Samstag den |5. Februar
M8
KelmuLß von Lovlen.
Romarr von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„Goldfee!" — rief sie, „bist du schon lange hier? Und ich habe nichts gewußt! Ich war an Mütterchens Grab und habe es geschmückt, kommt doch, und seht es euch an."
Sie hing sich an Edeltrauts Arm, die aufgestanden war und mit ihr vorausging. Frieda und der Kandidat folgten. Sie durchschritten den Mittelweg des Gartens. Wo der Faulbauin seine Weißen Traubenblüten über die Mauer neigte, war die kleine Pforte, durch welche man auf den Kirchhof trat. Mit gedämpften Stimmen redend, gingen sie zwischen all den altbekannten, mit schlichten Holz- und Sternkreuzen versehenen Gräbern hin, an manchem frischen Hügel oder Hügelchen Halt machend, bis sie an das Grab der Pastorin kamen, tvelchcs eine Hängerose überwölbte. Menn der Pastor Sonntags durch seinen Separateingang die Kirche betrat und verliest, sah er das weiße Kreuz, darauf der Name „Luise Becker" leuchtete. Tas Grab war mit dichtem, kurzem Gras bewachsen und mitten drauf lag ein mit Wasser fällbarer Anker aus Blech, der ganz mit frischen Frühlingsblumen gefüllt Ivar, ebenso wie mehrere kleine Schalen in Herz- und Kreuzform. Uni den Hügel war eine dicke Rabatte Immergrün gepflanzt und di« blauen Blüten hoben sich licht ab gegen das dunkle Grün. Tie Jahreszahl am Kreuz besagte, daß die sterbliche Hülle der Frau seit drei Jahren unter diesem so liebevoll geschmückten Hügel ruhe.
Sic standen eine Weile, lobten Julchens Werk, sagten einiges über die Verstorbene, Ivie sie so die Seele des Hauses gewesen sei in ihrer hohen, geistigen Vielseitigkeit und überquellenden Liebe und Güte, und wollten dann gehen, aber Edeltraut bat:
„Ist nicht die Kirche offen? Könnt ihr nicht singen?"
Mit großer Bereitwilligkeit bejahten die Mädchen, der Kandidat holte den Kirchendiener aus seiner nahen Behausung zum Bälgetreten und sie gingen dann alle die steile Treppe zur Orgel hinauf.
Gotthard Becker nahm vor dieser Platz, die Schwestern standen rechts und links, Edeltraut drückte sich in eine Ecke des Fenster- sitzes, von wo sie in den rosig schimmernden Abcndhimmcl blickte und mit unendlichem Wohlgefühl zuhörte.
Nach einem knrzen Vorspiel vereinigten sich die Stimmen der drei Geschwister zu einem kunstvollen Gesang. Es war ein altes Kirchenlied, darin die Melodie immer weiter und weiter • gleitend, ohne Wiederholung, ganz zuletzt tn einem mächtigen Gloria ausklang. Edeltraut bekam, hier in der schlichten Torfkirche eine inusikalische Leistung zu hören, um deren Vollendung sie mancher Musikkenner hätte beneiden können, denn die Stimmen der Ausübenden waren von seltenem Wohlklang und vortrefflich geschult. Ter Kandidat verfügte über einen markigen Bariton, Friedas Mezzosopran war von klangvoller, reicher Tonfärbnng, und auch der noch ganz kindliche Sopran der Jüngsten hob sich glockenrein von beit tieferen Stimmen ab.
Für Gdeltraut waren das immer Augenblicke großer, genuß
voller Freude, namentlich, wenn auch Wilhelm zugegen war. Sein Gesicht dabei zu beobachten, wie es so ganz weltentrückt emporsah, war ihr eigentlich die Hauptsache dabei.
Ein Abendlied folgte und noch eines, bis der Orgelspieler plötzlich abbrach. Julchen hatte ihn am' Aermel gezupft. „Der Vater", flüsterte sie und neigte sich über die Ballustrade. Seil dem Tode seiner Frau formte er all die Lieder, welche sie die Kinder gelehrt, nicht hören. Es war aber nicht der Pastor» sondern der Schullehrer, welcher, vom Gesang angelockt, in di« Kirche getreten war. Aber die Sangfreude schien getrübt. Schweigend stiegen sie die Treppe herab, draußen verabschiedete sich Edeltraut und eilte nach Hause.
XIV.
Anne Marie von Troß an Marie Anne von Recknitz.
Schloß Test, am 1. Mai 1892. Liebe Mieze!
Wie Tn siehst, hat uns der Wirbelwind (cherchez la fentme) in erreichbarer Nähe von Euch verschlagen — befinden wir uns beim Herzog von Hetzseld zu etwa achttägigem Besuch. Tu sollst nicht durch böswillige Basen erfahren, daß ich Dir auf wenige Eisenbahnstunden nahe gewesen war und nicht zu Dir gekommen. Erwartet mich am Mittwoch nachmittag 6,50 Station Jarowitzf ich kann bis Freitag nachmittag bleiben.
Ganz die Deine
Anne.
Tiefer Brief rief in Bardes einige Aufregung hervor, denn die Schreiberin war ein so seltener Gast wie Helmuth Loyscn, Marie Anne, froh erregt, ließ das beste Fremdenzimmer, das mit den tiefen, erlerartigen Fenstern und mattgrünen Sammetmöbel«, in stand setzen. Es war ein reiches, prächtiges Gemach, mit einem ebensolchen Schlafzimmer und einer Badestube daneben. Anne Marie pflegte früh ein laues Bad zu nehmen. Lillh behauptete, der Tante zu Ehren einen Feiertag haben zu müssen und kämpfte hart um einen solchen. Lohsen sagte sich, daß er an diesen Tagen nicht nach Rothaide reiten könne, sondern wahrscheinlich mit der Schwester spazieren fahren müsse, und fühlte leichte Ungeduld. Jeder Tag war ihm kostbar, und jeden Tag war er, so schien ihm, seinem Vorhaben etwas näher gerückt. Er kam gerade von solch einem Besuch zurück, als Anne Maries Billett einlraf, und wäre am liebsten nachmittags wieder hin- gerittcn, um dies auf übermorgen zu erwartende Ereignis zu melden, in der Hoffnung, Wilhelm werde ihn dann auch den ganzen morgenden Tag einladen. Aber er hatte schon eine Einladung der Jarowitzer angenommen. .Herr und Frau Oberamt- mann Rieteln, frühere Tornänenpächter, gaben um vier Uhr ein Tiner, zu welchem alle Nachbarn, die am Geburtstag der Hausfrau gratuliert hatten, emgeladen waren, inklusive der Rittmeister von Lohsen, welcher nicht gratuliert hatte. Er fuhr als» mit den Recknitzens hin und fand die Sache herzlich ledern, obwohl das Diner weder gualitativ noch Quantitativ zu wünschen übrig ließ. Als einziger stnverheiratete Herr führte er die achtzehnjährige Tochter des Hauses zu Tisch und mühte sich redlich mit der Unterhaltung. Fräulein Erna strahlte ihn an und


