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Wirket, so lange es Tag ist.
Roman von Maximilian Böticher._ (Nachdruck verboten.)
i (Fortsetzung.)
Ein kleiner Streik, der in der Frankensteinschen Weberei aüsgebvochen war, brachte das Gespräch der Tischgesellschaft auf die soziale Frage: und Herr von Bannemann schalt auf die arbeitenden Massen. Und lag das Gefühl der Gegnerschaft schon seit Wochen Mischen ihm und dem Forstmeister lauernd in der Luft, so hatte Bannemanns Erbitterung in den letzten Tagen poch dadurch neue Nahrung erl-alten, daß das Ministerium ihn auf Vollraths Gesuch hiu tatsächlich angewiesen hatte, die lihm unterstellten Forsten den Armen in denr allgemein üblichen Mast wieder zugänglich zu machen, da die in Frage stehende Hoheit ohnehin auf den seinerzeit beabsichtigten Jagdbesuch im Fichtenwälder Revier inzwischen Verzicht geleistet hätte.
Heinz dachte indessen nicht daran, sich mit einem vffen- kundigen Strcitsucher in eine müßige Auseinandersetzung ein- tzulassen: und als Bannemanu ihn schließlich mit herausfordernder Ironie fragte:
„Nun, Herr Pastor, Sie reden jä keinen Ton. Und die Sozialpolitik ist doch sonst das Feld Ihrer ganz besonderen Vorliebe", gab ep mit "ruhiger Gelassenheit zurück.
„Wenn Sie meine Älnsichten wirklich interessieren, Herr Forstmeister, so müssen Sie sich schon gelegentlich wieder zu Meinen Predigten bemühen —■ oder in meine Wohnung, lvv jch Ihnen auf Wunsch gern zu eingehender Aussprache zur Verfügung stehe. Auf keinen Fall scheint mir jedenfalls ein Diner die geeignete Stelle zur gründlichen Erledigung so tiefgehender Kontra Versen."
Isabellas feine, zierliche Finger zerpflückten mit nervöser Hast eine der dunkelrvten Rosen, die vor ihr auf dem Tisch in xiner blitzenden Kristallschale standen.
„Ich ... ich verstehe nicht", stieß sie unter allen Anzeichen großer Erregung hervor, „wie ein Mensch, der ein Herz in der Brust hat, nicht tiefes Mitleid empfinden muß mit der Not und dem Jammer der Armut. Gerade Sie, Herr Baron, der Sie doch nichts Ueberirdisches anerkennen, der Sie von keinem Gott und von keinem Fortleben nach dem Tode wissen wollen, gerade Sie müßten es doch nur richtig und in der Ordnung finden, daß jeder darnach strebt, sich für die kurze Zeit seines Erdendaseins, mit denr doch nach Ihrer Meinung alles aus ist, ein wenig Freude und Genuß zu schassen. Gerade Sie! Leute von Ihrer Art, für die es keine Religion und keine Duldung gibt, sind in ganz besonderem Maße mitschuldig an beit trostlosen Zuständen. Solche Leute wie Sie beschwören den Kampf bis aufs Messer mit Gewalt herauf."
Auf Bannemanns Stirn, die sich tief gerötet hatte, schob der Faltenwulst sich auf und nieder.
„Ta haben Sie die Früchte der geistlichen Bildung, deren Quell Sie Ihren Kindern erschlossen haben, Herr Kommerzienrat", rief er in stark mißglücktem ironischen Ton über die Tafel hinweg dem Gastgeber, zu.
Dieser, der sich auf die Beschwichtigung drohender Konflikte wie kein zweiter bestand, schüttelte mit trübem Lächeln sein kahles Haupt.
„Sie irren, Herr Forstmeister. Meine Kinder tragen Güte und Mitleid aus Naturanlage, als Erbteil ihrer Mutter in sich. Meine liebe, selige Frau konnte sich auch nie in Geben und Geben genug tun; — das Leiden eines Kindes vermochte sie bis zu Tränen zu rühren. Darum habe ich ihren Tod ja immer so tief empfunden." ■ ' ; • •
Und er erzählte mit einem' leisen Anstrich von Sentimental!^ tat die Geschichte, die alle schon kannten, weil er sie so vst an den Mann brachte, wie er irgend Gelegenheit dazu fand: Im Dortmunder Kohlenrevier, wo er vor fünfzehn und mehr Jahren Direktor eines großen Bergwerks gewesen war, hatte eine Horde nächtlicherweise die Fenster seines Hauses mit Steinen beworfen, just um die Zeit, als seine Frau an den Folgen der gerade erst überstandenen Geburt Werners krank darniedevgelegen. Die Leidende war durch die Aufregung und Angst, in die der brutale Angriff sie versetzt hatte, in ein heftiges Nervenficbep verfallen und wenige Tage später gestorben. .... ■ .
Mit einem schweren Seufzer schloß Friedheim seine Erzählung: und eine Weile herrschte Schweigen in der Runde; denn alle wußten, daß dieser Mann seine Frau unaussprechlich lieb gehabt hatte und ihren Tod nicht verwinden konnte. । <
Gleich nach Aufhebung der Tafel nwllte Heinz sich empfehlen,; um Herrn von Bannemann, dessen Miene immer noch Zorn und Rache brütete, keine neue Explosionsgelegenheit zu geben. Aber Isabella bat ihn mit so bestrickender Liebenswürdigkeit, er möchte doch noch ein Stündchen bleiben, und sah ihn dabei mit einem so innigen Blick au, daß ihm das Mut heiß zu Kopse schoß und er sich gefesselt fühlte.
Nachdem man in des Kommerzienrats, in mittelalterlichem' Stil ausgcstatteter Bibliothek den Kaffee genommen hatte, ging man in den Musiksalon hinüber, einen weiten, lichten Raunt, der in Tapeten, Möbeln und Dekorationen keine anderen Farben als Weiß und Gold aufwies und mit seiner taghellen, aus Milchglaskuppeln fließenden Beleuchtung in einem Feenschloß ehrenvoll hätte bestehen können.
Zuerst spielte Werner, von seiner Schwester am Flügel begleitet, auf seiner kostbaren Violine ein Bachsches Präludium mit einer Tiefe und Kraft der Empfindung, die bei einem Siebzehnjährigen Wunder nehmen mußte. Seine Hörer waren dann auch baß gerührt, und! (faxe eine der beiden zu Gast geladenen Damen, eine etwas korpulente, int übrigen noch sehr ansprechende Bankiersfrau, so um die vierzig herum, konnte es sich nicht versagen, den „jungen Meister" in die Arme zu schließen und einen „mütterlichen" Kuß auf seine „geniale" Stirn zu drücken —. welchen enthusiastischen Huldbeweis er mit sauersüßem Lächeln entgegennahm.
Heinz Vollrath, dessen klugen immer wieder von Isabella angezogen wurden, hatten den Eindruck, als würde sie durch den lebhaften Beifall, den das Spiel ihres Bruders fand, ein wenig nervös gemacht. Eine leichte Unmutswolke lagerte auf ihrer weißen Stirn, mit unruhiger Hast suchte sie ihre Gc-


