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„Tut ihr das?" —
„Ja. Wir treten mit verbundenen Augen an die Urne. Nicht unsere Schuld ist das Eure!" —
„Inwiefern unsere Schuld? — Sind wir nicht in derselben Lage?"
„Manchmal — in der Regel aber doch nicht- Wir pflegen erst ins Leben zu treten, wenn wir uns verheiraten — aber Ihr. . ."
Sie sah ihn prüfend und grübelnd an:
„Tu wirft sagen, daß ich von einem Extrem ins andere falle, wenn ich dir jetzt eine Episode aus dem Leben eines jungen Mädchens erzähle."
„Sagen wir gleich Anne Marie von Loysen."
„Nein — denn es würde nicht ganz stimmen, doch nimm es im-merhin so an. Wie cs jener ging, geht es Unzähligen. Sie war jung, harmlos und ganz weltunkundig, denn die Pension, in der sie erzogen wurde, glich einem Kloster. Sie kam, wie dies so üblich, mit achtzehn Jahren in die Welt, lernte einen Mann kennen, der für liebenswürdig und äußerst ans.pruchsvoll galt und ward von ihm ausgezeichnet. Daß sie steif und schüchtern war, schreckte ihn nicht ab, im Gegenteil, es spornte ihn an, sie zu gewinnen und er zeigte sich ihr von der einnehmendsten Seite. Sie fühlte sich geschmeichelt. Bon ihm ausgezeichnet 8ii werden, erschien ihr als etwas Großes, ein Sieg, ein Triumph, sie begann sich mit ihm zu beschästigen, die unschuldige Mädchenphantasie erwachte und schmückte den Verehrer mit allerhand romantischen Eigenschaften. Als er um sie warb, sagte sie „ja" und es konnte keinen aufmerlfameren verliebteren Bräutigam geben. Tann kam die Hochzeit."
„Auf die ich mich so gut besinne."
„Ich habe dir gesagt, daß ich nicht von mir rede."
„Aber es stimmt bisher alles."
„So? Tas wußte ich nicht."
„ES war ein reizendes, frohes Fest, deine Hochzeit."
„War es? Vielleicht. Ich kann mich darauf nicht mehr so 'recht besinnen."
„Tn sahst sehr glücklich aus."
„So? Freut mich Tars ich nun die Geschichte weiter er« tzÜhlen, die gar nicht von mir handelt?"
„Erlaube mül,' weshalb erzählst du sie mir eigentlich. Wenn sie gar nicht von dir handelt?"
„Bitte laß mich zu Ende reden. Also das glückliche Paar war auf der Hochzeitsreise. Wohin, das ist ja für Liebende gleichgültig. Aus dieser Reise nun entfaltete der junge Ehemann seine berühmte, berückende Liebenswürdigkeit zur schönsten Blüte. Er umgab die junge Frau mit zarten Aufmerksamkeiten, er betete sie an, seine Verliebtheit steigerte sich von Tag zu Tag «nd schlug zuletzt Wie der Rausch in Katzenjammer, so bei ihm in Selbstverachtung um. Er erklärte, daß er gar nicht wert sei, einen solchen Engel zu besitzen, beichtete ihr alle seine Sünden Und bat um ihre Absolution."
„Höre, das sinde ich eigentlich samvs korrekt gehandelt!"
„Fin—dest du?" fragte sie ironisch, „nun ja, das ist es ja Wvht nach Eurem Ehrenlddex."
„Ich verstehe dich gar nicht. Wie wurde es nun noch mit deiner Geschichte?"
„Was sollte denn werden?' Sie war ja nun schon seine Frau — und Wenn ihr über dem, was sie da zu hören bekam, ein Grausen aufstieg, so mußte sie das eben tragen. So, meine Geschichte ist aus."
„Und es war d o ch die deinige," sagte er dringend.
Sie zuckte die Achseln.
„Darauf kommt es hier gar nicht an'. Laß es die meinige fein — das war es mchj, Was ich dir banti; sagen Wollte."
„Sphinx!" — er küßte ihr die Hand mit brüderlicher Garnierte, „stehst du, Anne, du bist mir immer sympathisch, ob ich hich nun verstehe oder nicht."
„So gibt es doch einen Menschen, dem ich symphathisch bin! Sehr angenehm. Jetzt aber reden Wir nicht mehr. Tn bist heiß vnd müde, ich werde dir ein Brausepulver bringen und dann gehst du zu Bett."
V,
Anne Marie Weckte ihren Bruder damit, daß er schon ivieder an Heimweh nach Klippingeit litte: Es war wirklich so. Ja, wenn die Briefe des guten Schnadewitz nicht gewesen wären, der breit lakonischen Berichten den Freund auf dem Laufenden erhielt, hätte er das Regimentsleben noch mehr vermißt. Die Vergnügungen der Großstadt halfen dagegen nicht, obwohl er sie gern hin na hm. Anne Marie behandelte seinen Arm mit der Gcschick- fWeit einer ansgelernten Krankenpflegerin, ging mit ihm
spazieren und lud abends Gäste ein, von denen sie voraussetzen konnte, daß sie ihn unterhalten würden. Ihre Zeit war aber von früh bis spät so sehr von geselligen Pflichten in Anspruch genommen und ihr Tag begann so spür, daß er im ganzen wenig von ihr sah. Der Baron war nur ausnahmsweise zu Hause.
