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Kelmulö von LoAlen.
Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
XXII.
Trotz der Verzögerung erreichte er Jarowitz noch bei guter Zeit. Loysen löste sein Billett, trat in das kleine, dumpfige, von schwelender Petroleumlampe erhellte Wartezimmer, fand es unerträglich und ging wieder ins Freie. Hinter dem Bahnhof hielt noch der Jagdwagen. Loysen hatte im Wartezimmer noch eilig einen ®riifj an Wilhelm geschrieben und gab dem Kutscher das Billett ab. Ter lenkte nun um und fuhr in die dunkelgrüne Dämmerung hinein. Während Loysen dem Gefährt noch nachblickte, hörte er auf der harten Chaussee links Pferdegetrappel und^Räder- ro-leu. Ten Hufschlag meinte er zu kennen. Die Laternen leuchteten, das Coups mit den bekannten, scharftrabenden Pferden davor kam in Sicht und fuhr int Bogen vor die Station. Loysen blieb stehen, wo er stand. Er wollte den Geschwistern weder entgegengehen, noch ausweichen.
Recknitz stiess die Wagentüre auf und stolperte etwas schwerfällig heraus. Dabei pfiff er durchdringend nach einem Gepäckträger. Marie Anne entstieg dem Wagen. Sie war schwarz gekleidet und von ihrem Kapottehut hing ein steifer Kreppschleier herab. Der Träger stürzte herbei und das Ehepaar kam im Temposchritt verspäteter Fahrgäste grade auf Loysen zu, der, an der Einganstüre stehend, ihnen Platz machte. Zuerst beachteten sie ihn gar nicht, aber Plötzlich wandte Marie Anne den Kopf und stieß einen leichten Schrei aus.
„Helmuth! Alter, es ist Helmuth!" —
Recknitz fuhr herum und sein bärtiges Gesicht spiegelte die unbehaglichste Verwirrung wieder.
„T-u? Ja, du? . . . Hab eben keine Zeit — muß die Fahrkarten besorgen!" — Damit stapfte er weiter und in den leeren Räumen des Stationsgebäudes hallte seine dröhnende Stimme.
Bruder unb Schwester traten hinaus auf den Bahnsteig, zuerst stumm.
„Tu fährst also auch hin. . . ." sagte Marie Anne endlich, in ihre Verlegenheit mischte sich Verwunderung.
„Wohin denn?" —
„Rach Tvbrau."
„Nein!" — versetzte er kühl, „zu<was denn? — Ich habe genug von meinem letzten Besuch in Tvbrau!"
Sie versuchte ihn anzusehen, und dabei kamen ihr die Tränen, an denen sie schluckte lvie eilt aufgeregtes Kind. Sie wußte ja ganz genau, daß er seit einer Woche Bardes so nahe war, und sie wußte sich in ihren Gefühlen hierüber nicht zurecht zu finden. Born und Wehmut stritten.
„Helmuth — aber nach Bardes hättest du wohl einmal kommen können .... ich weiß ja, daß du in Rothaide gewesen."
„Tu brauchtest uns nur einzuladen."
Tiescs „uns" entrüstete sie. Sich steif aufrichtend, zog sie den Schleier knapp über das Gesicht.
„Hört ihr denn gar nicht, daß der Zug kommt?" — rief Recknitz mit Stentorstimme — „hierher, Mieze, schnell!" —
Der Zug brauste heran und hielt. Bis auf die drei war der Bahnsteig menschenleer. Ein Kondukteur riß einige Türen auf, Recknitz half seiner Frau einst-eigen und Loysen sprang nebenan in die offene Tür. Ihm lag nichts an Auseinandersetzungen,
die ja doch nur unerquicklich enden konnten, und außerdem
hatten die ihn gar nicht aufgefordert, mit ihnen zu fahren. Als er aber seinen Handkoffer in das Netz hob, sah er plötzlich
Conrad Recknitz, der drüben dasselbe tat, grade in die Augen
und bemerkte nun erst, daß der Wagen keine Abteilungen hatte.
Tie flackernden Gaslichter des kleinen Bahngeüüudes wichen zurück, der Zug fuhr zischend an. Loysen setzte sich und zündete sich eine Zigarre an.
Trüben blieb es eine Weile ganz still. Nur das Schnarchen einiger Mitreisenden klang herüber. Endlich hörte er Marie Anne sagen:
„Ob cs bei Helmuth auch so voll ist? Hier erstickt man ja! —"
„Tvrt war sonst niemand. Setz dich zu ihm. Was mich bctrifft, — ich schlafe jetzt."
Nun tauchte Marie Annes stattliche Gestalt im Mittelgang auf und sie setzte sich ihrem Bruder gegenüber.
„Meine Zigarre geniert dich hoffentlich nicht."
„Ach, nicht im mindesten."
„Tu bist in Trauer? Um wen?" —
„Das weißt du nicht?" — rief sie erstaunt — „Um Edmund Troß. Und ich dachte doch, du führest auch zum Begräbnis."
„Ich habe gar keine Anzeige bekommen."
„Doch, doch. Anne schrieb mir, sie habe dir auch eine geschickt."
„Ist er plötzlich gestorben?" —
_ „Ach, ich glaube nicht. Tie Aerzte wunderten sich immer, daß er noch lebte. Anne hat ihn aufopfernd gepflegt —■ Tag und Nacht."
„Aber er war ja in einer Irrenanstalt."
„Anfangs, aber er fühlte sich dort unglücklich, und da bestand Anne drauf, daß er in die Wohnung nach Berlin gebracht werde. Tort traf sie alle nötigen Vorkehrungen, »M Unglücksfülle zu verhüten, engagierte einen guten Wärter unb lebte ganz für die Pflege. Edmund war ja in einem trostlosen, hilflosen Zustand, dazu bald völlig stumpfsinnig. Er mußte gefüttert und angezogen werden, cs war schrecklich. Ich hätte das gar nicht ausgehalten, aber denke dir, Anne — sie ist wirklich ein merkwürdiges Wesen — Anne machte bei alledem einen viel zufriedeneren und frischeren Eindruck als sonst. Ter Arzt sagte mir, er habe so etwas von umsichtiger Privatpflege noch nie gesehen — cs sei förmlich schade um diese Kraft."
„Glaubst du, daß sie sich jetzt ganz der Krankenpflege widmet?" —
„Ich glaube es wahrhaftig. Sie hatte ja immer eine Vorliebe für dTsen Beruf unb ein unvergleichliches Talent


