Ausgabe 
15.7.1908
 
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einem großen Kummer, sorgte Florence wenig um ihr eigenes Geschick. Die Zukunft schien ihr eine schwere Wirde auszulegen, und wenn sie diese jetzt für immer abwersen konnte, so lag für sie sogar etwas Tröstliches in diesem Gedanken. Während diese UcBerlegnng schattenhaft über ihr Bewußtsein flog, fühlte sie sich unwiderstehlich von dein schrecklichen Menschenantlitz vor ihr an- gezogen. Der Blick des Mannes schien den ihren so sehr in Fesseln zu schlagen, daß sie die Augen nicht mehr abwenden konnte. Da sie aber noch so viel Bewußtsein hatte, sich 51t sagen, sie drohe diesem Zauber zu unterliegen, so nahm sie den ganzen Rest ihrer Kraft zusammen, um ihn zu brechen. Rasch wie eilte druckbefreite Feder aufschnellend und ohne sich durch die geringste Zuckung vorher zu verraten, warf sie sich mit ihrem ganzen Körpergeivicht auf das Fensterholz-, um es niederzuziehen. Diese plötzliche Bewegung weckte den Mann aus seiner drohenden Er­starrung: im ersten Moment fuhr er unwillkürlich ein wenig zurück, um gleich darauf mit blitzähnlicher Geschwindigkeit ein großes Messer zu ziehen und gegen Florence zu zücken. Dabei hatte feilte Hand aber den Fensterrahmen frei geben müssen, und während Florence -das erhobene Messer funkelnd niederfahren sah, gelang es ihr im selben Augenblick, das Fenster herabzuziehen. Sie hörte, ioie der Stahl abgleitend mit furchtbarer Gewalt in das Holz der Fensterbank eindrang, gleichzeitig aber hatte sie auch schon die schwere hölzerne Jalousie, die sich von innen dirigieren ließ, niedergelassen und so ein starkes Bollwerk zwischen sich und dem Mörder geschaffen. Die anderen Fenster konnte sie rasch. in gleicher Weise verwahren, worauf sie auch trotz der plötzlichen völligen Dunkelheit durch den wohlbekannten Raum zur Türe eilte, um sie zu verschließen. Dann suchte sie mit den Händen einen Stuhl, der in der Nähe stand, und sank in halber Ohu- uiacht darauf nieder.

Es dauerte geraume Zeit, bis Florence wieder einigermaßen Herriu ihrer Sinne wurde, und sie erzählte mir nachher, daß ihr auch dann das Ganze mehr wie ein böser Traum und eilte Ausgeburt ihrer überreizten Phantasie erschienen sei. Schließlich ward ihr aber klar, daß es sich um ein tatsächliches Erlebnis handle und zwar um ein so wichtiges, daß sie davon sofort Mit­teilung machen müsse. Sie überzeugte sich vorsichtig von einem der anderen Zimmer aus, daß die Straße frei iei, und als gerade eilte größere Gesellschaft von harmlos plaudernden Menschen vorbeikam, trat auch sie aus dem Hause, unk zu mir zu eilen und mir zu erzählen, was geschehen war. Ich meinerseits benach­richtigte sofort die Polizei, und diese stellte ohne Verzug auf Grund von Florences Beschreibung die sorgfältigsten Nachfor- schnitgen an. Fräulein Darrow hatte mir gesagt, ihr Angreifer habe, soweit sie es hätte erkennen können, dunkle Hautfarbe, aber glattes Haar gehabt und Züge, die mit deut Negertypus wenig gemein hatten. Dies und seine große Körpcrgcstalt war alles, was Florence der Polizei augeben konnte, und diese Anhalts­punkte erwiesen sich als ungenügend. Zwar fanden sich unter dem Fenster im weichen Boden die Spuren von ein paar uicrk- würdig kleinen Füßen, diesmal jedoch ohne die viereckigen Bretter, die Herrn Darrows mutmaßlicher Mörder getragen hatte, -- auch waren sie noch durch den Garten zu verfolgen, verloren fich aber dann auf der angrenzenden Wiese. Wenigstens war die Polizei nicht imstande, zu ermitteln, wohin der Mann gegangen war, der Florence bedroht hatte. Alle Nachforschungen erwiesen sich als erfolglos, Maitland, der uns vielleicht hätte helfen können, war schwer krank, auf die Herren Osborn und Allen zählten wir ohnedies kaum mehr. Unsere einzige Hoffnung war, daß Herr Godin mit der Zeit doch noch tüte Spur finden würde.

Wir selbst fühlten uns durch Maitlands Krankheit in eine traurige Untätigkeit versetzt, die uns angesichts jenes neuesten Ereignisses doppelt bedrückte. Für mein Empfinden lag es mir ob, Maitland nach Kräften zu ersetzen, und so zerbrach ich mir den Kopf, ob ich nicht irgend etwas unternehmen könne, um unsere Sache zu fördern. Endlich kam ich zu einem Entschlüsse, den ich Florence mitteilte.

Nach den Auszeichnungen des Verstorbenen zweifelten wir kaum, daß Ragobah der Mörder sei. Hier suchten wir ihn ver­geblich, war es da nicht vielleicht möglich, aus dem Umweg über Bombay etwas Neues über ihn, sein Leben und seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort zu ermitteln? Tie Hoffnung darauf war gering, ich sah es ein, aber es war der einzige Weg, der sich mir zeigte. Die Adresse des Herrn Siddons war in unseren Händen, et war nach den Aufzeichnungen des Toten mit der Sachlage genau vertrant, war ein treu ergebener Freund des Herrn Darrow gewesen, ich brauchte ihn durch ein ausführ­liches Telegramm nur um seine Hilfe zu Bitten und durfte dann mit Sicherheit auf ihn rechnen. Florence war gleich mit mir einverstanden, als ich ihr diesen Plan mitteilte, und noch am selben Tage sandte ich dasTelegrauim an Herrn Siddons ab.