So kam es, daß Loysen, der Weber tanzen noch reiten, noch sich auf Diners ohne fremde Hilfe bedienen konnte, viel allein in seinem Zimmer war und seine Zeit mit militärischen Studien ausfüllte. Das Simmet lag im zweiten Stock, über ber breiten stillen Straße, auf deren Asphalt die Wagen schnurrend bin« rollten, deren Häuser ein zurückhaltendes Privatgepräge trugen. Doch die Querstraße mit ihren bunten, flimmernden Scho.ufeiistern mündete gegenüber ein und Loysen konnte von seinem Fenster aus gevade bis „Fuchs u. Gansel" sehen und bas frischte die fast verblichene Erinnerung an sein sonderbares Abenteuer auf. Er empfand nicht den mindesten Wunsch, jenes „arme Ting" wiederzusehen, aber et hätte gern gewußt, ob sie noch lebte ober irgendwo auf dem Grunde des stillen, dunklen Flußkanals lag. Eines Tages glaubte er, sie in dem Menschenstrom zu erkennen, bas schwarze Lnstrekleidchen, ber hastende Schritt kamen ihm bekannt vor. Ich habe sie also wirklich dem Leben znrückgegeben« dachte er. Ter Gebaute war befriedigend.
(Fortickung folgt.)
Iie ßh- der Arau Wö fling.
Frau Wilhelmine Wölfling, die geschiedene Gattin des ehemaligen Erzherzogs Leopold Wölfling, hat sich jetzt über ihre Ehe und die Gründe, die zur Scheidung führten, geäußert. Einem Mitarbeiter des „N. W. £."• erzählte sie:
„Ich und Leopold Wölfling, der frühere Erzherzog Leopold Ferdinand, wurden am 25. Juli 1903 in Berviers in der Schweiz getraut. Mein Mann hatte in Zug eine Billa gekauft, und dort lebten wir sorglos. Mein Mann studierte sehr fleißig, aber auch ich. Er besuchte eifrig die Polytechnik in Zürich und fehlte nie auch nur eine Stunde bei den Vorlesungen. Tag für Tag fuhr er in das Institut, kehrte nach den Vorlesungen regelmäßig wieder heim und setzte hier seine Studien fort. Ich erwähnte, daß auch ich lernte. Nun, es war auch, offen gesagt, nötig. Ich habe bloß eine tschechische Volksschule durchgemacht. Was wußte ich von deutscher Orthographie und sonstigen Dingen! So bekam ich eine Lehrerin. Es war eine sehr erfahrene und gediegene Schulmeisterm; sie trägt übrigens! einen weltbekannten Namen. Sie hieß Lavater und ent«: stammte auch tatsächlich der Familie jenes Lavater, der durch Werke über Physiognomik und über verschiedene literarische Fragen, wovon sie mir viel erzählte, berühmt geworden ist. Fräulein Lavater unterrichtete mich in deutscher Sprache, Orthographie, Geographie, Mathematik, Geschichte und Französisch. Im Mai 1904 besuchten ich und mein Mann die Kolonie in Ascona. Ich brauche von dem Leben der Leute dort wohl nicht erst zu erzählen. Wir wurden Vegetarier und Naturmenschen. Monatelang ging es in diesem neuen Gleise. Nichts deutete darauf, daß mein Mann nicht mehr an mir hänge wie einst — und doch war er mir — zu spät sah ich es — in der Zwischenzeit entfremdet worden. Kurz vor Weih-, nachten 1905 sollte ich es erfahren, sollte ich mit einem Schlage aus allen Himmeln gestürzt werden. Um jene Zeit trat Wölfling eines Tages zu mir ins Zimmer und! sagte, er habe von seiner Schwester Luise, damals noch Gräfin Montiguoso, aus Florenz einen Brief erhalten, worin sie ihn dringend um seinen Beistand bat. Man wolle ihr die kleine Monika abnehmen, er müsse sie schützen, flehte die Gräfin. „Ich bin im größten Unglück, in größter Gefahr," fügte sie dem noch in ergänzenden Depeschen hinzu. Bevor er zu ihr komme, hatte sie in den Briefen geschrieben, müsse er sich unbedingt die Mähne und den wallenden Bart scheren lassen, denn er sehe so wie ein Wilder aus. Er fei in dieser Tracht recht abscheulich geworden, meinte sie, und auch feine Mutter, die Großherzogin, hatte es ihm in ähnlichen Worten schon gesagt. Wölfling hielt aber bisher stand, indem er umherging, wie die Leute zu Askona. In aller Eile rief er mir zu.


