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toit der anstrengenbetk Tagesarbeit, inübe, durchfroren — so findet er kein behagliches Plätzchen znm Ausruhen, „the dear and holh place at the fireside", tvie er so gern sagte. Kein Licht, kein Feuer im Hause, das den Heimkehr enden freundlich grüßt und erwärmt. . . Diese Mieia, wie kann sie nur. . .!
Aber wie denn? Miela ist nur ein gemietetes Mädchen, bas für Lohn seine Arbeit tut — und sie, die Hausfrau, die das heilige Herdfeuer hüten soll — wo Ivar sie denn, tage-, wvchcn- laug?
Sie wirft den Mantel ab, holt Holz und Steinkohlen' aus der Küche und kniet vor dem kalten Ofen nieder, und bald flamnit es auf, das laug vernachlässigte heilige Feuer, und Anne Marie kniet davor und schaut hinein, und ihr ist, als siele all das Freinde, Kalte, Tote, was ihr so lange ine Herzen gesteckt, hinein tit die züngelnden Flammen und werde von ihnen verzehrt — Und als sie endlich aussteht, sind ihre Augen feucht geworden'. Aber sie will nicht länger träumen — cs gibt hier so viel zu tun für sorgende Hausfrauenhände. Staub, überall, schiefe Bilder an den Münden und unordentlich durcheinander geworfene Bücher und Schriftstücke auf dem Arbeitstisch — und ihr Gatte, der so peinlich ordentlich ist, was mag er gelitten haben unter dieser Vernachlässigung seines Heims!
Wenn er doch nur käme!
Ihr Blick fliegt hinüber zu den erleuchtete» Fenster» im Amtsgericht. Drüben sind alle Vorhänge niedergelassen, sie feiern ihr Weihnachtsfest. Und Hans ist tvvhl dort bei den Freunden, sic haben ihn zu sich herüber geholt, den Einsamen. — Die Hand Mit dein Staubtuch finkt müde herab. — Sechs Uhr — zu Hause Künden sie nun auch den riesigen Christbaum an, ganz oben an die Spitze hat der Vater den großen Stern hingesteckt — wie der leuchtet und flnnmert! und wie die Geschwister jubeln und die Eltern stillfröhlich, daneben stehen — und an sie denkt wohl keiner von ihnen allen! Hier steht sie und wartet, inutterseelen- allein — und Hans kommt nicht — und das ist mm Heiliger Abend!
Jetzt geht die Tür, und jetzt ein Schritt im Entree. Herrgott, das ist er! Die Tür wird geöffnet, und Mielas Gesicht schaut zaghaft herein.
„Herr Doktor . . . Herrejesus nee, Frau Doktorn, sünd Sie das wirklich? Und ich hatt' keine Ahnung, nee, nur Gottes willen Menn Sie doch man bloß geschrieben hätten, Frau Doktorn!"
Anne Wiitriti sieht das erschrocken dastehende Mädchen ernst an — sie kann sich doch nicht enthalten zu sagen: „So hältst du Haus, wenn ich nicht da bin, Miela! Keine Lampe int Flur, und kein warmes Zimmer, wenn mein Mann heimkehrt?"
„Ach 'Gott, Frau Doktorn, das Feuer is wohl man eben ans-- gegangen," stottert Miela verlegen. „Und der Herr is ja bei Amtsrichters eingeladen, wer weiß, wann der nach Hause kommt! Und unsereins will doch auch sein bißchen Vergnügen haben, cs ist doch Heiligabend. Da sitzt doch jeder gern hei seine Familge, im ich war man eben bei Muttern." Mielas Zunge hat nach dem ersten Schreck ihre alte Geläufigkeit schnell wiedergefunden.
Anne Marie bat von all dem Gerede nur das eine gehört; gedehnt wiederholt sie: „So . . . der Herr ist bei Amtsrichters?"
„Na, was soll er denn auch so allein hier sitzen?" bemerkt Miela treffend. „Soll ich ihn vielleicht holen?"
„Nein, laß nur."
„Kann auch sein, -er kommt erst noch mal wieder »ach Hause," sagt Miela mit einem Blick auf den Kleiderständer. „Sein guter Rock hängt ja noch da. Ach Herrjeh" — sie schlägt sich mit der Hand vor die Stirn, „er wird wohl ... er wollt' ja iwch. . sie stockt und blickt unschlüssig, ob sie davon sprechen darf, auf die Fran.
„Was wollte er? So sprich doch weiter, Miela," ruft Anne Marie ungeduldig.
„Noch mal auf'» Kirchhof gehen. Heut' früh war er all einmal da und. hat all die vielen Kränze rausgetragen, ganz allein. Ich wollt' ihn» noch helfen, aber er sagt so aus seine Art: Nein, lassen Sie nur, Miela, ich trags lieber allein."
„Wie der Mann, den ich gestern sah," mußte Anne Marie denken. „Der trug .auch seine Kränze hinaus, den weiten, weiten Weg."
„Aber der lütte Tannenbaunr war noch »ich da, den der Herr bestellt hatte," berichtete Miela 'weiter, die immer beredt wirb, wenn sie von ihrem Doktor spricht. „Erst heut nachmittag hat ihn der Gärtner gebracht, da wird der Herr ihm wohl noch rausgetragen haben . . ."
