Donnerstag den (6. April

M8 Nr. 61

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Kelmuiß non Lonlen.

Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

3ivti Tage nach Abgang seines Brieses an Anne Marie er­hielt Wilhelm ihre Antwort. Da lag das stahlgraue Modeknvert, mit festen, großen Schriftzügen beschrieben. Wilhelm er­rötete wie ein Jüngling, als er den Brief öffnete. Das mit an- zuschen war ihr Ivleder so peinvoll. Er las und reichte ihr dann daS Blatt:

Lies doch," bat ex herzlich, als sie zögerte.

Anne Marie schrieb:

Liebster Freund! Weshalb erst die Bitte? Was wünsche ich mir denn mehr? Mit Ihnen in geistigem Verkehr bleiben, Briefe von Ihnen erhalten, das wäre mir eine Erquickung, für die ich nicht dankbar genug fein könnte. Im übrigen aber . . . wie freue ich Mich heute, daß ich den schönen Frieden Ihres Familienlebens nicht störte und daß Ihre junge, frohe Schwester: nun nie zu erfahren braucht, welches Damoklesschwert iiber ihrem Haupte hing. Grüßen Sie mir das Trautchen. Ich wünschte, sie gewönne mich ein lumig lieb! Heute nichts wie diese wenige» Zeilen, hauptsächlich um Ihnen zu sagen, daß Helmuth ht Berlin ist und von dort hierher kommt. Mache ich Ihnen eine Freude darnit, wenn ich Ihnen sage, daß ich ihn genau so empfange!: will, ivic Sie wünschen nicht weil Sie mich überzeugt hätten, sondern weil ich Ihnen den Gefallen erweisen will? Ob es Ihnen noch gelingt, mich zu Ihren Ansichten zit bekehren? Wilhelm, ich bin ein Weltkind. Manches an mir wird Sie bei näherer Bekanntschaft verletzen und kränken. Da­rauf machen Sie sich gefaßt. Anne.

Edeltraut legte das Billett schweigend vor de» Bruder ans den Tisch.

Nun?" fragte Wilhelm,siehst du nicht aus jedem Wort, daß sie eilt besonderes, großdenkendes Wesen ist?"

Ja? Ich weiß nicht." Edeltraut sprach mit etwas spröder Stimme,vielleicht, wenn man sie so kennt, wie btt sie kennst. Mir hat sie einen geisterhaften Eindruck gemacht." Sie ist in der Tat sehr zart und leidend über­arbeitet. Ihr Leben gehört ja den Werken der Nächstenliebe, das wissen wir durch Helmuth. Ich denke auch, ihr zwei, du und sie, müßtet euch recht gut verstehen."

Er sah wieder in den Brief, ganz zerstreut und lächelnd, sie aber dachte: Wie entsetzlich ist das alles! Wie unbegreiflich! Weißt du. Liebste, wie wäre es, wenn wir nach Bardes fühven?"

Wilhelm! Das wolltest du wirklich!?"

Ja, ich möchte es wohl. Vielleicht nach der Heuernte." Also fahren wir!" sagte sie einsilbig.

Welche Freude, wenn wir Helmuth dort fänden."

Sie konnte sich über diese Aussicht so wenig freuen, lvie es sie jetzt noch ärgerte, daß die Bardesser ihnen richtig den er­sehnte» Gast weggeschnappt hatten. Ihr war alles gleichgültig

geworden, bis auf das Studium der mit Wilhelm vorgegangenen Veränderung.

XXVII.

Solange die Heuernte dauerte, hatte sie Zeit genug, diese Veränderung zu beobachten. Tas neue Element in ihrem Leben wuchs und nahm eine Gestalt an, die man zu den bestehenden Tatsache» rechne» »rußte. Denn lvas half es, daß jene ent­schlossen schien, den Friede» des Hauses nie zu stören, daß also scheinbar alles beim alten blieb und Wilhelm nur um einen sein Stilkeben lvnrzenden Brieswechsel reicher gelvorde» lvar? In Wirklichkeit wandte sich doch sein Sinn, magnetisch angezogen, dem späte» Glücke zu, welches er bescheidenFreundschaft" nannte, füllte Anne Mariens Bild seine Gedanken, wnrde dies Gedenken z» einer Persönlichkeit, ivelche immer als dritte zugegen zu seiu schien. Er lvav so ruhig, so gleichmäßig, so von Zärtlich­keit für die Schwester beseelt, lvie immer aber ein jeder spürte das andere, neue in ihm. Sogar seine Schüler, die jungen Baiternbnrschen, empfanden es an diesem Sonntag nach­mittag, daß er noch beredter, noch herzlicher sprach, daß seine Begrüßung nicht nur freundlich, auch froh klang. Es war, als ntüfse er allen etwas mitteilen von einem ihm gewordenen Reichtum innerer Frische und Kraft.

Wurde er nachgerade blind für das mühsam verhaltene Leid der Schwester? Fast schien es so. SSenit sie ihm jetzt am großen Doppelschreibtisch arbeitend gegenüber saß, bestrebt, ihn nicht mirken zu lassen, wie unglücklich sie sich fühlte, be­gegnete sie oft seinen: lächelnden Blick, der so unbefangen und zuversichtlich auf ihr ruhte, als habe er nie verstanden, in den Tiefen ihrer Seele zu lesen. Er, der sonst immer Fühlimg mit ihr behielt, ging über das, was sie tief innerlich erschütterte, schweigend hinweg. Oder wollte er nicht sehen? Sie wußte cs nicht, aber zwischen tiefem Befrentden und schmerzlichem Grübeln wuchs das Gefühl einer früher nie ge­kannten Vereinsamung.

Tabei war Wilhelms brüderliche Fürsorge unerschöpflich in liebevolle^ Aufmerksamkeiten. Eine Bank, die sie sich einst unter eine junge Ulme fernab vom Hof gewünscht hatte, um des schönen Blickes willen auf die weite, üppige Feldsläche, stand eines Morgens wie hingezaubert, doch fest eiugerammt, da. An Stelle ihres schon abgenutzten lodensarbenen Reil- und Wirt- schaftskleides hing eines Morgens ei» neues Gewand vom gleichen Stoff in ihrem Zimmer. Sie sagte ihm, sie sei er­freut und gerührt, aber innerlich dachte sie: Er denkt nun %» ch an mich.

Von Lohse» kam ein kurzer Bries ans Berlin. Sie öffnete ihn und las ihn teilnahmlos. Er schrieb, daß er nach reiflichem Ueberlege» sich doch entschlossen habe, nach Bardes zu gehe», von dort aber hoffe täglich nach Rothaide kommen zu können. Ter Brief war von Wiedersehensfreude erfüllt und in dem vertraulichen, freundschaftlichen Ton gehalten, wie er in diesen zwei Jahren zwischen ihnen entstanden toor.

Zum Schluß nur kant so etwas wie ungestüme Ungeduld hin­ein. Ta hieß cs: Liebe, liebe Edeltraut, wenn Sie wüßten, wie heftig ich mich sehne nach etwas Licht und Glück! Mir