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der Kammermusik lange vernachlässigt, scheint sie neuerdings sogar in der Laienwelt wieder mehr in Aufnahme zu kommen. Vs ist zu verwundern, daß man in unfern modernen Or­chestern so manche Soli zu Gehör bekommt, doch so gut wie nie einSoloaufderOboe. Unsere jungen Komponisten haben die herrlichen Wirkungen, die die Oboe gerade im in­timen Rahmen hervorzubringen vermag, wieder neu esit- deckt und wie schon erwähnt, will auch die musizierende Laienwelt, was die Anzeichen beweisen, von der einseitigen Bevorzugung der Geigenfamilie tvieder auf die Liebhabereien des 18. Jahrhunderts zurückgreifen. Wie erfreulich ist dies. Wer einmal Gelegenheit gehabt hat, die be­zaubernde Wirkung im Zusammenklang von Oboe und Gesang zu beobachten (denn die Oboe ist das Instrument, was der menschlichen Sopranstimme am nächsten kommt), wird die wärmste Empfehlung: das Oboespiel aufzunehmen, gewiß unter­stützen. Den Vorwurf der Einseitigkeit und Unergiebigkeit wird man bald fallen lassen, wenn man einen Einblick in die wertvolle klassische sowie moderne Literatur sowohl für Oboe allein als auch im Verein mit andern Bläsern oder Streichern oder Klavier erhält, ganz abge­sehen von dem unerschöpflichen Reichtum, den Bachs Kan­taten bieten. Die Stimme der Oboe, die klagend, weich, durchdringend im Schmerze, pikant und hell im Ausdruck der Freude und des hüpfenden Scherzes ist, vertritt noch besonders den Charakter der Jungfräulichkeit und Unschuld, ich möchte fast sagen der Schüchternheit. Deshalb ist sie auch so' glücklich von großen Meistern verwendet worden. Von welch ergreifender Wirkung sind z. B. die Solostelle in Richard WagnersTristan und Isolde", die gewöhnlich auf der Alt-Oboe geblasen wird, ferner eine Stelle von Dvorak:Sinfonie aus der neuen Welt", ferner lArlesienne von Bizet, Der fliegende Holländer, Die Tellouvertüre, Pre- ziosa, Freischütz usw.

Es kommt noch hinzu, daß der Oboespieler sich mit leichter Mühe in den Stand setzen kann, auch die andern Glieder der Oboefamilie insbesondere das Englisch Horn oder richtiger die Altoboe zu beherrschen. Auch dies wunder­bare Instrument mit seinem wehmütig-melancholischen Cha­rakter ist bei Bach reichlich bedacht worden. Es ist zurzeit nur in ganz großen Orchestern besetzt, findet sich aber auch äls Liebhaberei bei Dilettanten. Es wird im Violinschlüssel notiert, hat aber die Stimmung wie unsere Bratsche, also in F. Und nun gar die liebliche, zart klingende Oboe damour, eine um eine Terz tiefer stehende Oboe von wenig größeren Dimensionen, deren Klangzauber Richard Strauß in seiner Sinfonia Domestica für das moderne Orchester nutzbar gemacht hat, ist Bachs ausgesprochener Liebling?) Sie läßt sich übrigens jederzeit mit geringfügigen Aende- rungen durch gewöhnliche Oboe ersetzen. In Frankreich baut man noch größere Oboen als das Englisch Horn: Bary- ton-Oboen. In Deutschland stellt eine Firma in Biebrich am Rhein alle Abarten der Oboen her, auch eine ganz große um eine ganze Oktave tiefer stehende Oboe, das Heckel- phon genannt. Dasselbe hat den größten Beifall des deutschen Kaisers gefunden. Die berühmtesten Komponisten verwenden das Heckelphon in ihren Werken. Es hat eine dunkle, aber klare und kräftige Klangfarbe, dabei doch edlen Ton.

Gießen. Dr. X.

5) Die Oboe war Händels Lieblingsinstrument.

Musik.

