Ausgabe 
24.10.1908
 
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Nach und alle Honoratiorendamen bekamen das Wunder von ihrem Sohne erzählt.

Sally wurde älter und sollte mit dem Vater auf den Handel gehen. Aber merkwürdigerweise hatte er gar lernen Spaß am schönsten Geschäftchen. Konnte Leopold nach einem guten Geschäft nicht schnell genug zu seiner Frau kommen, um ihr das verdiente Geld zu zeigen und durch ihre Freude nochmals eine neue Freude zu genießen, so ließ Sallh dies alles kalt. Oft meinte die Mutter einen verächtlichen Blick an ihm zu sehen, wenn sie ihre Freude über das Er­rungene gar zu oft zeigte.

War aber irgendwo Musik, so war er nicht fortzu- bringen inib mußte den letzten Ton in sich aufnehmen. Jeden Sonntagmorgen iin Sommer lag er im hohen Gras «ms dem Friedhöfe und lauschte den Tönen der Orgel, die «ns der .Kirche herausdrangen, um zu Haus zum Entsetzen ferner Eltern, christliche Melodien aus dem Gedächtnis auf denr alten wurmstichigen Instrument nachzuspielen. Im Winter mußte sich Sally diesen Ohrenschmaus teuer er­kaufen. Da konnte er handeln und feilschen. Der Sohu des Küsters, ein verschlagener, habsüchtiger Junge, ließ ihn, das heißt, wenn Sally ihm alles schenkte, was er wollte, während des Gottesdienstes in den Glockenturm. Oft mußte Sally dem groben Menschen seine ganze Habe an Geld geben und einmal war er sogar gezwungen, die neuen Hosenträger zu opfern, um nur nicht am Sonntag Morgen, ohne Musik gehört zu haben, nach Haus gehen zu müssen. Alle bösen Worte des Vaters, alle liebevollen Ermahnungen der Mutter machten aus Sally keinen Geschäftsmann.

Eines Abends, als die Eltern gemeinsam vom Handel «ach Haufe kamen, brannte kein Licht in der Stube, war kein Feuer auf dem Herde. Als Elle mit zitternden Händen die Lampe entzündet hatte, fah sie auf dem Tisch einen Zettel liegen.Vater und Mutter," stand darauf,Ver­zeiht mir, aber ich muß fort in die Welt. Geht es mir gut, jo komm ich wieder. Wenn nicht, so seht Ihr mich nimmer."

Lautes Jammern erfüllte das Zimmer. Elle meinte, «un wäre feder Sonnenschein aus ihrem Leben gewichen. Leopold dagegen hatte im Innersten feines Herzens Respekt vor dem Jungen, der auf eigene Faust sich aus der Enge feines Daseins herausarbeiten wollte.

Rach und nach gewöhnten sie sich an die Abwesenheit des Kindes. Nur sparsamer wurden sie noch und legten em Freitagabend stets etwas mehr für Sally zurück. So­bald am Sabbat, an dem jede Arbeit ruhte, Leopold aus der Synagoge gekommen wär, wurde das einfache Essen verzehrt. Hierauf putzte sich Elle, und zwar dreißig Jahre Nacheinander einen Samstag wie den andern. Sie zog einen dunklen Tuchrock und eine dunkelblaue Tuchjacke an und setzte sich den Stolz all ihrer Jahre, eine schwarze Haube von echten Spitzen mit violetten Blumen verziert, «uf den Scheitel. Nachdem sie sich eine Zeitlang im Spiegel betrachtet hatte, rief sie Leopold herbei und dann ging's «uf die Chaussee zum Spaziergang, ohne daß von Beiden etu Wort gesprochen wurde. Dann kam es aber vor, daß Elle mit dem Ausruf Leopolds Arm losließ.Und ich sag D'r, er kummt doch wieder, und zwar kummt er mit einer großen Chaise mit zwei Schimmel bespannt und holt uns."

Red wer net von Schimmel und schwätz mer net von enner Chaise. Sei froh, wenn er kummt mit dem Stecken in der Hand und holt sich, was wir für ihn gespart haben", dämpfte Leopold ihre Hoffnungen.Woher soll er haben so ein großes Geld, hat er doch nichts gelernt, als das bißchen Klavierklimpern und hatte für das schönste Geschäft kein Interesse." t ,,

Er war ärgerlich, denn am Samstag durfte er sein ge­liebtes Pfeifchen nicht rauchen und unversehens fuhr er immer mit der Hand nach dem nicht vorhandenen Pfeifen­deckel. Allein Elle ließ sich ihre Illusionen nicht stören und beim Begegnen von Bekannten schwatzte sie weiter und malte das Glück aus, wenn ihr Sally kommt und holt sie. ' ...

