Kelmulß von Loysen.
Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsehung.)
„Gut. So tun Sie es doch. Bald bin ich ja in der Lage, mir selber Handschuhe für fünf Mark zu kaufen — sie kosten übrigens nur vier Mark, hiev haben Sie eine Mark zurück. Jawohl! Bald! Und auf die Zeit freue ich mich! Rasend!" — Sie verschränkte die Arme hinter dem Kopf und blickte in Verzückung aufwärts. — „Dann — ja dann kommen Sie vielleicht eines Tages zu mir — in meine Beletage, wissen Sie, und sagen zu mir: Fräulein Luisane, bezahlen Sie doch gefälligst meine Schulden! — und Luisane entgegnet Ihnen: Mit Vergnügen! Wie viel? Aber darauf kommt es gar nicht an. Solche Schulden kann ein Leutnant ja gar nicht machen, die Luisane nicht bezahlen könnte!"
Förmlich bestürzt folgte er dieser schwindelnden Phantasie.
„Na, erlauben Sie mal," unterbrach er sie endlich — „erstens habe ich keine Schulden —"
„Ach, das tut mir aber leid, es wäre mir eine solche Genugtuung gewesen ..."
„Ich danke! Was denken Sie denn von mir? Ich bin ja ein schauderhaft solider Mensch, eine Musterkarte aller Tugenden. Ihrem Geldprotzentum zuliebe werde ich doch nicht anfangen Schulden zu machen:?"
Nun lachteir sie alle beide unb die lachende!: Blicke suchten und fanden sich — ihm ging ein Schleier über die Augen und eine Blutwelle stieg zu Kvpfe, sic hingegen lachte nur dem kommenden Ruhm entgegen.
Morgen, so fing sie gleich wieder hastig an, wolle jene berühmte Gesanglehrerin selber hierher kommen und auch Frau Jahn für die Sache zu gewinnen suchen. Vielleicht ließ sich ein Uebereinkommen treffen, wonach Luisane, ohne vorläufig ihre Stellung aufzugeben, Zeit zum Proben erlangen könne. Es sei vorauszusehen, daß die gutmütige Alte auch einen Vorschuß gewähren würde zur Beschaffung einiger notwendiger Garderobestücke. Es koste der Madame N. nur ein Wort an den Intendanten und die „jüngste Patti", die er noch sehr gut in Erinnerung habe, dürfe noch einmal debütieren. Und wenn das nicht möglich zu machen ist, es wird sich ein anderes Theater finden, wo sie ankommen kann ... es wird — es muß —"
Eintretende Kunden unterbrachen ihr leidenschaftliches Geflüster, Loysen verlieb den Laden. Er schüttelte bedenklich den Kvpf. Kann sein, sie erringt, was sie erstrebte, ihm erschien sie aber in dieser fiebernden Erregung fast kränker, wie zu der Zeit ihres tiefsten Elends.
Sein Urlaub lief in sechs Tagen ab, doch bestand seine Schwester darauf, daß er um Nachurlaub einkomme. Sie warnte ihn, den Arm zu früh aus der Binde zu nehmen. Dienstfähig sei er ja doch noch nicht, also wäre es doch besser, er warte seine völlige Herstellung bei ihnen ab. Sie wunderte sich selbst, daß er ohne Widerspruch zustimmte. Innerlich ward er von sehr geteilten Empfindungen beherrscht. Er sehnte sich nach seinem
Regiment 'zurück, in welchem nun einmal sein Lebensglück wurzelte; er konnte cs kaum ertragen, so lange von seinen Pferden getrennt zn sein, namentlich Vvnr Rappen Fra Diavolo, er zählte jeden Dag zu den verlorenen, an dem er nicht int Sattel saß —< und doch ließ er die ärztlichen Vorschriften seiner Schwester geltest und blieb. Aber wenn sie ihn deswegen lobte, senkte er den Blick und lächelte verlegen. Ihm war nicht ganz wohl bei diesem Zögern mit den noch unklaren, beklommenen Gefühlen! im Herzen.
Um sich vor sich selbst zu rechtfertigest, vermied er die Friedrichstraße und verspottete sich selbst deswegen.
Da sagte ihm Anne Marie eines Tages:
„Wo hast du mir doch jene Handschuhe gekauft damals? Sie sind sehr gut. Würdest du mir ein Paar in Cremefarbe besorgen?" ।
Natürlich würde er. Am selben Nachmittag ging er hin. Frau Jahn saß mit einer großen Hornbrille auf der stumpfen Nase hinter dem Ladentisch und sortierte Handschuhe. Er fühlte sich enttäuscht, fragte aber unbefangen:
„Wo ist das Fräulein? Siirgt sie?"
Tie Alte rückte ihre Brille zurecht und musterte ihn.
„Ach, Sie sind ja der Herr —"
„Ganz recht, ick bin der Herr, der! ihr zu der Kur verhalfest hat. Wie geht eS ihr?"
„Ma, Sie werden ihr ja »voll nächstens voch 'n Lorbeerkranz nachwerken können, wenn sie ihren Knix macht und der Vorhang fällt. Je, daß so was aus meinem Geschäft hervorgehen soll, so was Berühmtes, >vie die junge Person werden will! Tie ist ganz aus'n Häuschen, sag' ich Sie."
„Also wirklich."
Es freute Um für das arme Ding. Sic in Frau Jahns Laden noch einmal aufzusuchen, war somit aussichtslos. und er sägte sich im cty einmal, daß diese Episode nun-zu Ende sei.
Anne Marie hatte sieh erboten, jetzt, wo es Frühling geworden, mit ihm nach Tvbran überzusiodeln — er wußte, daß ihr das ein Opfer war und hatte gedankt. Ob er nicht doch annahm ?
Wieder waren zwei Wochen hingegangen, da erhielt er eine# Tages ein Billett von Luisane:
„Mein Lebensretter, weshalb haben Sie so lange nichts voir sich sehen lassen? In meinem Unglück waren Sie hilfreich und teilnehmend — eine glückliche Lnisane zu sehen, scheint Ihnen nicht Bedürfnis zu sein. Mein Schicksal geht seiner Entscheidung mit Riesenschritten entgegen — mir sind aber auch Ricsenslügel gewachsen! Ich singe Tag und Nacht. Ich bin gar nicht mehr ich — ich bin schon wieder Margarethe. Ja, noch einmal darf ich in der Titelrolle mein Glück machen — eine unerhörte Auszeichnung. Begreifen Sie? Mich, das arme Aschenbrödel, die Novize, die noch Namenlose läßt man zum zweitenmalc den ersten Platz einnehmen! — Studieren Sie die Theaterzettel, und wenn Sie lesen: Margarethe.. Frl. Luisane a. G., damt kommen Sie! Bringen Sie Blumen mit, viel Blumen, ich will mich gern bei dieser Gelegenheit von Ihnen beschenken lassen.
Luisaste."
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