»- 574 —
sonverndie riesige Holzschleifern, bas Waldtal mit dem rauschenden Fluß gefielen ihr.
Erika dagegen kau» alles anders vor, alles so öde.
Und wie hatte sie sich aus die Heimat gefreut. Fast fünfviertel Jahr war sie nicht zu Hause gewesen.
Mit dem alten Elan war nicht mehr zu reden. Stumpfsinnig saß er auf dem Holzbwck vor der Mühle und murmelt« unverständliche Worte von Waterloo und Blücher und Bismarck.
Er engagierte nicht fremde Arbeiter und Tagelöhner, nahm die wenigen Häusler, die noch in Altengrün wohnten, hei gutem Lohn in Dienst, zog für die Viehwirtschaft Schweizer heran und holte sich kurzerhand seine Schwester Irene zur Mitarbeiterin.
In die Buchführung lvvllte er sich gemeinsam mit Irene leiten.
Aber nur gar zu bald erkannten sic, daß dies eine gewaltige, zeitraubende Arbeit war. Vom Morgengrauen bis in die Nacht auf dem Felde und in den Ställen — und am Abend bann noch ordnungsgemäß die Bücher führen! Sie sahen selbst ein, daß es zu viel ward.
Irene schlug vor, einen Buchhalter zu nehmen, aber Hugo sagte: „Ich weiß anderen Rat!" — Er nahm die Schwester bei der Hand und führte sic hinaus auf die Steinbank am Tor. Die Schwester sah ihm gespannt ins Antlitz. Da stand er auf. „Ich kann nicht reden, wenn du mich so ansiehst, Irene. — Mir wollen ein Stück gehen."
Sie gingen durch die grünsprossenden Felder, wo die Wachtel huschte und die ersten Mückeg gaukelten, und ganz von ferne tönte der Kuckucksschrei. Hugo erzählte: „Als ich noch auf der Schule war, waren mir die Ferien eine selige Zeit. Nicht der Ruhe wegen, ich arbeite gern, — nicht der Eltern wegen, — das kennst du. — Aber wenn ich nach Hause kant rind über die Brücke fuhr, da stand hinter dem Erlenbusch ein Mädchen mit seinen Gliedern und goldigem Haar, die sah mit großen, glänzenden Augen nach i»nir, und der fröhliche Blick machte mir das Herz so weit, und jfcrin regte sich's und ward es lebendig. — Und zwischen dir und IdeM Mädchen teilte ich meine Ferien <— und du, Irene, daß sich's nur gestehe, du kamst kürzer weg."
Die Schwester nickte ernst. „Magda Merlin."
„Dck kant der Vater dahinter. .— Mit roher Hand riß er has feine Kind aus seiner Heimat und warf cs in die Großstadt :— Doch es blieb oben und sank nicht unter, — der Glaube an -such hielt es. — •— Und ich habe cs nicht vergessen. — Ich habe für das Mädchen gesorgt, ich ließ cs mancherlei lernen, daß k,s einst neben mir bestehen kann!"
„Hugo — du willst — —
„Ich will??--Ich muß!! r= — Magda ist mein Schicksal
Md Mein gutes Schicksal. — Und nun bitte ich dich, Irene, hilf Mut dazu, nimm das Mädchen an dich als deine Schwester, cs sstf Idfeiner wert. — ■— Irene, ich habe einen tiefen Blick in Unsere Familie getan, die ist morsch intb faul und an uns ist cs, ihr neues Blut zuzuführen. — Magda Merlin ist eine Ehre für Has Haus Guttermann. — ■— Willst du mir helfen, Irene?"
Est wjar stschen geblieben!und hatte beide Hände auf der Schwester Schultern gelegt und blickte bittend in ihre Augen.
„Ich Will diy helfen, und Magda soll kommen."
Da umschlang er die Schwester und bog ihren Kopf zurück. W küßte fie auf Stirn und Wangen. Dazu sagte er leise und Mchelnd: „Der Mund ist nicht für mich, den soll ein anderer küssen, sein Großer, Blonder, den ich liebe als Meinen Freund. — Irene, Mr wollen glücklich werden!"
Sie setzten sich an den Feldrain.
Der Frühlingsabendwind strich über die halbwüchsigen Halme. Das Feld sah aus wie ein friedlich wogendes Meer mit grünen Fluten, und was das Meer an die Brandung warf, war die Hoffnung, und die Geschwister fingen sie auf und lagen an ihrem' Busen.
- Die Hoffnung machte fie stark.
Schon zwei Tage später kant Magda' Merlin. Wie eine Schwester wurde sie ausgenommen und war doch bloß eine Buch- Kalte'rin.
Dem' Vater aber erstattete Hugo Bericht, daß er durch die Fülle der Arbeit gezwungen worden sei, sich für die Buchhaltung eine Hilfskraft zu nehnken. Der Ersparnis halber habe er eine Buchhalterin engagiert. Sie arbeitet ebensogut und zum halben Preise wie eine männliche Kraft. Das leuchtete dem Alten ein. Außerdem hatte er an diesem Tage gute Laune, denn Erika hatte geschrieben, daß sie zu Pfingsten nach Hause kommen wurde und noch eine Freundin mitbrächte, Beate von Horbach.
