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schisfahrt äuszuführen hatte. Auf diese spielte er nun mt, als .Hell ihm seinen besonderen Dank dafür aussprach, daß auch er zur ersten Begrüßung mit nach Biebrich herübergekommen sei. Darüber lieber Schwager, verlier' nur kein Wort! Der ver­wünschte Fangdamm, mit dem uns die Nassauer hier das alte Strombett verdorben haben, macht mir das fleißige Be­fahren der Strecke zur Pflicht! Du kannst dir gleich jetzt auf der Fahrt den Schaden besehen!"

Tie vier bestiegen das Schiff, auf welchem die lebhafte Be­grüßungsszene nicht unbemerkt geblieben war. Vergeblich be­mühte sich Hell, für sich und sein Lieb ein einsames Plätzchen zu finden, ans dem sie sich ungestört dem Austausch ihrer Emp­findungen hätten hingeben können. Nur die Höflichkeit zweier Herren, die mit Werners befreundet waren, verschafften den bei­den Damen Sitzplätze. Hell und Werner traten an die Schiffs­rampe. So bekam dieser Gelegenheit, das Thema bald wieder aufzunehmen, das ihm so sehr am Herzen lag. Es drängte ihn, mit seinem Schwager, dessen scharfen Verstand er längst schätzen gelernt harte, und der ja eben aus den an Wasserbauten so reichen Niederlanden kam, über die Sorgen zu reden, welche ihm der unerquickliche Greuzstreit zwischen Hessen-Darmstadt und Nassau wegen des Fahrwassers im Rhein bereitete.

Tie Dampfer hatten in jenen Tagen für die kurze Fahrt »on Biebrich nach Mainz keinen so glatten Kurs wie Heute. Da- juais war noch das kleine Biebricher Wörth, das jetzt an die rhein- .16 sich ziehende Rettbcrgsaue angeschlossen ist, eine selbständige Insel. Die Einfahrt in den breiten schiffbaren Rheinarm zwischen der Peters- und der Ingelheimer Aue wurde erschwert durch einen sich vom Biebricher Würth aus in den Strom er­streckenden Steindamrn, der nach Biebrich hin einen starken Ab­strom des Fahrwassers bewirkte. DiesenFangdamm" hatte schlauerweise die nassauische Regierung zugunsten ihres neuen Hafens Mfführen lassen, den sie vor Biebrich auf Beschluß der Schiff- fahrtskommission der Rheiustaaten hatte anlegen dürfen.

Fein haben's die Herren in Nassau angefangen, das muß man jagen!" murmelte Werner, der mit gerunzelter Stirne seinem künftigen Schwager den Fangdamm zeigte.Drum hat man auf unserer Seite zu spät bemerkt, worauf die Sache hinauslief! Jetzt sind die Regierungen in heftiger Fehde begriffen. Der Ein­gang zum Mainzer Hafen versandet, und der Schaden, den unser Handel erleidet, ist ungeheuer! Seitdem die Biebricher uns das Stromwasser abgefangen haben, wachst der Verkehr zusehends in ihrem- Hafen. Die Taunusbahn fördert ihn auch Doch kein Protest hilft! Unsere Nachbarn stützen sich auf das ihnen ein- ßeräumte Recht, den Hafen zu errichten; und zu einem Hafen, sagen sie, gehöre auch die Möglichkeit guter Zufahrt! Von Mainz aus aber hagelt es Beschwerden und Vorstellungen beim Mini- Herium in Darmstadt. Unser Minister ist wütend"

Ter Regierungsbaumeister seufzte tief auf.Du singen sie pun begeistert auf unseren Tampfern das neue Lied vomfreien" deutschen Rhein, und ich sing' es mit! Jawohl, frei vom fran­zösischen Joch! Aber wie lange wird es noch dauern, bis der Rhein auch frei von den Fesseln und Hemmungen des Verkehrs wird! Solange jeder Rheinstaat das Recht behält, von der Fracht der rheiuauf, rheinab ziehenden Schisse einen Zoll zn erheben, ist eine Wendung zum Bessern nicht möglich!"

