DsnneMG Sen 25. April
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Kelmuih von Lonfen.
Roman von Ursula Zöge von Manteuffel (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
XXVIII.
„Er kommt! Hurra! Mutter! Er kommt!" —
Lilly und die Kadetten standen Tücher schwenkend auf der Rampe der großen Freitreppe. Tie Psiugstferien langten grade noch, um des Oukels Ankunft mit zu feiern, mtt> die Aufregung war grenzenlos. Ein Hurragebrüll empfing den vorfahrendeu Wagen, daß des Vaters eiserne Faust dazu gehörte, um die anstürmenden Pferde vor dem Durchgehen zu bewahren.
Jndianerhast schwoll der Jubel au, als die ausspäheudcn Augen hinter Vater und Onkel eine kleine, pechschwarze Persönlichkeit in gvellvoter Jacke entdeckten.
„Du! Heiuz! Unser Mohr — unser lvsgekaufter Sklave — wirklich und wahrhaftig! Dreimal Vivat dem Prachtvnkel!" —
Eine dicke Girlande von jungem Eichenlaub schlang sich um die mächtige Tür, Fähnchen flatterten und hinter der Gruppe tanzender und jubelnder Kinder stand Marie Anne im Festkleid und winkte mit der Hand.
So war der Empfang so laut, froh und ehrenvoll, tote es dem wiederkehrenden Helden verschiedener militärischer Abenteuer zukam — und die Begrüßung ließ an Herzlichkeit nichts zu wünschen übrig. Wie das so zu gehen pflegt, waren die ersten Momente eitel Verwirrung und Durcheinander. Man umarmte sich, küßte sich, fand sich gegenseitig „famos" aussehend, fragte und wartete die Antwort kaum ab. Reckuitz stand da,, schlug sich mit der mächtigen Pratze an die Hüfte und rief nur immerzu: „Na, da habt ihr'n. Ja, da ist er nun!" — Für die Kinder war die Anwesenheit des wahrhaftig für das Mittagsgeld losgekauftcn schwarzen Knaben, eines Sohnes_ des Kilimandscharo, verblüffend, und ihre Gefühle völlig geteilt zwischen diesem und dem interessanten Onkel, bis sich Helmuth der Jüngere entschieden für letzteren entschied, und nicht mehr von seiner Seite wich, während Heinz und Lilly über den Jüngling herfielen, der mit der Behendigkeit eines Affen vom Rücksitz geklettert war und nun, seines Herrn Mantel über dem Arm, dastaud und all seine weißleuchtcuden Zähne zeigte. Er mußte es sich gefallen lassen, daß vier Hände ihn aus seine Waschechtheit prüften, während Loysen in kurzen Worten erzählte, wo und wie er ihn gefunden und einem arabischen Händler abgekaust habe.
„Onkel!" — schrie Lilly — „hättest du das damals gedacht?" —
„Wahrhaftig, Onkel. . . weißt du noch?" —
Oh ja, er wußte wohl. Eiu momentanes Schweigen herrschte, sie dachten alle dasselbe. Nein, das hatte doch uiemanb ahnen können, daß aus dem Scherz Wirklichkeit werden könne. Marie Anne faßte sich schnell.
„Kommt alle herein!" — rief sie — „wir gehen gleich zu Tisch und trinken auf Onkels Wohl!" —
Und so saßen sie denn wirklich wieder in dem alten große» Eßzimmer um den Familientisch, Loysen zwischen seinen beide« Schwestern. Marie Anne ivar ganz liebevolles Entgegenkommen, Anne Marie sprach nicht viel, aber ihre atlasweichen, kühlen Finger strichen von Zeit zu Zeit sanft über seine Hand. Beides wäre so wohltuend gewesen, toenit er sich nicht immerfort hätte sagen müssen: Luise mußte sterben, damit mir — vergeben werde! —
Auch Reckuitz, der dem Geschwister-Kleeblalt gegeuübersaß, war ganz altgewohnte Brüderlichkeit. Er hatte schon auf der Fahrt das „mein alter Junge" immer wieder betont und nun kam es ihm schon ganz geläufig über die Lippen.
Sie fanden alle wieder und wieder, daß er famos aussehe, souneuverbrannt, gesund, martialisch. Es war ja auch an dem. Eine stählerne Energie lag in seinem ganzen Wesen, aber auch ein Ernst, der das Lächeln erst wieder lernen mußte. Seine Augen, einst so klar und hellblau, schienen dunkler geworden, und der einst offene, harmlose Blick stieg jetzt aus der Tiefe entpor, als habe sich die Seele zurückgezogen in sich selbst und brauche Zeit und Uebevivindüng, um sich anderen mitzuteilen.
Dem guten Recknitz, der ihm so grade gegenübersaß, griff das förmlich ans Herz. Himmel, was hatten diese Paar Jahre aus seinem frohen, blonden Jungen gemacht! Er war ja nicht wieder zu erkennen. Ob er nun endlich seine kolossale Dummheit einsieht und bereut? — Aber das wird er nicht laut fragen, bei Leibe nicht. Strich drunter und von neuem anfangen!
Die Gegenwart der Kinder war immerhin ein guter Aü- leiter. Pausen kamen nicht auf. Loysen mußte immer wieder Fragen beantworten und die Geschichte des Negerknaben ausführlicher erzählen, den er seit fast zwei Jahren mit sich führte und selbst in so vielem unterrichtet hatte, daß seine Zivilisation zum Leidwesen der Kinder schon' recht vorgeschritten zu sein schien. Er würde zum Beispiel, so versicherte Loysen, sich weigern, auch nur das kleinste Stückchen Menschenfleisch zu verzehren. Lilly hatte bereits großmütig ihr Ohrläppchen zur Verfügung gestellt unb war daher tief enttäuscht. Auch die Mitteilung, der Neger verzichte selbst im heißesten Sommer nicht auf eine ntenscheittvürdige Bekleidung, erregte nicht die gewünschte, wohlerzogene Befriedigung.
Am Nachmittag ging Loysen, wie damals, mit Anne Marie durch den Park. Sie hatte ihn dazu aufgefordert, und ihr ivar mit wenigen Worten gelungen, was die Eltern kaum ver- uwcht hätten, nämlich die herzu stürzende Jugend abzuwinken. Sie wolle ein halbes Stündchen mit Onkel Helmuth allein sein» sagte sie, und Lilly zog sich schmollend, die Knaben seufzend zurück. Nur Ännchen führte sie an der Hand. Das Kind wat jetzt fast unzertrennlich von ihr.
„Du hast dich sehr verändert" — sagte er, sie staunend betrachtend.
Sie sah au sich herab, als prüfe sie ihre äußere Erscheinung, und ck bemerkte, daß sie dies nur tat, um ein Erröten zu verbergen.
„Wahrscheinlich ist es so. Ich glaub' es selber."