Der Verkehr mit der adeligen Dame war ihm sehr lieb und schmeichelte seinem Ehrgefühl. Der Dorskönig war ein Mann, der aus allem Konsequenzen zog. Sein Plan, Erika und durch diese auch Irene in feinere Kreise zu schieben, schien sich zu herwirklichcn. i
Das Pfingstfest kam.
Um' seine Tochter und ihre Freundin würdig' zn empfangen, hatte der Dorfkönig' sogar eine Halbchaise angeschafft. Das' Kvrb- fWjägelchen war nichts für den feinen Besuch.
Brate von Horbach fühlte sich bald heimisch. Der Mühlhof,
Merlin mußte die feuchten Pappen nach der Stadt fahren; er hatte für die jüngste Herrentochter auch keine Zeit.
(Fortsetzung folgt.)
Zsmmsrtage im Reichenhaller Ländchen.
Welcher Kenner unserer deutschen Alpen erinnerte sich nicht mit stets wieberkehrendem Vergnügen des Saalach- tales und damit der reizvollen Badestadt Reichenhall! Eilen doch alljährlich tausende von Erholungsbedürftigen der Gebirgsstadt zu, um erstarkt an Gesundheit und überreich an lieblichen Eindrücken mit neuem Lebensmut zu neuer Arbeit heimzukehren. Und die Tausende und Abertausende, die zur Reisezeit auf diesem gesegneten bayerischen Landstrich aus einige Tage festen Fuß fassen, um die nähere Umgegend Reichenhalls und das wundervolle Berchtesgadener Land zu genießen, sie alle nehmen unvergeßliche Erinnerungen mit nach Hause. Wer aber vom Bahnhof! aus in etwa einstündiger Fußwanderung durch herrliche Kiefernwaldungen hinaufgestiegen ist nach dem kleinen Kirch-, dörfchen Nonn und hat mit offenen Augen und Sinnen für die Allmutter Natur hinuntergeschaut in das liebliche Tal und ringsum auf die gewaltige Bergkette, die es ein» schließt, der mag gleich mir ausgerufen haben: Ein kleines Eden! Und diese herrliche Luft! Muß sie nicht jeden Krampf lösen, der den überarbeiteten und hier Erholung suchenden Städter quält! Die Sinne werden geradezu gefesselt von dem wunderbaren Ausblick. Wie mit leuchtenden grünen Teppichen überzogen erscheinen die Hügelkeften und Almen mit ihren verstreut rnnherliegenden lauschigen Bauernhöfen. Diese Hügelreihen vermitteln so natürlich den Uebergaug zu den mächtigen Bergriesen, von welchen die drei Staufsen, das Sonntagshorn, das Ristseuchthorn und Müllnerhorn rechts, die kahle Reitalp, das wild zerklüftete Lattengebirge imb der sagenhafte Uutersberg links infolge ihrer eigenartigen Formen stets int Gedächtnis bleiben. Bon hoher Felsenspitze herab prangt dem Beschauer das Kirchlein von St. Pänkraz entgegen. Leuchtend und weiß, ihn zwingend zu feierlicher Andacht. Und dieses gewaltige Schauspiel löst in uns das Gebet aus, wenn es beten heißt, das übersinnliche Wirkeir und Walten der Natur :md ihre reine Schönheit zu fühlen und in uns aufzunehmen. Ein wenig weiter rechts hinter der Kirche) ragt auf trotziger Höhe die Ruine Karlsteiu, eilt Wahrzeichen der Vergänglichkeit alles Irdischen.
Wendeit wir uns wieder dem Tale und damit den Menschen zu. Wer so recht nach Herzenslust die Wunder der Natur genießen will, der mag sich alleiir genügen auf der Höhe von Nonn. Aber unten im Tal da braucht er Menschen. Wohl ihm, wenn er das Glück hat, einige Tage mit so prächtigen Leuten verleben zu dürfen, wie es mir in Reicheuhall vergönnt war. Bunt genug war ja die kleine Gesellschaft: Eine geistreiche und liebenswürdige Karlsbaderin, bereit feiner Takt unsere Stimmungen vor männlichen Derbheiten schützte; ein stattlicher Musikkünstler vom Schweriner Hoftheater, ein prächtiger Klingenthaler Kaufherr von herzhaftem Humor und meine kleine, augenblicklich Zeilen schindende Wenigkeit. Bon dem Kliitgen- thaler Genossen muß ich noch sagen, daß er — obwohl er! es zweifellos konnte — nicht protzig seine Taler, sonderst nur seine netten Scherze klingen ließ; daß er ferner —: obwohl aus Sachsen — ordentlich dentsch redete und bei einem Reicheichaller Schlächtermeister sein Wigwam aus- geschlagen hatte. Der letzterwähnte Umstand ist wichtig. Wurden doch zu unseren Ausflügen recht wesentliche Unterlagen von dem erwähnten Schlächtermeister in hervorragender Güte und in Form von Regensburger Wurst geliefert.


