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die

Reisebriese.

Von Dr. A. 3- (Original-Artikel derGieß. Fam.-Bl.").

IV. Lissabon.

Im ersten Morgengrauen tauchen gespenstisch aus den Nebeln Zinnen der stolzen Königsburg, der Cintra. Hie und da blinken aus dem Gran ein kleines Fischerdorf, ein Kloster, ein

Besten. Nehenna, Kap. 31, Vers 31. Zweitens haben wir die ausführliche Baurechnung von 16911696. Der Bau kostete 472 fl. Da jedoch damals (nach dem 30 jährigen Krieg) die Ge­meinde diese Summe nicht allein anfbringen konnte, wird im Land eine Kvllekte erhoben, die 180 fl. eintrug. Die Hauptsache bei diesem Bau war das Gewölbe, das an Stelle der seitherigen Decke trat und zwar ein hölzernes Tonnengewölbe mit hölzernen sich kreuzenden Rippen, das weiß getüncht wurde und sehr schön aussah. Die Leihgesterner werden es alle noch! in Erinnerung haben. Außerdem wurden Emporen eingebaut, zu denen eine schiefer-gedeckte Freitreppe hinaufführte, die sich sehr malerisch aus- Nahm. Jetzt hat letztere bei dem Neubau als ein Teil des Turmaufganges wieder Verwendung gefunden. Die Leihgesterner Kirche hat, wie aus dem Gesagten hervorgeht, damals die Gestalt bekommen, die wir noch gekannt und liebgewonnen haben. Es war eine alte trauliche Dorfkirche Nur genügte sie schon lange nicht mehr den Ansprüchen der Neuzeit.

1694 sammelte man für eine Orgel in die neu hergestellte Kirche. An freiwilligen Gaben gingen 63 fl. 24 alb. ein. Ein Jahr später tonnte die Orgel für 214 fl. beschafft werden. Diese Orgel hat bis znm 27. Mai 1906 ihren Dienst getan, toemt _ sie auch in letzter Zeit wegen Altersschwäche zuweilen mitten im Liede einmal ausruhte. Bier Tage später hat das eingestürzte Ge­wölbe sie total zertrümmert.

Im 18. und 19. Jahrhundert hat man nur notivendige Re­paraturen vorgenommen. Die Mauern der alten Kapelle wurden an den dem Wetter besonders ausgesetzten Seiten morsch!. ^Des­halb hat man 1765 eine neue Giebelmauer im Westen aufführen müssen, wie folgende Inschrift besagt:

Dieser Giebel der Kirch ist int Jahre 1765 den 27. Jnli unter dem damaligen hisigen Pfarrer Henrich Christophs Dorn­seiff und den Burgemeistern Peter Krick, Johannes Wiel und Adam Münch von beit Mauermeistern Johannes Weiand und Christoph Rachel von Dorf Gill neuaufgericht worden.

Die Inschrift war in dem Giebel eingemauert und befindet sich jetzt in der Umfassungsmauer des Kirchhofs an der Straße rechts von der Vorhalle. Im Sommer des Jahres 1867 hat man dann auch die Südwand abgebrochen und von Grund auf neu gebaut und zwar dem Geschmack der damaligen Zeit ent­sprechend mit Ziegelsteinen. Außer diesen größeren Reparaturen hat der Blitz einige kleinere irotwendig gemacht. In den Kirch­turm, der erst neuerdings mit Blitzableiter versehen wurde, hat der Blitz öfters eingeschlagen, im 19. Jahrhundert allein dreimal, nämlich 1831, 1868 und 1898, jedoch glücklicherweise immer ohne zu zünden. . , v