Hell hörte mit Interesse diesen Ausführungen zu, umsomehr, als er sah,..daß Käthe es teilte und mit zärtlichem Stolz an seinen Lippen, hing, wenn er mit sachverständigen Fragen den Schwager unterbrach. Doch mußten ftch die Männer auf einen kurzen Gedankenaustausch beschränken. Werner, von dem man wußte, baß er im Mainzer Stromgebiet allerhand Arbeiten leitete, die dem alten Handel der Stadt zur Förderung gereichen sollten, hatte hinter den Mitgliedern derLiedertasel" nicht wenige Be­kannte, und die meisten von diesen kannten auch seine Frau, die im letzten Karneval eine der reizendsten Masken gewesen Ivar.

Sehr bald hatte es sich herumgesprochen, daß der. Herr neben Frau Werners Schwester, dem lo viel Lebensmut aus den Augen strahlte und der vorher auf der Fahrt nach Biebrich doch so ernst und still gewesen war, ein Umgekehrter Flüchtling sei, den die letzte große Demagogenverfolgung vor fünf Jahren in das Ausland getrieben hatte. In der jetzt herrschenden Stimmung war man stolz auf den Landsmann, den patriotische Freiheits- begeisterrmg so jung zum Märtyrer gemacht hatte, und viele benützten die Bekanntschaft mit Werners, um Hell und seiner Braut vorgestellt zu werden; man gratulierte ihnen und trank ihnen zu. Hell wurde der Mittelpunkt des allgemeinen Interesses.

Eine in der Nähe sitzende Dame war so entzückt von dem hol­den, schlichten Wesen der Braut, daß sie einen Strauß von Spät- vosen, der ihr in Rüdesheim von Verwandten geschenkt worden war, ihrem Töchterchen mit dem Auftrag gab, die Blumen dem

lieben Fräulein" zu überreichen. Die Kleine tat dies gar rei­zend, unter dem Beifall aller, die Zeugen des anmutigen Schau- fpiels wurden. Wthe küßte das Kind und verneigte sich gleich ihrem Bräutigam dankend gegen die Spenderin.

Da ging ein Flüstern wie heimliche Verabredung durch die Runde; auf dem offenen Platz vor dem Steuermannskasten scharte! sich eine Gruppe von Herren um den Bereinsdirigenteu und brausend setzte das LiedWas ist des Deutschen Vaterland?" ein, das bis vor kurzem verbotene Lied des alten Arndt, das 1813 die deutschen Truppen über den Rhein nach Frankreich hinein begleitet hatte und bann beim Ausbruch der Demagogen­verfolgung verfehmt worden war. Seitdem hatte auch dieses Lied nur heimlich als Flüchtling unter Flüchtlings gelebt. Jetzt aber war es wieder frei, war wieder heimgekehrt; jetzt wett­eiferte es mit dem Rheinlied, das neu entflammte Vaterlands-! gefühl des Volks zu offenbaren. . . .Das ganze Deutschf- land soll es sein!" Alle, die das Lied fangen, waren aufgestanden, als handle es sich um ein Gebet, ein Bekenntnis. Der Mond, der in feierlichem Glanz über dem Taunus stand, goß sein ernstes, mildes Licht über die andächtige Gruppe. Glockentönig verhallte das Lied im Wellenrauschen des Rheins.

(Fortsetzung folgt.)

Leihgestern.

Altes und Neues zur Geschichte des Dorfes von Ludwig Strack.

Mriginalbeitrag derGieß. Fam.-Blätter".)

Nachdruck verboten V.

