Donnerstag ven 43. August

mit

1908 M. 126

OMI

Ä

MMM

UM

lE->M

^MMMZÄLi

Sie sollen ihn nicht haben!

Novelle aus der Zeit ber EisenLahnfurcht.

Bon Johannes Proelß. (Nachdruck verboten.)

I.

Tie Abenddämmerulrg breitete schon ihre Schatten über den Rhein, als an einem schönen Herbsttag des Jahres 1840 ein fest­lich bewimpeltes Dampfschiff sich dem Landeplatz am Ufer von Biebrich näherte. Es kam von Köln und in Rüdesheim halte es eine zahlreiche frohgestimmte Gesellschaft von Herren und Damen ausgenommen, Mitglieder der Mainzer Liedertafel, die einen Tag im Rheingau verbracht hatten und nun bei Gläserklang und Liedersang in echt rheinischem Behagen Heimfuhre«, Ein kunstgerechter Gesang tönte voni Schiff und klang hinüber ans Biebricher Ufer, wo in den Fenstern des Schlosses des Herzogs von Nassau noch der letzte Widerschein der untergehenden Sonne funkelte. Es war ein neues Lied, das man sang, ein Lied, das er ft vor kurzem aufgekommen war, sich aber im Nn die Herzen von alt und jung erobert hatte; der Vereinsdirigent hatte es selbe« vierstimmig gesetzt, und die fröhlichen Mainzer wurden auf dieser Festfahrt nicht müde, es immer aufs neue anzustimmen: Niclas Beckers RheinliedSie sollen ihn nicht haben!"

Wohl in keinem Jahr, so lange des Rheines grüne Flut die Rcbenhvhen seiner Ufer umspült, ist so viel und so begeistert von der Herrlichkeit des größten deutschen Stromes gesungen tvvrden, wie im Jahre 1840. Die ersten Kundgebungen Friedrich Wil­helms IV. nach seiner Thronbesteigung hatten das Mißtrauen Frankreichs wachgerufen. Uebermütige Kriegsdrohungen waren in Paris ausgestoßen worden, und nun ging die Entrüstung über die welsche Anmaßung wie ein Sturm durch die deutschen Lande. Vergebens hatte man in Frankreich auf die Zerrissenheit Deutsch­lands gerechnet! Selbst der Staatskanzler Oesterreichs, Fürst Metternich, und seine Getreuen am Bundestag ließen den hell­auflodernden Enthusiasmus des deutschen Geistes eine Zeitlang gewähren. Die meisten deutschen Fürsten erließen Amnestien für die vielen politischen Märtyrer, denen man die Sehnsucht nach einem freien einigen Vaterland als Verbrochen ausgelegt hatte. Durch die Reden des neuen Preußenkönigs auf den Huldigungs­festen tönte verheißungsvoll das Wort von der tagenden neuen Zeit für ein einiges starkes Vaterland. Und was das Volk empfand, gewann Sprache in den Worten seiner Dichter;Sie soll«: ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein", dies Trutzwort des rheinischen Dichters ward zur tausendstimmigen Antwort auf den fran­zösischen KriegsrufAn den Rhein!"

Unter den Fahrgästen des Dampfers, die nicht zu der Mainzer Säugergesellschaft gehörten, hatte ein einzelner hochgewachsener Herr, dessen Kleidung fremdländischen Zuschnitt hatte, mit be­sonderer Ungeduld auf die Landung des Schiffes gewartet. Seine Augen waren in freudiger Erwartung auf die Landungsstelle ge­richtet und hatten nicht acht auf das malerische Bild des Mainzer Beckens, das sich beim Wenden des Dampfers in seiner ganzen Schönheit auftat und sonst an Bord zahlreiche Bewunderer fand:

Iber breite, majestätische Strom mit den langgestreckten, zum Teil bewaldeten Inseln, die er zwischen Biebrich vielarmig umfließt iinö der ferne, in den Silberschein der Dämmerung gehllllkö Schattenriß des türmereichen, von Festungsivällcn umstarrten alten goldenen" Mainz.

Ein Flüchtling, der vor fünf Jahren als Gießener Stu« deut sich der Verhaftung wegendemagogischer Umtriebe" ent-, zog, weil er ein notorischer Anhänger Karl Fallens und Weidigs war, kehrte in die Heimat zurück im Vertrauen aus die tagende neue Zeit. Fritz Helle hatte in Gießen Ingenieur-, Wissenschaft studiert und war dann in der Zwischenzeit in Belgien ein auch im praktischen Dienst erfahrener Eisenbahntechniker ge- worden. In keinem Lande kam es ja so schnell zum Ausbau eines wohlgegliederten Eisenbahnnetzes.

Als er die Zeit reif für die Rückkehr erkannte, bewarb er sich von Brüssel aus um die Stelle eines Betriebsingenieurs bei der neuen, erst vor kurzem eröffneten Taunusbahn zwischen Frank­furt a. M-, Castel und Biebrich, deren Direktion mit der Absicht umging, auf einen großen Teil ihrer Strecke ein zweites Gleise legen zu lassen. Das Glück war ihm hold- Heute kam er von Brüssel über Köln, um seine Stelle anzutreten, die ihm für's erste das Betriebsbureau in Castel, dem rechtsrheinischen Mainzer Vorort, als Arbeitsstätte anwies. Seine Braut, Käthchen Schön-, Hardt, ein schmuckes Försterskind seiner Heimat, war ihm von Mainz aus, wo sie bei einer dort verheirateten Schwester zu Be­such weilte, nach Biebrich entgegengefahren.

Damals, als sie ihn vor seiner Flucht zum letztenmal gescheit, hatte, war er schmächtig und bleich gewesen, heute trat er ihr zum Manne gereift entgegen. Ein starker blonder Bart schmückte ihm Mund und Kinn und sein Auge blickte freier, milder ans dem sonnverbrannten Gesicht. Bald hatte er die Gesuchte unter der Menge der neu einsteigenden Mitreisenden erkannt, und jubelnd, unter Weinen und Lachen, lag sie an seiner Brust. Als er dann ihr Haupt zu sich emporhob und unbekümmert um seine Um­gebung- ihr innig Mund und Stirn und Haare küßte, da hatte sie nur die eine Empfindung:Nun bist du wieder mein für immer!"

Der schrille Ruf der Schiffsglocke, welcher das erste Zeichen zuv Abfahrt gab, löste die Umarmung. Nun trat auch die Schwester Käthes, Frau Lotte Werner, mit ihrem Mann, dem jovialen Re- gieruugsbaumeister Arnold Werner, heran, die bisher vom Ufer auS dem Wiedersehen der beiden in stiller Rührung zugeschaut hatten. Fritz. Helt begrüßte sie herzlich- Die Schwäger sahen sich zum erstenmal. Nur aus gegenseitigen Briefen und den SM- derungen der Schwestern waren sie einander bekannt. Bei bet Bewerbung um die Stelle nn der Taunusbahn hatte Werner als hessen-darmstädtischer Regierungsbaumeister sich Hell durch gute Ratschläge gefällig erweisen können. Das neu zu bauende Schieuengleis führte zu einem Teil durch hessisches Gebiet. Auch Hells künftiger Wohnort Castel lag ja im Grvßherzogtum Hessen, gleich Mainz, das freilich- als Festung deutsches Bundeseigentum war.

Werner war erst seit kurzem voll Darmstadt nach Mainz versetzt worden, wo er wichtige Aufgaben zur Hebung der Rheni-