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„DaS schon ist wunderbar, daß du dir die Kleine so zahm gemacht hast. Es ist so gar nicht wie du."
„Sehr richtig! Aber lassen >vir daS. Ich möchte dich um etwas fragen, Helmuth — an jenem Tage, als wir Edmund begruben, weißt du! Habe ich dir da nicht sehr weh getan?"
„Nicht mehr als die anderen," sagte er achselzuckend
„Ich wurde das so gern wieder gutmachen."
„Was ist daran gutzumachen? — Ihr meint es ja alle gut mit mir — jetzt. Ich kehre — ein Begnadigter, in eure Mitte zurück. Ist cs nicht so?"
Sie antwortete nicht gleich. Noch war es ihr nicht möglich, ihm zu widersprechen, zu tief saß die Erinnerung an die ihrem Familienstolz zugefügte Beleidigung — aber sie wunderte sich selbst, daß sie sich nicht mehr beleidigt fühlte.
„Weißt du," — sagte sie nach einer Weile ruhig — „daß ich einen Freund meiner Jugendzeit, Wilhelm, wiedergewonncir habe?"
Lohsen fuhr herum. „Du?" — fragte er in maßlosem Staunen „erstens wußte ich nicht, daß er ein Freund deiner Jugendzeit Ivar, und dann begreife ich nicht... du und er! Nein, das, reimt sich nicht. Ihr paßt absolut nicht zusammen."
Das ironische Lächeln und die herbe Antwort, die er erwartet hatte, blieben aus. Sie zog das Kind näher heran, ihre Finger strichen über das braune Köpfchen und sie sagte gelassen:
„Du hast recht. Wir passen eigentlich absolut nicht zusammen — aber in einem harmonieren wir doch: Wir haben dich beide lieb."
Er blieb stehen und sein Blick umflorte sich.
„Liebe Anne!" — sagte er ergriffen, „liebe Schwester!" nahnr ihre Hand in seine beiden und küßte sie.
„Bedanke dich bei diesem guten Lehrer," fuhr sie lächelnd fort, „wenn ich dir auch eines Tages sagen kann: Helmuth, lch verstehe dich! -- Vorläufig, das sage ich ehrlich, ist es mir noch nicht möglich, aber ich wünschte, ich könnte es."
Er atmete tief auf. „Habe Dank, Wilhelm!" — sagte er Mit heller Stimme, und sie lächelte still vor sich hin.
„Wann besuchst du ihn?" — fragte sie endlich.
„Morgen — wenn nicht noch heute."
„Fra Diavvlo kennt den Weg," sagte sie.
„Das hast du erfahren? Ja, er kennt ihn. Komm, wir wollen nach dem Stall gehen, ich bin schon so viele Stunden hier und habe den alten Kerl noch nicht begrüßt."
Nun wurde auch Annchen lebendig.
„Ich habe ihm immer Zucker gebracht." sagte sie, „Onkek, aber der ist böse und wild!"
„Das wollen wir gleich sehen."
Sie gingen nach dem Wirtschaftshof und traten in den Stall • aber Lohsen hatte sich das Wiedersehen mit dem treuen Genossen seiner glücklichsten Lebensjahre leichter gedacht, als es _ war. Heiß stieg es i hm in die Augen, als der Rappe auf den bekannten Pfiff sich stürmisch umwandte und die Holzwand der Box, in welcher er stand, fast zertrümmert hätte, wtyfett ftiiifiji ihm über bie Mähne uiib bnS $feL*b, sich frov Aveude, rieb schnaubend den schmalen Kopf an seinem Arm. Sein Herr zog prüfend die Uhr.
. „Wenn ich gleich ritte, könnte ich zum Abend wieder da sein."
„So reite gleich, ich werde es Marie sagen."
„Gut. Satteln!"
. Der Reitknecht sprang herzu, und zehn Minuten später stob Fra Tiavoko unter dem geliebten Reiter von dannen. So war er auch in seinen jüngsten Tagen nicht gegangen.
In _ einer Stunde hatte er Rothaidc erreicht und ritt in den Hof. Wer ihm begegnete, grüßte mit frohem Wiedererkennen, auch der alte Hofhund kam ihm wedelnd entgegen, doch die, welche er zu sehen gekommen war-, fand er nicht. Der Herr und das Fräulein wären auf dem Vorwerk, berichtete Marten. Nun besann er sich nicht lange, er ging durch den harten und über die Wiese nach der Kirche hinaus. . . fein Ä-röcn mag frch fürder wenden wie es will, Luisens Grab und dre,. welche ihren Namen tragen, kann und will er nicht daraus smeichen. Zuerst ging er auf den Friedhof, auf welchem die Blumen m verwilderter Fülle auf all den schmalen, anspruchs- lo,en Grabhügeln wucherten, die Luft mit Honigduft schwängernd. Es war stitl ringsum, daß man das Summen der Bienen hörte. £a' £?rt. ""ren die drei Gräber. Der weiße Rosenbaum an vbei ivut fo otofj creivorbcii btift {eine
blütenreichen Ranken alle drei' Grabstätten beschatteten, aus denen es grünte und blühte.