Am nächsten Tage traf eine Antwort ein; sie lautete:Sehr traurig über Darrows Tod. Werde mein möglichstes tun" So wußten wir wenigstens, daß jetzt im fernen Indien ein Freund für uns tätig war, und cs blieb uns nichts übrig, als geduldig abzuwarten, was er uns melden würde. Diese Wartezeit ivurde uns lang, doch beschäftigten mich Maitlands Krankheit und die Sorge um ihn in den ersten Wochen noch fo sehr, daß für andere Gedanken nicht viel Raum blieb, und ich fah deutlich, wie sehr auch Florence davon hingenommen war. Als er sich endlich genügend erholt hatte, um nicht mehr zu sehr dadurch aufgeregt zu werden, erzählten wir ihm von der unheimlichen Begegnung, die Florence im Sterbezimmer ihres Vaters gehabt hatte. Zuerst wurde Maitland bleich vor Schrecken über die Gefahr, in der Florences Leben geschwebt hatte, dann versank er für geraume Zeit in tiefes Nachdenken und sagte endlich:Daß dieser große Schuft_ Ragobah gewesen ist, scheint mir sicher, aber cs reimt sich mir mit dem Vorhergehenden nicht zusammen. Wenn er Herrn Darrow ermordet hat, so war seine nächste Aufgabe, sich so rasch als möglich in Sicherheit zu bringen. Statt dessen spukt er an der Stätte des Mordes umher wie ein Gespenst, das ist so unvernünftig, daß ich mirs nicht erklären kann." Auch ich fühlte das Unlogische dieser Tatsachen und vermochte sie so wenig aufzuklären wie Maitland selbst. Darum berichtete ich ihm rasch von den Schritten, die ich in Bombay getan hatte, und ich hatte die Genugtuung, daß Maitland sich mit meinem Tun vollkommen einverstanden erklärte. Ja, von dieser Stunde an wartete er noch ungeduldiger als Florence und ich auf eine Nach­richt von dort.

(Fortsetzung folgt.)

ttirche und Schule in Matzenborn -Steinberg - Garbenteich im 1(7. Jahrhundert.

(Original-Artikel derGieß. Fam.-Bl.)

Die Pfarrei Watzenborn besitzt in ihrer Registratur zwei alte Urkunden*) aus dem 17. Jahrhundert, dasSal- b n ch der Kirchen, Pfarr, Gotteskasteu und Schule zu Watzenborn und Steitlberg.......

beschrieben und auf gerichtet durch Joh. Georg Weißen, Pfarrer daselbst und Heinrich Rö­mern dermahligen Castenmeister. Geschehen im Jahre Christi unseres Erlösers 1683", sowie das Saalbuch von 1698.

Die Urkunden enthalten meistens Verzeichnisse über die an den Pfarrer, den Gotteskasten und die Schule zu leisten­den Pensionen (Zinsen) von ausgeliehenen Kapitalien, sowie ferner über Pachtgelder, Abgaben für Wachs (Kerzen, wohl zu kirchlichen Zwecken) Naturalleistungen au Frucht von den seitens der Einwohner von Watzenborn, Steinberg und Gar­benteich in Benutzung befindlichen Psarräckern und Wiesen. Die ersten Seiten der älteren Urkunde enthalten die Namen der in Watzenborn amtierenden Geistlichen von 16671843, meist in der damals üblichen latinisierten Form. Daneben finden sich Bemerkungen über allgemeine Kirchen-und Schul­verhältnisse, die wertvolle kulturgeschichtliche Beiträge zum 17. Jahrhundert liefern.

Bezüglich der Herleitung des Namens Watzenborn (Wazzoborn, Wazzonisborn) hat man sich in allerlei Ver­mutungen ergangen. So glaubte man ihn von einem Edlen Wazzo, der an dem an Brunnen reichen Ort gewohnt hätte, ableiten zu sollen, eine Annahme, die durch keinen Beleg gestützt werden kann. Der Ort Watzenborn ist um 1129 zur Zeit, als Clementia, Gräfin von Gleiberg, das Kloster Schiffenberg stiftete, erbaut worden. 1145 hat Erzbischof Albero von Trier diese Gemeinde der Kirche zu Schiffenberg zugewiesen. Steinberg ist später entstanden, vermutlich durch die Bewohner des amObersteinberg" gelegenen, nachmals eingegangenen Ortes Lotthen. In politischer Beziehung gehörten Watzenborn und Steinberg den Landgrafen von Hessen und lagen im sogenanntenHüttenberg" und gehörten zum Gericht Steinbach. In kirchlicher Beziehung gehörten Watzenborn bis zur Reformation als Filiale von Schiffen­berg zum Erzbistum Trier, zum Archidiakonat Dietkirchen und zum Dekanat Wetzlar. Watzenborn-Steinberg hatten keinen eigenen Gottesdienst, sondern seine Be­wohner mußten zur Mutterkirche nach Schiffen­berg gehen. Sie hatten daher seit 1175 zur Unter»

*) Die Urkunden konnten durch das gütige Entgegenkommen des Herrn Pfarrer Sommerlad zu Matzenborn vom Verfasser Benutzt werden.