit ihm, und während er zuhört, legt der Mann ganz mechanisch auf die schneebedeckte obere Seite des Blocks seine Hand, die dort einen Abdruck von wunderbarer Genauigkeit zurückläßt. Im weiteren Verlauf des Gesprächs stützt er seinen Ellbogen auf den Schnee.
Wie alle Leute von beschränktem Verstände mußte der alte Absinth unfehlbar von seinem vorherigen einfältigen Mißtrauen zu einem übertriebenen Vertrauen übergehen. Er konnte von nun an alles glauben, gerade wie er vorher nichts geglaubt hatte: für ihn war der durchdringende Scharffinn seines Kameraden von nun an einfach grenzenlos. Er fragte also in allem Ernste:
Und !vas sagten der Man» und die Frau mit den plattest Schuhen zu einander?
Lecog lächelte über die Naivität, was der andere nicht bemerkte und antwortete:
Auf diese Frage läßt sich' ziemlich schwer! erwidern: ich glaube indessen, daß die Frail dem' Manne auseinandersetzte, von welcher großen Gefahr ihre Beglciteriil bedroht würde, und daß sie beide über die Mittel berieten, wie dieser Gefahr zu begegnen sei. Vielleicht überbrachte sie Befehle, die der Mörder ihr zugerufeu hatte. So viel ist sicher, daß sie zuletzt den Komplizen bat, nach der „Pfefferbüchse" hinzulausen und zu versuchen, ob er nicht herausbekommen könnte, was dort vorgegangen wäre. Und er läuft dorthin, denn die Fußspur des Hinweges geht von diesem Steinblock aus.
Und, wenn man daran denkt, rief der alte Polizist, daß wir in diesem Augenblick in der Kneipe waren! Ein Wort von Gsvrol, und wir Hütten die ganze Bande gefaßt! Was fite ein verdammtes Pech!
Lecogs Selbstlosigkeit ging nicht so weit, daß er das Bedauern seines Kollegen geteilt hätte. Im Gegenteil, er segnete Gsvrol ob seinem Fehler. Verdankte er nicht diesem Fehler, daß er den Fall untersuchen durfte, der immer geheimnisvoller wurde, in den er aber dennoch einzudringen hoffte?
Um zum Schluß zu kommen, fuhr er fort: Der Komplize kommt sogleich zurück, er hat die Szene gesehen, Angst bekommen und ist schleunigst weggelaufen. Er zittert davor, die von ihm gesehenen Schutzleute möchten auf den Einfall kommen, das freie Feld abzusuchen. Er wendet sich an die Frau mit den kleineir Füßen und beweist ihr die Notwendigkeit schneller Flucht, da jede verlorene Minute Todesgefahr bringen könnte. Als sie seine Worte hört, rasst sie alle Energie zusammen, steht auf und entfernt sich, auf den Arm ihrer Begleiterin gestützt. Hat der Mamr ihnen den Weg beschrieben, den sie gehen mußten, oder kannten sie den W^eg selbst? Tas werden wir später erfahren. So viel steht fest, daß er sie ein Stück Weges begleitet hat, um sie zu beschützen. Aber außer seiner Pflicht, die beiden Frauen zu beschützen, hat er noch eine heiligere Aufgabe, nämlich, wenn möglich, seinem Komplizen beizustehen. Er kehrt also um, kommt wieder bei dieser Stelle vorbei, und hier sehen Sie seine letzte Fußspur, die in der Richtung der Rue du Chateau des Rentiers läuft. Er will wissen, was aus dem Mörder wird, und beschließt, sich auf dem Wege, den man mit diesem nehmen wird, auf die Lauer zu legen.
Wie ein Theaterliebhaber, der mit seinem Beifall bis zum Ende des Stückes wartet, so hatte auch der alte Absinth seine Bewunderung gezügelt. Erst als er sah, daß der junge Polizist fertig war, ließ er seiner Begeisterung freien Lauf und rief:
Tas ist 'ne Untersuchung. Und man sagt, der Gsvrol versteht was! Er soll nur kommen! Hören Sie, soll ich Ihn eit was sagen? Gegen Sie ist der General ein Waisenknabe!
Tie Schmeichelei war sehr plump, aber unverkennbar ansi richtig gemeint. Und dann mar es auch das erstemal, daß Lecocst Eitelkeit von solchem Lobe betaut wurde; er war entzückt, antwortete aber in bescheidenem Ton:


