1908
Nr. 108
BM
sTjffliH ^WW! Im
BMW
John Darrows Tod.
Roman von Melvin L. Severy. .
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„Was habe ich getan?" fragte ich.
„Was Sie getan haben?" schrie er, außer sich vor Wut. „Ich will's Ihnen sagen. Sie haben durch ein Zaubermittel das Herz meines Weibes gewonnen. Ihr Name, Ihr verfluchter Name, weicht nie von ihren Lippen. Ihn allein hat sie als Antwort auf mein Bitten, mein Beschwören. Selbst int Schlafe fährt sie auf und ruft nach Ihnen. Von Tag zu Tag sinkt und welkt sie mehr dahin wie eine Lotosblume, deren Wurzel zerschnitten ist; doch immer und allezeit ist Ihr verfluchter Name in ihrem Munde und treibt mich zum Wahnsinn, bis ich endlich einen heiligen Eid getan habe, Sie umzubringen und den Zauber, mit dem Sie Lona umwoben haben, zu brechen."
Wäre er in diesem Augenblick auf mich los'gcgaugen, er hätte mich widerstandslos wie ein Kind gefunden, so überwältigt war ich von der plötzlichen Freude, die michlergriffen und alle Schwermut ausgetilgt hatte. Seine haßerfüllten Worte waren wie eine Fackel, die in das Dunkel meiner Verzweiflung leuchtete; sie hatten mir gezeigt, daß mein Dasein nicht völlig öde und nutzlos gewesen war; denn das Leben, das den Himmel treuer Liebe kennen gelernt hat, kann kein verfehltes sein. Keine Mauer ist so hoch, keine Entfernung so groß, keine Trennung so vollständig, daß nicht zwei liebende Herzen einen Weg zur Verständigung fänden. So war also Lona trotz aller Hindernisse mein. Wie verwandelt war mir jetzt alles! In einem Augenblick wurde das Leben zu einer unsäglichen Wohltat, denn es ließ mich empfinden, daß ich geliebt wurde, und der Tod hatte einen neuen Schrecken gewonnen durch die Furcht, jene süße Empfindung zu verlieren.
Aus meinen Gedanken wurde ich durch Rama Ragobahs Worte jäh geweckt.
„Kommen Sie, Sahib", sagte er, indem seine dicken Lippen sich spöttisch emporzogen, „wollen Sie nicht einmal Ihren Zauber an mir versuchen? Eine bessere Gelegenheit werden Sie nicht leicht finden." Und wieder machte er mit dem' blitzenden Messer eine leichte Bewegung. Der Mond, der jetzt tief am Horizonte stand, sandte einen breiten Lichtstreifen in den Eingang der Höhle und über den Kopf und die Schultern des Inders. Das kalte Licht strahlte von der Klinge, die drohend über mir gezückt war, zurück. Die Krisis war eingetreten.
Im Moment der höchsten Gefahr kom'mt manchmal eine Eingebung — blitzartig, unbegreiflich —, die man durch ruhiges kühles Nachdenken nie gewonnen hätte. Schon hatte der Inder seinen rechten Arm bis zum Ellbogen entblößt, ehe ich meinen verzweifelten Plan, an den mein Lebcnssaden fich lose knüpfte, gefaßt hatte. Als Ragobah dicht vor mir war, ergriff ich den großen, weißen Solahut, den ich aufhatte, und schleuderte ihn gerade in sein Gesicht. Es war ein Schuljungenkniff, aber das einzige Verteidigungs'mittel, das mir in meiner verzweifelten Lage einfiel. Unwillkürlich machte Ragobah eine ausweichende Bewegung, schloß seine Augen und hob zum Schutze seine rechte
Hand mit dem Messer. Ich sprang im' selben Augenblick, als ich meinen Hut warf, auf ihn zu und erreichte ihn so, ehe er seine Augen wieder geöffnet hatte. Ich hatte seine Bewegungen richtig berechnet und irrte mich nicht. Als ich bei ihm war, war sein Kvpf etwas nach vorn und unten geneigt, um deu Hut darüberweg fliegen zu lassen. Seine Lage konnte für mich nicht günstiger sein. Ich fuhr ihm mit der Faust gegen den vorstehenden Unterkiefer nicht weit von der Halsschlagader. Der Stoß saß so gut, und die Verzweiflung lieh mir solche Kräfte, daß fich seine Füße vom Boden hoben itnt> er rückwärts aus der Höhle flog, wo er regungslos liegen blieb. Jetzt war er in meiner Gewalt; ich packte feinen: Dolch und beugte mich über ihn. Wörte können den Haß und Abscheu, der mich damals und stets gegen ihn beseelte, nicht ausdrücken. Immer hatte er als finstere, undurchdringliche Masse zwischen mir und der Sonne meiner Seligkeit gestanden. Ich hatte den Dolch schon gezückt, als plötzlich ein Gedanke mir den Arm lähmte, derselbe Gedanke, der mich auf dem ganzen Wege zur Höhle verfolgt hatte, nur jetzt in einer neuen Form. Wenn ich den Mann zu meinen Füßen tötete, und Lona war gestorben, ehe ich zu ihr kam, so war nach menschlichem' Ermessen keine Möglichkeit mehr, jemals den Grund ihrer geheimnisvollen und schrecklichen Verwandlung gegen mich zu erfahren. Nein, der Mann, der dies Geheimnis zweifellos mit ihr teilte, sollte am Lebest bleiben, aber ich wollte ihn unfähig machen, mich zu verfolgen/
Die Zeit drängte, denn er hatte angefangen, sich zu regen/ und erholte sich schnell. Da nahm ich einen Felsblock und warf ihn mit aller Kraft, die ich aufwenden konnte, auf seinen linken Fuß. Trotz seiner gewaltigen Körperkraft waren seine Hände und Füße kaum größer als die einer Frau, und die feinen Knochen knickten wie ein Rohn Als der Stein seinen Fuß zermalmte, schien ihn der Schmerz sofort zum vollen Bewußtsein zurückzubringcn, und er brüllte wie ein wütender Büffel. Ich schaute mich nach ihm um, während ich den Hügel hinabeilte. Er hatte den Stamm' der Banane umschlungen und richtete sich auf dem rechten Fuße auf. Auf seinem vom Mondschein bestrahlten Gesicht malte sich' ein Ausdruck, den ich nie vergessen werde. Wie unter dem Bann des Schreckens blieb ich an den Boden geheftet. Wild schüttelte er die Faust nach mir, und gellend kam es aus der Tiefe seiner Kehle:
„Du ungläubiger Hund ! Du kannst eher den Himalaja mit einem seidenen Taschentuch wcgfegen, als Rama Ragobahs Grimm entgehen. Geh! Vergrabe dich in den verborgensten Winkel des entlegensten Landes, und Ragobah und der Tod werden unvermutet in der Nacht über dich kommen!"
Das waren die letzten Worte, die ich von diesem Teufel in Menschengestalt vernahm, aber ich weiß, sie sind prophetisch, und er wird seinen Eid halten.
Ich stürmte in die Stadt zu seinem Hause und erfuhr, daß Lona tot war. Sie war mit meinem Namen auf ihren Lippen gestorben, — eine treue Dienerin von ihr vertraute mir's an — ihr Geheimnis, die Erklärung ihres unbegreiflichen Verhaltens in jener Nacht, hatte fie mit sich hinübergenommen. Aber seltsam! Während ich Ragvbah verschont und am Leben gelassen hatte, um durch ihn möglicherweise — sei es mit Gewalt, sei es durch