Die Jahre kamen und gingen in ewiger Gleichmaßigtett für die alten Leute dahin. Zu ihrer Freude tvnchs das für Sally zurückgelegte Geld zu einem netten Kapital an. Rach und nach fühlten sie, daß sie alt wurden. Dem Leopold schmeckte das Pfeifchen nicht mehr so gut und Elle mußte gar oft bei den Handelsgüngen stehen bleiben, werl ihr die Beine zitterten. Eines Tages kam Leopold zur nn-

gewöhnlichen Stunde nach Haus, klagte über Kopfweh, wurde kränker und war nach acht Tagen tot. So lange die Glau­bensgenossen kamen und trösteten und 7 Tage beteten, hielt Elle sich tapfer aufrecht. Als aber alle Gebräuche der Religion erfüllt waren und das arme Weib in ihrem Zimmer saß, da kam der Schmerz über den Verlust des Gatten mächtig über sie. Nach vier Wochen nahm sie das Geschäft wieder aus. Allein als sie zum erstenmal das Bündel auf den Kopf setzen wollte, versagten ihr beinah die Kräfte. Sie konnte den Handel nur noch in ganz beschränktem Maße betreiben und für Sally nichts mehr erübrigen.

Wie war ihr Leben jetzt so öde und leer. Es wurde kein Tvilin mehr gebetet, kein Sabbat an- und ausgemacht und am langen Tage mußte sie sogar aus Schwäche zweimal Wasser trinken. Es war ein gar trauriges Leben, welches das alte Weibchen jetzt führte, und nur die Hoffnung, ihr Sally kommt doch noch und holt sie, hielt sie aufrecht.

Eines Sabbatabends, Elle hatte soeben gegessen und ihr Gebet gesprochen, wird stürmisch ihre Tür aufgerissen und beim Aussehen erblickt sie im Rahmen einen großen, stattlichen, in einen kostbaren Pelz gekleideten Herrn. Wie von einer Natter gestochen, fährt sie in die Höhe und starrt auf den Fremden. Dieser hat die Tür hinter sich geschlossen und kommt auf sie zu.

Mutter, Mutter, da bin ich wieder," tönt ihr eine fremde Stimme entgegen. Sie will auf ihn zu gehen, aber matt sinkt sie in den Sessel zurück. Da beugt sich der Fremde über sie und küßt ihre Stirn, aber so kalt, daß es Elle selbst bald kält, bald heiß überläuft.

Mutier, ich bins, dein Sohn Sally. Hast du kein Wort für mich? Wo ist der Vater? Er ist tot? An was, woran ist er gestorben?"

Während sie ihm mit zitternder Stimme Antwort gibt, sieht er sich in dem ärmlichen Zimmer um und ein unbe­hagliches Gefühl beschleicht den eleganten Herrn. Sie gut, daß er feine hochfahrende Frau, diese verwöhnte Künst­lerin, und feine kapriziöse Tochter nicht zu diesem Wieder­sehen mitgenommen hat. Wie würden sich beide in diesem Raume ausnehmen?

Mährend er so sinnt, ist Elle ruhiger geworden und denkt zuerst an die Gesetze der Religion. Sie holt des Vaters Tvilin aus dem Kasten herbei und bittet ihn, zu beten. Neber das Gesicht des eleganten Mannes huscht ent Lächeln. ,Jch kann es nicht mehr, Mutter! Seit ich von euch fort bin, habe ich es nicht mehr getan. Habe alle Gebrauche der jüdischen Religion vergessen und lebe nur noch der Kunst. Ich bin ein berühmter Mann geworden, Mutter, habe eine große Künstlerin zur Fran und eine reizende Tochter. Für morgen bin ich in Mainz zu einem Konzert engagiert; da tet) in der Nähe war, packte mich die Sehnsucht, Euch noch einmal zu sehen. Leider ist der Vater schon zu (einen Vätern versammelt. Aber dich habe ich nun gesehen."

Und seine mit Brillanten besetzte Uhr ziehend, suhr er fort:Jetzt aber muß ich wieder weg und habe nur noch den einen Wunsch, daß du nicht verlauten läßt, daß ich dein Sohu bin, denn das könnte mir in meiner Karriere

^Zuerst mit Staunen, daß ihre kühnsten Träume noch überflügelt sind, dann mit Schaudern sieht Elle aus den Mann vor ihr.

Also das ist ihr Sohn! Ihr Sohn, an den sie bet Tag und Nacht gedacht, für den sie gedarbt und gespart hat. Dieser noble Herr ohne Herz ihr Kind. Sie würgt an ' ihren Tränen. Dieser Mensch soll sie nicht sehen.

Mit gesenktem Haupt schleicht sie an den Kasten und holt aus der Tiefe das gesparte Geld. Langsam geht ]te auf ihn zu und spricht mit bebender Stimme:Da, nimm, es ist dein, es ist das, was Vater und ich in dreißig Jahren für dich zusammengespart haben." r

Mit dem Blick eines gewiegten Geschäftsmannes legt er das Päckchen auf den Tisch und sich zu dem kleinen Weibchen herunterbeugend, sagt er mit einem Anflug von Riihrungalt^ eg, $hlttcr. Was du hier in Jahren zu- sammengespart hast, bekomme ich morgen für zwei Konzerte. Wir brauchen soviel in einem Monat. Lebe besser, laß dir nichts abgehen, verrate niemand, tvcr ich bin und du wirst 6",iÄI W «-». ..»d * «- m

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