„Also iricht bei Amtsrichters, sonderte bei seinem Kinde," denkt Anne Marie nnd faltet unwillkürlich die Hände, Passer
solitär ins, — mutterseelenallein dort draußen an der Stätte des Todes, heut, wo alle Menschenkinder, groß und klein, das Fest der Freude feiern. Was steht sie noch hier? gehört sie nicht dorthin zu ihm ?
Sie greift nach dem Mantel, aber Miela hält sie zurück. Hören Sie doch, Frau Doktorn, es kommt wer die Treppe rauf. Ja, das is er — ich kenn ihm schon am Tritt."
Anne Marie erkannte ihn auch. Sie begann zu zittern —: ihr Mann kam heim.
„Miela, kein Mart von'mir', verstehst dn? Ich will ihst überraschen."
Sie nahm ihren Mantel und Hut, die zum Verräter werde» konnten, und lief ins Eßzimmer, wo es kalt und dunkel war. Die Tür blieb angelehnt — und jetzt, wie er hereinkam, konnte sie ihn sehen und hören, ohne daß er ihre Nähe ahnte.
Wie elend er aussah — so müde, so vergrämt! Jetzt nahm er den Hut ab, nnd beinahe hätte sie anfgeschrieen — der Lampen- scheiu fiel auf sein dichtes, dunkles Haar — es war säst grau geworden in dieser Zeit — o Gott, und wie hager das liebe, treue ernste Gesicht!
Der jungen Frau hinter der Tür schossen die Tränen in die Augen, gewaltsam mußte sie ihr Schluchzen unterdrücken, um sich nicht zu verraten. Glücklicherweise steckte jetzt Miela den Kopf zur Tür herein und fragte: „Gehen Herr Doktor rüber zu Amtsrichters?"
„Nein, ich bleibe hier," erwiderte Hans Birkholz, zog seinen Mantel aus und ließ sich schwer in seinen Stuhl ont Schreibtisch niedersinken. Miela blieb wartend stehen, er schien sie ganz vergessen zu haben. Stnmni saß er da, den Kopf in die Hand gestützt.
„Wünschen Herr Doktor sonst noch was?" fragte das Mädchen schüchtern.
„Nein, danke." Dann besann er sich, wandte sich um und sagte in einer gütigen, teilnehmenden Art: „Aber Sic, Miela, Sie haben gewiß noch Wünsche?"
„Ach nee — der Herr hat mir ja all heut' morgen..."
„Das meine ich nicht. Aber Sie wollen gewiß zur Wtntter? Gehen Sie ruhig, Miela — heut' abend soll jedes bei den! Seinen sein."
Miela nickte verständnisinnig und ging, und Hans Birkholz kehrte in seine frühere Stellung zurück.
Da knarrte abermals die Tür, ein zögernder Francnsnß trat auf die Schwelle.
„Wollen Sie noch etwas, Miela?" fragte der Doktor müde, ohne sich nmzusehen.
„Miela ist es nicht, sondern ich... und ich... ich..." schluchzte eine zitternde Frauenstimme.
Sein Stuhl schlug krachend um — „Anne Marie, Tu?" Er war aufgesprungen und eilte auf sie zu — in der Mitte des! Zimmers blieb er stehen nnd ließ die ausgestreckten Arme sinken. Sein Gesicht war blaß wie der Tod.
„Du kommst zu mir?" fragte er leise und zweifelnd, und in* seiner Stimme lag ein so ergreifender Klang, so viel Leid und Liebe, so viel von alledem, was er in diesen Wochen durchgemacht — daß das junge Weib zu seinen Füßen hiirstürzte und stammelte: „Ich wollte Dich bitten, daß ich... daß ich wieder bei Dir bleiben darf, Hans ... o Hans...!"
Ta beugte er sich nieder nnd hob sie auf. In seinen starken Armen trug er sie durchs Zimmer und küßte sie, ünd konnt's nicht fassen, nicht glauben, daß sie ihm wiedergegeben war. —
Die Zeit verrann, und als Miela um Schlafengehenszeit sachte de Knopf zur Tür herein steckte, saßen der Herr Doktor und die Frau auf den: Sofa, Hand in Hand, und auf dem Tische brannten statt des Christbaumes ein paar Wachslichter, und ur einer Base steckte eine Handvoll Tannenzweige — das war alles. Enttäuscht zog Miela sich wieder zurück. „Mi bucht, sie hat nich mal 'n büschen Kuchen mitgebracht!" murrte sie.
„Nun, habe ich nicht mal einen Christbauiu für Dich, Kind," hatte Hans Birkholz nach den ersten erschütterubeu Augenblicken gesagt.
„O Hans, ich brauche auch keinen — ich bin ja bei Dir...!"
Und die Wachskerzen brannten knisternd wie Christbaumlichter, ünd die Taünenzweige — Tannenzweige von des Kindes Grab durchdufteten das ganze Zimmer mit ihrem herben, lieblichen Dust, und in den Herzen der beiden Menschen, die stillseligl nebeneinander saßen, lauteten tausend Glocken das Fest des Friedens ein.