Lohsen stand in schweren Gedanken davor. Hier ruhte, was fei» Leben für immer ans der Bahn gerissen hatte, aber auch — lote ein Blitz kam ihni plötzlich die Erkenntnis — ihn davor bewahrt hatte, ohne Liebe im Herzen um ein edles Mädchen zu werben welches höchster Liebe wert gewesen wäre. Tas wurde ihni jetzt klar. Er hatte Edcllraut von der Haide damals gar nicht geliebt. Er hatte, wenn es bis zur Verlobung gekommen wäre, ihr nichts r,!l owten gehabt, wie die lleberzeugung, daß keine andre so sehr Sv ferner Frau tauge, wie sie. Ter Gedanke an sie als solche hatte sich bei ihm seit seiner Leutnantszeit festgesetzt, ohne die Krast zu haben, Herzensverirrungen unmöglich zu machen. Sie war ihm das Endziel gewesen, das er erreichen wollte, wenn andre Flammen ausgebrannt waren. Allein und unbemerkt, wie er hier stand, stieg ihm allgemach brennende Röte ins Gesicht — die beschämende Erkenntnis kam ihm wie ein Schreck. Bitterkeit hatte ihn erlaßt, als er dieser Stätte ansichtig ward, und jetzt inußte er sich sagen, daß er kein Recht dazu hatte, die Zeit seiner Ehe für ein ihn, widerfahrenes Unglück zu halten.
Wie entfernt er davon gewesen war. Edeltraut dainals zu I'.cocn, ms er es „an der Zeit fand, eine standesgemäße Heirat zu machen", das koniite er erst jetzt erniessen, wo der Gedanke an sie sein Herz erzittern ließ. Die Hoffnung auf das Wiedersehen hatte ihn in der selbstgewählten Verbannung aufrecht erhalten^
Er stand und dachte und achtete nicht ans nahende Schritte, bis der junge Pastor Becker vor ihm stand. Da fuhr er aus und sah den Schwager zuerst verwirrt und dann nnglänbig an Das war Gotthard Becker? Ter fast finstere Jüngling mit deut trotzigen, selbstbewußten, groben Lntherkopf? — Die Züge waren ja dieselben und anch die breitschultrige, robuste Gestalt'— aber Ausdruck und Haltung waren so verändert, daß Lohsen ihn kaum wieder erkannte.
Als die Gemeinde ihn damals mit Einwilligung des Kirchenpatrons zum Seelsorger wählte, geschah dies weniger aus persönlicher Wertschätzung als aus Pietät für den verstorbenen alten Pastor. Mair erwartete eigentlich nicht allzuviel Gutes von dem „Herrn Kandidaten", dessen Strenge bekannt war, und dessen christliche Liebe iwch niemand erfahren hatte. Doch die Alten meinten, man könne es ja in Gottes Namen versuchen — im Grunde kag dieser Bereitwilligkeit das unklare Bewußtsein zu Grunde, daß ihr Patronatsherr ja doch von jeher ihr eigentlicher Seelsorger gewesen sei und bleiben werde. Es kam also gewissermaßen nicht so viel auf die Wahl an. Die donnernden Bußpredigten des jungen Becker kannte man ja schon genügend und mußte hoffen, er wcrHe mit der Zeit mildere Saiten aufziehen. Wie groß war nun die Betroffenheit, als er die Kanzel betrat und dort oben stand, kreidebleich, kaum fähig, die Worte zu finden, kein Richter, — ein Gerichteter. Weshalb? — Darüber zerbrach man sich umsonst den Kopf, aber nun erst siel es manchem ein, daß er schon am Sarge des Vaters und der Schwester dagestanden hatte wie ein Gedemütigter, all seiner stolzen Selbstgerechtigkeit beraubt. Hätte Lohfcn damals darauf geachtet, so wäre es ihm ausgefallen, und rr Hütte vielleicht gefragt — aber so erfuhr er nur ans Wilhelms Briefen, daß der junge Pastor seit des Alten Tode ein anderer geworden sei, ganz aufgehe in seiner Amtspflicht und als Seelenhirt von einer Milde und Vorsicht des Urteils sei, daß er, Wilhelm, sich schon veranlaßt gesehen habe, ihn zu größerer Strenge anzuhalten.
Das ging ihm jetzt durch deu Kopf, während er dem Schwager die Hand reichte.
„Sie sind also wirklich gekommen!" — sagte der mit einem tiefen Seufzer, „ich habe diesen Tag ersehnt! . . . und nun darf ich Ihnen grade hier und allein begegnen! . . ." er zog das Taschentuch und wischte sich über die Stirn.
„Lieber Gotthard
„Nennen Sie mich nicht so, bis Sie wissen, was mich drückt. Als wir uns an dieser Stelle zuletzt sahen, fand ich nicht den Mut, es Ihnen zu sagen — und dann konnte ich in meiner! brennenden Ungeduld kaum die Zeit Ihrer Heimkehr erwarten, «m es Ihnen zu bekennen. Eine Sttmme lebt in mir, die nie zur Ruhe kommt und mir unablässig zurust: „Du, der Geistliche — der Priester, der am Altar die Gemeinde segnet — du hast Schuld am Tode deiner Schwester!"
Das letzte kam wie ein Stöhnen, er senkte den Kopf und schlang die Hände krampfhaft ineinander. Lohsen stand zuerst wortlos, von Schreck und Staunen überwältigt, dann fuhr er! ans und faßte den anderen an der Schulter:
„Mensch! — Was reden Sie da! — Was meinen Sie?" (Fortsetzung folgt.)


