Ausgabe 
24.12.1908
 
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Donnerstag den 24. Dezember

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Der einsame Spatz.

Novelle von Jassy T o r r u n d.

(Nachdruck verboten.)

Schluß.

Wie ehre Binde fällts ihr von bett Angen. O nttiit Gott! &cfrt es ihm so ivic ihr die schlaflosen Nächte, die einsamen Tage? . . .

Sie greift mit der Land nach der schmerzenden Stirn; längst Vergessenes steigt vor ihr heraus eine stille, traute Dämmer­stunde aus ihrer Brautzeit, Lians tittb sie allein mit den, roten Feuerschein und den knisternden Funken, selige Träum« spinnend in der Ecke am Kamin. Und Hans erzählt ihr von seiner Jugend, Intb zum ersten mal schlägt der wunderlich traurige Name an ihr Ohr, Passero folitario.Nie wieder sollst du's sein," hat sie ihm gelobt, lachend und lveinend zugleich. Passer« solitario und was er einst gewesen, seht ist ers wieder, doppelt und drei­fach einsam. Verlassen von seinem Kinde, verlassen von feinem Wvibe! Uttb jählings wacht das Bewußtsein eigener Schuld in ihr auf. Unerbittlich hat sie ihm nachgerechnet, was er getan, doch ivaS sie selber gefehlt, daran hat sie nie gedacht! Jetzt stehts vor ihr auf und wiichst und wächst riesengroß alles andere ist vergessen in dieser Sekunde das Weib in ihr ist erwacht, die Worte ihres heiligen Schwures fliegen ihr durch den Sinn: bei ctmntber zu stehen, bis der Tod uns scheidet. Wie hat sie ihr Gelöbnis gehalten? O Gott, mein Gott!

Sie rafft ihr Kleid zusammen und hastet den schmalen Pfad entlang und durch breite, öde Wege zum Friedhoftore. Ta draußen liegt das Leben, und sie, sie gehört hinein ins Leben!Ich nutü heim!" murmeln ihre Lippen wohl hundertmal unterwegs, lmdich muß heim", sagte sie atemlos der Mütter, die ihr im Flur entgegenkommt, besorgt ob ihres langen Ausbleibens.

Gott sei Dank, daß du es endlich einsiehst," erwidert die kluge, gütige Frau.Fortschicken konnten wir unser Kind doch Nicht, aber vergiß cs nie ivicder, Anne Marie, eine rechte Frau gehört zu ihrem Mann!"

Jit der Frühe des 24. Dezember fuhr Anne Marie heim. Endlose Stunden biirdr die endlose Ebene. Verschneites Heideland, verschneite Kiefernwälder mit rötlichen Stämmen und mißfarbigcn timtlcit Kronen. Aber hatte eine paradiesisch schöne Landschaft vor ihr ausgebreitet gelegen, auf Anne Marie hätte es kaum mehr Eindruck gemacht als dieses öde, trostlose Einerlei, durch das der brausende Zug sie führte. Viel Reisende und viel er» tvartnngssvohe Gesichter, heiteres Geplauder, Necken und Lachen Imt sie her. Natürlich, jeder von ihnen kommt heut' nach Hause, futib heut ist ja Heiliger Abend! An Anne Marie ging das alles fast ungehört und unverstanden vorüber; sie lebte nur trach innen, sie hörte vor ihren geistigen Ohren nur immer der Mutter freuttdlich ernste Stimme sagen:Eilte rechte Frau gehört zu ihrem Mamt," und Hansens Stimme, die ihr von seiner Jugend erzählt, und den Psalmengesang auS der Kirche . . . Das alles stÄßt ihr seht wunderlich in eins zusammen, in eine weiche,

feierliche, rührende Melodie, zu der das Stainpfeu und Schnaube« des Zuges eilte seltsame Begleitung bildet. Einmal auf einer Station dringt der Klang ferner Kirchenglocken herüber und ww Friede ibnrmt'» über das Gemüt der ruhelosen Frau.

Die frühe Dämmerung des Heiligabends senkt sich herab über die kleine Stadt schon flammt hier und da, wo ungeduldig«! Kinderherzen gar zu stürmisch pochten und mahnten, ein Lickter- baum auf.

Anne Marie sieht es, wie sie zu Fuß den Weg tont Bahnhof jit ihrem Hause einschlügt. Ihre Pulse klopfen, ihre Füße schreite« so schnell und doch nicht schnell genug für das ungeduldige, unruhige Herz! Hat sie darum wochenlang gezögert, daß ihr jetzt die letzten zehn Minuten so lang, so endlos lang werden? Und wie wird sie ihn finden? was wird er sagen? Wird er ihr alles verzeihen kömien, lvas sic ihm angetan? All ihrs bösen, schlimmen Worte, ihren Haß, ihr Schweigen, ihr Wochen» langes Fernsein? O, daß die nächste Stunde schon überstanden wäre!

Jetzt steht sie vor dem Hause, kaum fähig des aufsteigenden Schwindels Herr zu werden, so klopft ihr Herz, so hämmerts bis in den Hals hinauf.

Alles dunkel.

Sollte .Hans, nicht zu Hause sein, heut am Heiligen Abend?

Sie geht die Treppe hinauf, mühsam, nach Atem ringend. Sie zählt mechanisch die Stufen, und ihr zur Seite geht der bange Zweifel und fragt: Kann er mir verzeihen? Sie klopft an die Tür, leise, zaghaft, wie ein Bettler. Heimlich will sie eintreten und ihn überrafchen. Niemand öffnet. Sie stteckt die Hand nach dem altmodischen Klingelzug aus die Glocke schrillt aufdringlich laut durchs Entree drinnen bleibt alles still. Eine unbestimmte Augst kriecht atenrraubend über ihr Herz in den Sekunden des Wartens, des zweiten Klingelns wächst fit zum Riesen heran. Wie totenstill eS drinnen ist so still wie damals. . .

Das Grauen schüttelt sie, sie muß sich festhalten und greift nach einem Stützpunkt. Da spüren die tastenden Finger einen Schlüsse! in der Ecke am Nagel, ein Versteck für den Entree- schlüssel, das Miela zuweilen benutzte. Mie'la ist also ausgegangen Anne Marie seufzt auf, was hat sie denn eigentlich gedacht, tvas für eine törichte Ahnung hat sie geängstigt? Ihr Mann wird noch auf Praxis sein oder vielleicht drüben bei Amtsrichters?

Ihre Finger zittern noch von der ausgcstandenen Angst, wie sie den Schlüssel ein steckt und aufschließt. Nun steht sie drinnen und tastet sich vorwärts durch den dunklen Flur. In der Küche neben dem Herd sind Zündhölzer jetzt flammt eins auf Gottlob, da- steht auch Mielas kleine Lampe. Sie atmet er­leichtert, nun sieht sie Licht, nun ist's nicht mehr so schrecklich wie vorhin! Sie nimmt die Lampe und wandert durch die wohl- bekannten Räume nur das Schlafzimmer wagt sie nicht zu betreten, tvo damals das Kind lag in seinem Bettchen, so fremd, so still .... scheu und auf den Zehenspitzen schleicht sie da rack vorüber.

Es ist Alt, eisig kalt überall, sie suhlt es trotz ihres warme« Mantels und schauert zusammen. Wenn Hans nun heimkommt