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In beten blasses Gesicht war leise Röte getreten; und einen Langen Herzschlag lang richteten sich ihre dunklen Augen mit einem weichen, träumerischen Blick, einer zaghasten Liebkosung gleich, auf Vollraths ernstes Antlitz, aus dessen Mienenspiel starke seelische Erregung sprach
„Also auch Sie meinen, daß ich mehr ans Eigensinn als ans Kunstbegeisterung auf meinem Plan beharre?" fragte sie in leichter Verwirrung, als Heinz seinen Blick plötzlich mit zaghaftem Ausdruck auf sie richtete.
Heinz besann sich einen Moment, dann antwortete er langsam, immer noch befangen:
„Vielleicht nicht so sehr aus Eigensinn als ans Friedlosigkeit oder auch dar Unzufriedenheit mit einem Lose, um das sicher hnnderttausende Sie glühend beneiden, von dem cs mir aber als ganz selbstverständlich erscheint, daß es nur allzusehr dazu angetan ist, eine tiefer veranlagte Natur in Zwiespalt mit sich selbst zu bringen." Seine Stimme wurde klarer und fester, als er nach einem tiefen Atemholen fortfuhr: „Ehrlich muß ich gestehen, daß ich für die Mädchen und Frauen der oberen Zehntausend, die nichts weiter sind und nichts weiter sein wollen, als die Luxusgeschöpfe ihrer Väter oder Gatten, immer ckt an Geringschätzung streifendes Gefühl des Bedauerns gehabt habe. Gewiß .... Geist und Streben des Mannes sind durch die jahrtausendelange Gewöhnung im großen ganzen anders geworden als Geilt und Streben des Weibes — ruhiger, selbstbewußter, kampfbereiter. Aber dennoch erscheint mir auch ein Frauenleben mit lebenswert, wenn es von einem starken Tätigkeitsdrang, wie von einem erfrischenden Strom, durchslossen ist. Nur durch Tätigkeit, durch Mühe und Arbeit, erhalt unser Dasein Zweck; denn nur durch die Arbeit — ob im großen oder im kleinen — gehen wir mit unserem Einzeldasein in der großen MenschheitÄ- gemeinschaft auf, deren Ziel es ist, die Welt schöner, edler, vollkommener zu machen von Tag zu Lag." Frei und offen ging sein Blick jetzt zu Isabella hinüber.
Ihre Augen hingen an seinem Munde. Nach einer kurzen Pause fragte sie:
„Wenn Sie eine Schwester hätten oder — eine Tochter, Sie würden ihr also gestatten, daß sie einen Beruf ergriffe?"
„Aber gewiß, unter allen Umständen," erwiderte Heinz voll Eifer. „Allerdings liegt bei mir die Sache ungleich einfacher als bei Ihrem Herrn Vater," sprach er mit einem leisen Lächeln der Selb stimme weiter. „Ich bin arm. Ich müßte schon aus praktischen Gründen zusehen, daß meine Schwester oder meine — Tochter auf eigene Füße zu stehen käme, weil es immerhin srag- Uch wäre, ob sie einen Mann fände — in nuferer Zeit, in der die meisten in der Eingehung einer Ehe vor allem ein vorteilhaftes Geschäft suchen."
, ®ie • • • - ?" sagte Isabella, brach aber rasch ab und blickte auf ihre Hände, die sie im Schoß gefaltet hielt.
„Bitte, was wollten Sie fragen?" forschte Heinz'.
„O, nur ... . ob Sie, der Sie arm sind, wie Sie sagen, sich wohl auch unter gewissen Verhältnissen entschließen könnten, rin Mädchen um seines Geldes willen zu heiraten."
Vollrath antwortete rasch:
-„Ob ich überhaupt jemals heiraten werde, weiß ich nicht. Das aber weiß ich genau, daß ich nun und nimmer eine Frau nehmen 'würde, die mir auch nur mit einem Hauch leisesten Empfindens zutraute, daß ich imstande wäre, mich zu verkaufen."
„Ich—• ich wollte Sie nicht kränken," gab Isabella zurück.
Eine Weile saßen sie sich nun gegenüber, ohne ein Wort zu wechseln. Tie frühe Winterdämmerung webte ihren feinen grauen Schleier, und ans den verschwimmenden Farben ringsumher leuchteten nur iroch die weißen Blüten des Jasmins und der Orchideen klar und deutlich hervor. Die Düfte, die den Räum durchzogen, schienen in diesem ungewissen Licht stärker, atcm- beklemmender zu strömen, und deutlicher war des Springbrunnens gleichmäßiges Geplätscher zu vernehmen. Der Papagei, der die ganze Zeit von Baum zu Strauch und von Strauch zu Bamn gehüpft und geklettert war, saß irgendwo ganz still und schien eingeschlafen. Plötzlich ries er, wie ans einem Traum heraus, lauggezogen, mit schmeichlerischem, sehnsüchtigem Klang:
„I fa ---. I'— fa!"
Heinz^ zuckte zusammen. Es war ihm, als hätte sein eigen Herz gerufen. Wie von einem seligen, willenlähmenden Taumel fühlte er fich umstrickt, wie dahin getragen von flüsternden, koscn- deil Wellen, einem Traumland entgegen. Sein niedriges Stübchen im Schulhaus, seine Mutter in ihrem bunten Kramladen und andere Bilder, die ihn an seine ärmliche Herkunft gemahnten, tauchten nur noch verschwommen vor seinem geistigen Auge auf • • • m Rebel gehüllt, fern, als wären sie gar nicht wahr.