Im Laufe des letzten Jahrhunderts war bte Kirche allmählich recht baufällig geworden. Abgesehen davon, daß sie keine Heizung hatte, wurde sie für die stets im Anwachsen begriffene Gemeinde zu klein. Schmutz und Fäulnis taten noch ein übriges, um die Zustände unhaltbar zu machen. Deshalb beschließt der Kirchen­vorstand schon 1895 mit der Ansammlung eines Baukapitals den Anfang zu machen. Im Jahre 1900 beantragt er, es sollten wegen Herstellung der Kirche bezw. Erbauung einer neuen die vorbereitenden Schritte getan werden. Jedoch findet der Antrag nicht die Zustimmuitg des Gemeinderats. Ersterer hält trotzdem den Bau für notwendig und beauftragt am 15. Februar 1905 den Baumeister Ludwig Hofmann aus Herborn, die nötigen Vor­arbeiten auszuführen. Noch waren die Verhandlungen über dessen inzwischen vorgelegte Pläne nicht zum Abschluß gekommen (Neu­bau oder Reparatur?), als unerwartet eilte rasche Entscheidung herbeigeführt wurde. Das Schis- der Kirche stürzte am 31. Mai 1906 etwa nm 71/1 Uhr abends ein. Die unmittelbare Ursache war eilt heftiges Unwetter, das auch in der Umgegend großen Schaden anrichtete. Das Dach der Kirche wurde von einem Windstoß zur Hälfte in den Nachbarhof geschleudert, die andere Hälfte fiel auf das Holzgewölbe, das keinen Widerstand leistete. Gewölbe, Orgel, Emporen und ein Teil des Gestühls wurden zertrümmert, der Tnrm blieb unversehrt. Daß neu gebaut werden mußte, stand jetzt fest. Und da die Baulast für die Kirche auf der bürgerlichen Gemeinde ruht, 'berief man eine gemeinschaft­liche Sitznng des Kirchenvorstandes und Gemeinderats auf den 8. Juni. Es wurde beschlossen, nach dem vorliegenden in meh­reren Punkten umzuarbeitenden Plane ein Kirchenschiff auf Kosten der Gemeinde neu zu erbauen und mit Zentralheizung ^u ver­sehen. Der ab geänderte Plan mit dem Voranschlag von 68 500 Mk. wurde am 26. Januar 1907 gut geheißen, nachdem int Herbst 1906 die Mauern des alten Kirchenschiffs abgebrochen worden waren. Bald darauf begann man mit dem Bau, so daß am 9. Mai die feierliche Grundsteinlcgnitg erfolgen konnte- Sie steht ja noch in frischer Erinnerung. Der Bau schritt rasch vorwärts. Die Bauleitung hatte nach denk Gesetz der Kirchenvorjtand; durch das Entgegenkommen des letzteren arbeiteten aber in Leihgestern Kirchenvorstand und Gemetnderat gemeinschaftlich. Bis zum Herbst des Jahres war die Kirche unter Dach. Im' Winter 1 JO //U8 wurden die Weißbinderarbetten vorgenommen und bte Zentral­heizung hergestellt. Der Niederdruckdampfheizungsofen wurde tu einem Keller unter der Sakristei aufgestellt, dessen Sicherung gegen Grundwasser sehr viel Mühe und Arbeit kostete. Im Fruhtahr 1908 erfolgte die innere Ausstattung. Wenn, diese Zeilen dem' Publikum vorliegen, wird die Kirche bereits eing-eweiht sein.

Schluß folgt.

Stückchen schmalen weißen Strandes, steile von gischtiger Bran­dung nmspühlte Felsen. Neber der See hat eine frische Brise den Nebel schon hinweg gefegt, und in der Mvrgensonne glitzern die schneeigen Segel einer Fischerflottille.

Langsam, in großem Bogen, biegen wir in den Tajo ein, und während wir flußaufwärts fahren, schält , sich herrlich, wie eine Schöne ans dem Schleier, die stolze Lisboa aus bent Nebelkleid. Wie ein kostbarer Teppich, so schmiegen sich Häuser und Gärten, Paläste und Parks über Strand und Hügel, und leuchtend, in ungebeugtem Stolz, überragt sie alle der königliche Palast. ,

Weit fährt man den lebhaften Fluß hinauf, und mit stillem Neid sieht der Deutsche wieder einen von der Natur einzig be­günstigten Hafen. Säßen hier deutscher Fleiß oder englisches Geschäftsgenie, Lissabon müßte einer der ersten Handelsplätze der Welt werden. Eine stattliche Zahl von Handelsschiffen liegt vor Anker, wie Ruinen wirken daneben vier abgetakelte Kriegs­schiffe. Zur Linken bezeichnet eine grüne Boje die Stelle, wo die stolze Borussia der Hambnrg-Amerika-Linie ihr Wellen­grab gefunden hat.