77 G r u ndri ß der Musikwissenschaft von Uui- versitütspros. Dr. Phil, et mus. H. Riemann in Leipzig. 8°. 160 Seiten. (Wissenschaft und Bildung, Bd. 34.) In Or'i- ginalleinenband 1.25 Mk. Verlag von Quelle u. M e y e r in Leipzig. Wer dies Bändchen durchgearbeitet hat, wird staunen ob der Fülle des Stoffes, denn es ist eine Enzyklopä­die der Musikwissenschaft en miniatnre. Ueberblicken wir nur einmal die Ueberschriften der einzelnen Kapitel? Hier wird behandelt die Akustik, die Tonphysiologie, die Mufikästhetik, die musikalische Fachlehre sowie die Musik- gefchichte der Natur- und Kulturvölker von den ältesten Zeiten brs zur Gegenwart. Nur wer auf Grund jahrzehnte­langer Studien über ein so umfassendes Wissen verfügt wie

der Verfasser, To mite eine Zusammenfassung all dieser ganz verschiedenartigen und doch sich wieder eng berührenden Gebiete ivagen. Dabei wußte er geschickt die Gefahr eines allzu abstrakten Schematismus zu vermeiden. Lebensvoll ist seine Darstellung mit einem angenehmen persönlichen Ein chlag, indem er stets gegenüber den Ergebnissen der Forschung seinen persönlichen Standpunkt andeutet, daneben aber nicht versäumt, die wichtigsten Werke des betreffenden Spezialgebietes aufzuführen, die der Weiterbildung dienen können. Hierdurch eignet sich das schmucke Bändchen ebenso zur Lektüre als zum ernsten Studium, nicht nur für Musiker vom Fach, sondern insbesondere alle Musikfreunde sollten es stets zur Hand haben, um sich in sachgemäßer Weise über die täglichen Fragen des Musiklebens zu unterrichten. An Stelle allgemeiner Redensarten würden dann bald posi­tive Kenntnisse treten.

Literatur.

D a s Erb e", Sammlung ausgewählter deutscher Schriften. Herausgegeben von Ernst Li sf au er. Erster Band: Mörikes Gedichte. Concordia Deutsche Ver­lags-Anstalt, Hermann Ehbock, Berlin W. 30. Preis brosch. 0.50 Mk. Es handelt sich hier das beweist dieses erste Bändchen um eine sorgfältige Auswahl des Besten, das Deutschlands Poeten in Vers und Prosa geschaffen haben und das füglich jedem deutschen Manne, jeder deut­schen Frau, das, vor allem unserer Jugend vertraut sein müßte. Sind die folgenden Bändchen, von denen jeden Monat eines erscheinen soll, so ausgestattet wie das vor­liegende, und wissen sie uns die Dichter mit solcher Liebe nahezubringen, wie es Lissauer bei Mörike gelungen ist, dann darf manDas Erbe" als ein Unternehmen von nationalem Wert ansprechen.

TheodoreRoosevelt" von 011ovonGo11- berg. Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Hermann Eb- bock, Berlin W. 30, Münchener Straße 8. Preis brosch. 1.50 Mark. Das Werkchen ist ein Charakteristikum des Präsi­denten der Vereinigten Staaten. Man erkennt ihn als einen' vom Glück, begünstigten Streber, der zielbewußt vorwärts schreitend jedes Mittel als zum Zweck führend gebrauchte,, Roosevelt wußte überall für sich Stimmung zu machen, Einfluß auszuüben und zu herrschen. So ebnete er sich den Weg zum Weißen Hause und besteigt den Präsidenten- stuhl in einem Augenblick, da er drohte, für ihn unerreichbar zu werden. Er löste seine Versprechungen nicht ein und befreite das Land auch nicht von dem Fluch politischer Korruption. Roosevelt erweist sich als richtender Staats­chef, bleibt aber staatsmännisch unproduktiv. Er besteht aus einem Bündel von Widersprüchen. In seinem Leben und seiner Betätigung leistet er mehr eine Arbeit der Mus­keln als eine solche des Intellekts. Der Verfasser gönnt uns weiter noch einen Blick auf die Entwicklung jenes Hoch- dollartums der Rockefeller, Morgan und Harriman,° die mit den erwählten Beamten und Vertretern des Volkes um die Herrschaft über die Bereinigten Staaten ringen.

Goldene Worte.

Es ist nicht Chaos oder Tod, es ist Form, Einheit, Bestimmung, ist ewiges Leben ist Glückseligkeit!

Walt Whitman.

Alles, was wahr ist, ist gut; bei tieferer Betrachtung auch schön. * Feuerbach.

Es ist eine erstaunliche Tatsache der Ersahrung: wo immer Menschen zusammen sind, da bildet sich sofort eine Gewalt, welche die selbstsüchtige Willkür der Einzelnen dem Zivecke des Ganzen unterordnet. Diese Tatsache ist der Erfahrungsbeiveis der sittlichen Weltordnung. M. Carriers.

Rätsel.

In Krieg und Frieden tritt es uns entgegen, Dort blut'ge Saat, hier gold'ner Erntesegen. Gießen. P.

Auslösung in nächster Nummer.

Auflösung des Abstrich-Rätsels in voriger Nummer: Internationale Ausstellung.

Redaktion: P. Witt ko. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.