Die Baugeschichte der evairg. Kirche-

Eine Kapelle zu Leihgestern wird, wie wir sahen, im' Jahre 1237 erwähnt. Wie sah diese Kapelle aus? Bei dem Abbruch des alten Kirchenschiffes int Jahre 1908 entdeckte man in der Nordmauer desselben vier später zugemauerte Fenster romanischen Stils. Die entsprechende Maner auf der Südseite war wegen Baufälligkeit im 19. Jahrhundert durch eine Backsteinmauer er­setzt worden. Nach dieser alten Mauer mit romanischen Fenstern konnte man sich ein Bild von der alten Kapelle machen, da die übrigen neueren Mauern auf den alten Fundamenten erbaut waren. Hiernach war sie,eine Saalkirche, 16 Meter lang, 8,50 Meter breit mit einer Decke, deren Höhe an dem später ange­bauten Turm noch zu erkennen ist, und wahrscheinlich mit einem sogenannten Dachreiter, in dem die Glocken hingen. Für dis Bauzeit dieser Kapelle kann man kein bestimmtes Jahr an- geüen. Sie fällt aber in die romanische Stil Periode (10. bis 13. Jahrhundert), in der im Lahngau, zu dem der Hüttenberg gehörte, eine außerordentliche Bautätigkeit entfaltet wurde. (Bgl- die Kirche in dem- Nachbarort Große n-Linden.)

Als die Gemeinde größer und wohlhabender wurde, hat man, wie auch an anderen Orten, an die Kapelle einen Turm ange­baut, der dann als Chor diente. Darüber, wann dieser Turm angefaugen worden ist, hat matt auch nur Vermutungen. Die Fenster weisen in die frühgotische Zeit. Fertiggestellt und mit Schieferdach versehen wurde er unter dem ersten Pfarrer um 1595. Bon diesem Turmbau haben wir noch die Rechnung, auf­gestellt 1598. Bier sogenannte Baumeister und der Pfarrer bil­deten das Baukomitee und besorgten auch die Kasseuangelegen- heiten. Die vier Baumeister waren: Thönges (Antonius), Henkel Kiehe oben), Hans Burgk, Thomas Schmid und Hieronymus Burgk. Die Einnahmen bestehen aus dem Ertrag einer Haussteuer (3 fl.), die jedoch auch abverdient werden konnte, einem Zuschuß aus dem gemeinen Gotteskasten des Hüttenbergs, einem solchen aus dem Kasten von Leihgestern und dem Erlös für verkaufte Holz­abfälle, summa summarum 1349 sl. 20 alb- 4 Pfg. Die Aus­gaben belaufen sich auf 1287 fl. 7 albt 2 Pfg. Hiervon bekommen die Maurer 400 fl., die Zimmerleute 79 fl- 9 alb. 2 Pfg., dep Schmied 44 fl. 28 alb-, die Leyendecker (Dachdecker) 165 fl. Unter den kleineren Ausgaben nimmt die Rubrik:Ausgab für Zehrung" einen sehr großen Raum ein. Offenbar wurden Hand­werker und Fuhrleute von der Gemeinde verköstigt. Dies also war der erste größere Kirchenbau, von deut wir noch die Rech­nungen haben. Der damals sertiggestellte Turm ist von kleineren Reparaturen abgesehen, bis heute geblieben. Spätere Neubauten und Erneuerungen beziehen sich auf das Kirchenschiff.

So die nächste größere Reparatur, von der wir 100 Jahre später hören, lieber sie sind wir gut unterrichtet- Erstens sand man neuerdings unter dem Verputz an der Westseite des Turntes eine hierauf bezügliche Inschrift mit folgendem Wortlaut: Templum hoe arcuatum et renovatum est anno 1692 die XX Septembris sub cura ac piis precibns Georgii Henrici Heel Darmst. p. t. pastoris huias loci. Memento mei dens meus in bonuni. Neb. XIII, v. 31.

Deutsch: Im Jahre 1692 den 20. September ist diese Kirchs renoviert und mit einem Gewölbe versehen worden, unter der Fürsorge und den innigen Gebeten des Georg Heinrich Heel, des derzeitigen Ortsvfarrers. Gedenke meiner, mein Gott int