Der Zollstation gegenüber machen wir feit, und nach langem' Handeln ohne das scheint es in Portugal nicht zu gehen nimmt uns eilt Boot ans Land. Welch ein Gegensatzzwischen gestern und heute! Oporto, der volkreiche Platz mit dörfischen!! Gepräge und unverändert bewahrtem nationalem Charakter, hier in Lissabon die vollkommen moderne Großstadt mit durchaus internationalem Gepräge, allem Hasten und allem Raffinement des 20. Jahrhunderts. Eine stark belebte Geschästsstraße führt uns nach der braca de commercio, einem wetten, tu» Süden nach dem Fluß offenen, und nach den andern Setten von der Post imb den Ministerien eingerahmten Platz, über bei» der Strom des Verkehrs lebhaft und geräuschvoll htitwegbraust; niemand scheint sich mehr zu erinnern, daß die Stätte zum Drama des Königsmords die Kulisse hat liefern müßen.

Die Stadt ist sehr weitläufig gebaut, und dank der etwas gewaltsamen Sanierung, die sie in der Mitte be§_18 Jahrhunderts durch das große Erdbeben erfahren hat, fast durchweg brett und luftig angelegt. Selbst die Gassen und Gäßchen des ärmeren, östlichen Stadtteils zeigen relativ stabile Hauser. Der Verkehr wirb durch ein ausgedehntes Netz elektrischer Bahnen unter­halten lieber bett bebeutenben Niveauunterschied zwei men oberer und unterer Stadt trösten den, der nicht gern Berge steigt, eins Zahnradbahn und ein großer Perfonenaufzug, von dessen Platt­form man eine herrliche Aussicht genießt. Breite Straßen, in denen sich Passanten und Fuhrwerke drangen, fuhren uns nach Norden. Da gibt es Läden mit eleganten, kostoaren Auslagen, große Hotels, Kaffees, auch die Warenhäuser fehlen nicht. Schone, elegante Frauengestalten, nut Vorliebe tit Schwarz gekleidet, und zahlreiche Militärs in schmucker, gut unterhaltener Umform be­leben das Bild. Barhäuptig, den schwarzen Mantel stolz um bte Schulter geschlungen, schreitet der Student. Alles zeigt des Leben, und als wir den Rocto. überschreiten, erscheint uns der Gedanke absolut befremdlich, daß hier drei Tage^vorher die Kugeln um die Köpfe aufrührerischer Banden pfiffen, tfrteben und Wohlstand atmet auch Lissabons Stolz, Re Aveniba, eme breite, mit wundervollen Pannen bestandene Prachtstiatze.

Die Zahnradbahn bringt nns eine Etage hoher, wo sich auf den Kuppen der Hügel ein von geschmackvollen Anlagen und wohlgepslegten Parks unterbrochenes, elegantes Wohnviertel degnt In unaufhörlichem bergauf und bergab zieht sich bte Stab,, so mehrere Kilometer weit, und meine des Bergsteigens en wohnten Seebeine waren herzlich froh, als uns em tadellos bespannter, auf Gummi laufender Taxameter zur Fahrt nach dem weit west­wärts gelegenen Königsschloß aufnahm. Auf weitblickender 5)oh erbaut, imponiert es durch bte Einfachheit seiner mächtigen Fassaden, bereit glänzendes Weitz nur unterorochenwird, dmch bas ernste Schwarz des Flortuchs, das die königlichen Wapp ^Jch muß sagen, nach den Berichten der letzten Atonie Und Wochen hat mich Lissabon aufs angenehmste überrascht, er- wartete ein gedrücktes, stark dem Verfall preisgegebenes Gemeln- wesen und fand eine blühende, wenigstens dem anßereii schein nach vollkommen beruhigte Stadt. Der lebhafte Straßenverkehr wickelt sich in tadelloser Ordnung ab, Polizei und Mcktar machen, wenigstens in ihrer äußeren Haltung, einen vorzüglichen Eindruck, (Ins Herz kann ich ihnen freilich nicht sehen.) ^ch besuchte em Svital und ein Wöchnerinnenhetm, beide vorzüglich orgaiiiftert, und gut eingerichtete große Volksküchen zeugen von emer energischen und umsichtigen Armenfursorge., Alles tn allem, für das arme Land mit seiner dünnen, ungebildeten Bevölkerung eilte glänzende Residenz, und wenn man bedenkt, wte wenig für \ hie große Masse fast 30 Prozent find Analphabeten