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Ist, n(5 wanderte ich seit drei Jahren in einem dunklen Tale hin, ohne Freude, matt und müde des langen Weges — und jetzt sehe ich endlich vor mir eine Hoffnung, wie einen Lichtschein, dem ich entgegeneilen darf! — Wenn Sie doch nur wüssten, wie hungrig und wie durstig ich bin nach einem frischen Trunk. Ich hatte ja schon ganz vergessen, daß der Mensch von Gott erschaffen ward, um glücklich zu sein! Und es ist etwas sehr Schönes, sehr Liebes, dem ich mit dieser Ungeduld im Herzen entgegeneile, etwas, das längst hätte mein sein sollen!---
Sic hatte das gelesen und gab es Wilhelm, dann nahm sie eine Näharbeit, mit der sie beschäftigt war, wieder auf.
Wilhelm las und sein Gesicht wurde ernst und nachdenklich.
„Nun? Was sagst du? Was denkst du davon?" fragte er. „Aber ich will lieber nicht fragen."
„Was denn?" versetzte sie verwundert. „Ich habe dir doch schon gesagt, daß ich mich darüber ärgere, daß die Rcck- nitze ihn bei sich beherbergen. Hier gehört er hin. Hier sind loir, hier ist Luisens Grab, hier sind Luisens Geschwister. . . das alles steht ihn: jetzt näher als seine eigene Verwandtschaft. Aber schließlich — es ist ja gleich — urag er hingehen!"
„Kindchen, ich rede nicht vom Anfang, sondern »out Schluß des Briefes. Deu hast du wohl nur flüchtig gelesen?"
„Helmuths Briefe lese ich nie flüchtig, aber was soll man dazu sagen? — Glück und Licht möchten wir wohl alle gern haben — daß er sich mehr danach sehnt als andere, finde ich begreislich. Möchte er finden, was er meint, — er drückt sich ziemlich unklar ans."
„Mir scheint, er spricht von einer bestimmten Person." Sie zuckte die Achseln.
„Meinetwegen auch. Mir scheint, ihr Männer habt immer solche Gedanken int Köpf."
Fast hätte sie gesagt: Also auch ihn soll ich verlieren! ■— aber sie bezwang sich. Nur nicht gegen Wilhelm bitter sein! War das überhaupt möglich?
Sie steckte Loysens Brief in die Tasche. Vorläufig konnte sie sich weder auf ihn freuen itoch sich darüber den Kopf zer-, brechen, was der Schluß des Briefes besagen möge.
Am nächsten Tage wurden die jungen Braunen vor den bequemen Halbverdeckten gespannt. Die Fahrt nach Bardes sollte nun ausgefüyrt werden. Wilhelm zog sich sehr sorgfältig mit etwas altmodischer Feierlichkeit dazu an.
Edeltraut stand schweren Herzens in ihrem Zimmer, legte sich die ährengelben Zöpfe zur Flechtenkrone um den Kopf und zog das Kleid an, in welchem Wilhelm sie heute gern sehen Wollte •— ein weißes Mullkleid, auf dessen schneeigem Grund blaue Blüten und Knospen verstreut waren. Ein großer, weißer Hut beschattete ihr Gesicht. Das war ihr lieb.
So saß sie daun im Wagen zur Rechten des Bruders, still und mit umflortem Blick. Er hingegen sprach viel, nicht ganz ohne eine gewisse liebenswürdige Nervosität. Tas Wiedersehen Wgte ihn doch sehr ans.
„Wenn wir sie aber gar nicht treffen?" fragte Edeltraut. „Ich weiß, daß heute in Lobwitz Empfangstag ist, bei welchem die Recknitze selten fehlen."
Er errötete.
„Tas habe ich nicht gewußt ... ich mußte aber den heutigen Tag wählen, Anne Marie schrieb mir . . . ich hatte ihr nämlich unsere Absicht mitgeteilt "
„Hub da lud sie dich ein, gerade heut zu kommen?" „Ja!" sagte er ganz überrascht und froh, als käme ihm eben erst eine glückliche Schlußfolgerung.
Sie werden also mit ihr allein sein. Diese Aussicht ist für Edeltraut wenig verlockend. Wenn nur wenigstens Helmnth schon da wäre — aber er ist noch nicht da. Es lag Wilhelm daran, diesen Besuch vorher abzumachen, damit es nicht aus- sehen sollte, als käme er, um sich in das erste Zusammensein der Geschwister einzumischen. ,
Ter Wagen rollte zwischen den Feldern und Wiesen hin durch die Kirschalleen, welche in dieser Gegend die Wege ciu- faßteu. _ Tie jungen Braunen griffen flott ans, obwohl sie poch gestern den ganzen Tag bei der Arbeit gewesen waren. ♦
Tie Insassen des Wagens loechjelten jetzt Bemerkungen über den Stand der Felder und die Aussichten, die sich rechts und links boten. Links schimmerte Jarowitz durch die Bäume, man hörte einen Bahnzug rollen und pfeifen. Während Edeltraut diese Unterhaltung mit gutem Willen hinzog, strahlte Wilhelms Gesicht in stillem Glück. Einmal fragte sie:
„Sitzest du bequem? Ist dir das Rütteln nicht lästig?" „Ich spüre nichts," versetzte er, „und fitze vortrefflich." Endlich nach einer guten Stunde tmtehte in dunklen Umrissen
der Park von Bardes hinter einer kleinen Anhöhe ans und dann fuhren sie in diesen im großen Stil angelegten Kunstwald. Uralte Eicheit auf stillen, blurnenbesäeten Wiesen wechselteir mit kulisseuförmig vorgeschobenen Gruppen dunkler Tannen und licht- grüner Buchen, deren Stämme silbergrmt blinkten. Jede Biegung des breiten Weges brachte neue Bilder, und Wilhelm sagte, genußvoll anfseuszend:
„Wer hier so mal vierzehn Tage im Schatten dieser Bäume leben und skizzieren könnte!"