• • • Isa," -vchte es in seiner Brust, „Isa — Isa," hämmerte.es in seinen .Schläfen... ' - '■,> V
Isabella wandte keinen Blick ti'oit ihm' . . ; Sie konnte sich nicht sattsehen an seinem edlen, vor Erregung tiefblassen Gesicht' an seiner hohen Stirn und dem feingeschnittencn Munde Und ob er auch schwieg, klang der melodische Tonfall seiner Stimme in ihrem Ohr nach. Für sie gab es keine Must, die sie und ihn trennte. Für sie war er nicht arm, für sie war er reich — der Reichste von allen. Und gewiß . . . auch er hatte sie lieb. Woher sonst hätte er so tief besangen sein können? . ■
Ihr Atem ging in schweren Stößen. Ihre Sehnsucht wartete', wartete auf Erlösung. Warmni sagte er ihr nicht ein Liebeswort, warum sprang er nicht auf, sie in feine Arme zu nehmen? O sie fühlte die jauchzende Wonne, mit der sie sich ihm an die Brüst werfen würde.....
Heinz Bollrath riß sich zusammen.
„Werner bleibt lange," sagte er mit unsicherer Betonung. „Es ist schon ganz dunkel geworden."
Isa biß sich auf die Lippen. Sie hätte aufschreien mögen vor Weh. Heftig drückte sic auf die Klingel, die vor ihr auf dem Tisch stand. „Licht," rief sie dem eintretenden Zanga mit heiserer Stimme zu.
Ter Neger fuhr mit der Hand nach dem Türpfosten. Oben/ am Glasdach des Wintergartens, leuchtete die Flamme einer grün verschleierten Ampel auf; gleichzeitig erglühte das Bassin und der Strahl des Springbrunnens in goldenem Lichte. Heinz mußte unwillkürlich den Blick hinwenden. Ta sah er, daß jede der weißen Seerosen, die ans dem Wasser des Bassucs zu schwimmest schienen, ein elektrisches Lämpchen in ihrem Kelche Borg.
„Darf ich Ihnen eine Zigarre oder Zigarette bringen lassen?^ fragte Isabella in merkwürdig veränderten!, höflich-formellem Ton.
„Tanke," erwiderte Heinz, „ich rauche nie."
Da kam auch schon Werner hereingestürzt, die Wangen rot/ die Augen blitzend, und brachte eine ganze Kälteflut von draußen, mit. Als er sich endlich in Entschuldigungen genug getan zu haben glaubte, sagte Isabella:
„Die armen Hirsche! Wenn sie wüßten, daß die heutige Fütterung für viele ihrer bravsten die Henkersmahlzeit gewesen ist!" —
„Werden Sic morgen an der Treibjagd teilnehmen, Fräulein?"- fragte Heinz.
„Ich dachte eigentlich — ja," klang die Antwort, fast eist wenig unwillig.
„Ich nicht.. . . ich auf keinen Fall. Es ist eine Roheit, so herrliche Tiere, wie unsere Edelhirsche sind, meuchlings nieder-, zuschießen," rief Werner.
Heinz lächelte.
„Man muß nicht immer gleich für alles, was einem mißfällt, so schroffe Ausdrücke gebrauchen, Werner. Oder haben Sie es schon vergessen, daß auch Sie einst ein großer Nimrod untren?. Es ist doch noch gar nicht so lange her .... kaum vier Wochen, dächf ich!"
Werner ergriff Vollraths Rechte.
„Ja, Sie! Sie haben mich so leise, so nnmerklich von' meiner Passion abgebracht, daß ich mir heute ganz gut einreden könnte, ich habe das Laster ans mir selbst heraus überwunden." Mit dem Ausdruck rückhaltloser Verehrung hing er die dunklest Augen an das Antlitz seines Lehrers.
(Fortsetzung folgt.)
Die Weltanschauung in Karl Spitfders Werten.
Es ist nicht allgemeiner bekannt geworden, daß das erste Werk des schweizerischen Dichters Spittcler, das Gleichnis „Prometheus und Epimetheus", um ein Jahr früher erschien als Nietzsches „Zarathustra". Und cs ist anzunehmen, daß Nietzsche/ der Spittcler den feinsten deutschen Essayisten der Gegenwart ge^ nannt hat, auch den.Prometheus kannte. Der Materialismus/ der in jenen Jahren in Kunst und Leben heraufkam und seine letzten Schlüsse im Leben noch schärfer zog als in der Kunst, so daß Nietzsche ingrimmig vom Amerikanismus reden könnte, der bei uns einziehe — dieser Materialismus mußte uotwendiger- toeife. einen Gegensatz der Anschauungen heraufrufen. Es liegt hier jedenfalls ein höchst überraschendes Schaffen aus den Gegeu- sätzen vor, eilt Umstand, der sich bei Nietzsche wiederholt, auch Wilhelm Jordan gegenüber, zeigt.
Der einer streiigreligiösen Pfarrersfamilie entstammende Nietzsche schrieb den „Antichristen". Wilh. Jordan, gleichfalls der Sprößling einer Reihe protestantischer Geistlicher, ward durch D. Fr. Strauß dem alten Väterglauben untreu und schrieb „Die Erfüllung des Christentums", worin er darlegt/ was die naturwissenschaftliche Forschung vorn' Bibelwunderglauben und seinen Hoffnungen bereits erfüllt sieht, und ausführt, daß das Neue Testament sich zwar vom Naturprvblern völlig abwendet, das Christentum' aber allein unsere Hochkultur gezeugt und nur die Christenheit sie zu voller Entfaltung gebracht hat und bringen konnte, um schließlich mit zwingenden Gründen fest-