„Aber das kannst du ja nun."
„Liebes Herz — welche Idee!"
„Tie Freundschaft mit allen Loysens ist ja ans dem besten Wege, vollkommen zu werden."
Er sah sie von der Seite an und schwieg. Ihr Ton tat ihm weh.
Sie nterkte das und suchte rasch den Eindruck zu ver- tvischen.
„Sieh, dort ist die Bank, auf der wir damals saßen, Helmnth und ich ... als er mir sein Vorleben beichtete. Was liegt zwischen damals und heute!"
Sie sagte das mit einem schweren Aufatmen — an Achsen dachte sie kaunt dabei.
„Ja, mein armer Helmüth! — Gott lasse ihn doch Glück sinden nach der langen Prüfung — und, was besser ist wie Glück, verstehende Herzen."
Edeltrauts Blicke schweiften umher.
„Wo mag das Häuschen mit den sieben Zwergen sein?" fragte sie. „Wir zogen damals aus, um es zu suchen, und haben es nie gesunden."
„Tort ist sie!" sagte Wilhelm hastig und bog sich vor „Wer? Schneewittchen?"
„Nein, Anne Marie auf bett Stufen der Veranda!"
Er hob grüßend den Hut. Seine Blicke leuchteten. Welch ein Bild! dachte er, wie herzerquickend und wie schön!
Auch Edeltraut, deren scharfe Augen die Gestalt längst wahr- genommett und deren „Schneewittchen" daher etwas ironisch geklungen, mußte sich sagen, daß von her- geisterhaften grauen Iran hier nichts zu sehen sei.
(Fortsetzung folgt.)
Der Karfreitag im spiegel der Uulturgeschichie.
Voll Hofrat D o e n g e s -Dresden.
(Nachdruck verboten.)
Eilt Kindermürchen denket den Brauch der katholischen Kirche, warum vom Gründonnerstag an bis zum Oster- samstag die Glocken nicht läuten, indem es erzählt: Alle Glocken seien nach Rom, der heiligen Stadt, geflogen und kehrten erst am Abend vor Ostern zurück, um dann das Anf- erstehungsfest einzulänten. Das ist die sinnige Erklärung einer Sitte, die uralt ist. Der römische Kaiser Konstantin I. (geboren 274, gestorben 337), dem die Geschichte den Namen „der Große" gegeben hat, weil er es war, der das Christen- tum zuerst zur Staatsreligion erhob*), verordnete durch ein Edikt, daß die dem Auferstehnngsfeste vorangehende Woche still und ernst zu begehen sei. Es ist früher versucht worden, die Bezeichnungen Karwoche, Karfreitag mit dem griechischen Worte charis, Gnade, oder dein lateinischen carus, teuer, in Verbindung zn bringen; diese Erklärungen haben sich jedoch als unhaltbar erwiesen. Da das Wort Kar nur im Deutschen vorrommt, so ist die Erklärung zweifellos die zutreffende, welche die Bezeichnnngeir Karwoche, Karfreitag mit dem althochdeutschen Worte chara, Trauer, Klage (gotisch Kara, mittelhochdeutsch Kar) in Zusammenhang bringt. In den deutschen Gemeinden Südtirols nennt man noch heute den Tag, an dem ein Toter beerdigt wird, den „Kartag"; man spricht timt „Karjammer", worunter man die laute Klage der Angehörigen eines Verstorbenen versteht, und von „Kartnmmel", alles Beweise für die Richtigkeit der An- nahme, daß das Wort Kar nrdeutschen Ursprungs ist.
Die tiefe Ratnrbeseelnng, die unser Volk schon in vor- christlicher Zeit erfüllte, findet wie in allen übrigen festlichen oder geheiligten Tagen des Jahres so auch im „Karfreitage" ihren Ausdruck. Es gibt eine große Anzahl von aus frühchristlicher Zeit stammenden Legenden, die mit der Passions- geschichte, also mittelbar mit der Karivoche nnd dem Karfreitag in Verbindung stehen. Nach einer süddeutschen Legende wurde Christus von den römischen Kriegsknechten mit Weidenruten gegeißelt. Boll tiefer Trauer sah der Heiland
*) An sich selbst hat er die christliche Taufe aklerdings erst auk seinem Sterbelager vollziehen lassen.


