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Dem jungen Primgeiger ward er nun von Herzen gut.
Da er nun schon tagelang auf dem Krankenbette lag, so wünschte er ihn zu sich an sein Bett.
Wenn er nur einmal kommen würde. Er wollte ihm so gerne noch einmal die Hand drücken — und ihn noch einmal spielen hören.
Aber er sagte nichts.
Im Dorfe hatte sich die Nachricht bald verbreitet, daß der alte Beitjakob krank liege.
Der erste, der ihn besuchte, war der alte Andreas Krafft, der pensionierte Lehrer, denr der Sturm des Lebens die Brust nicht hatte schwächen können. Er stand nun an den achtzig. , , .
Sie sprachen über dies und das zusammen, auch über die anderen Zeiten.
„Ich will dir was sagen, Veit," sagte Krafft und strich über seinen schlohweißen Bart, „wir Alten dürfen zur Ruhe gehen. Die Welt braucht uns nicht mehr. Die Welt braucht die Jugend. Und daß die recht keck und kräftig und mutig sei, das wollen wir ihr wünschen, der Jugend und der Welt. Das ist so das Leben, und das ist so recht eigentlich seine Gesundheit."
Jakob Veit reichte ihm die Hand, drückte die seine und preßte die Lippen fest, fast herb zusammen. Doch gleich darnach sagte er: „Krafft, ich fühl's auch so wie dn — ich fühl's auch so."
Auch die Kollegen von der Kapelle kamen — und eines Tages kam auch der „Rickes".
Er kam ein bißchen verlegen und schüchtern. Aber über Veits Züge glitt ein Lächeln und hielt sich fest darin. Er streckte dem Jüngeren die Hand entgegen: „Ich dank dir so, daß du gekommen bist, Rickes — sagen kann ich dir das nicht, wie ich dir danke."
’ Und die beiden saßen lange beisanrmen.
Als der „Rickes" fortging, versprach er bem Beit, bald wiederzukommen. Und am anderen Abend sah er schon wieder am Krankenbett.
Er erzählte dem Alten. Von der neuen Musik. Von eüi paar neuen Tänzen, die er üt Mainz gehört habe und die er nun für die Kapelle bestellen wolle. Es sei schade, daß Veit nicht mehr mitfpielen könne. Aber wenn er wieder gesund sei —- dann. . .
„Ja — dann . . ."
So saß der Jüngere nun jeden Abend am Bett des Alten — zwei Herzensfreunde.
Jakob Veit war mit jedeni Tage schwächer geworden.
Er würde einmal ganz sanft hinüberschlummern, hatte der Arzt der Familie gesagt. Das Alter — er würde voraussichtlich einen sanften Tod haben.
So war wieder eine Woche herumgegangen, und es war Sonntag geworden. Richard Bormann war schon anr Nachmittag gekommen.
Und heute sprach ihm Beit seine Bitte aus.
„Rickes — du könntest mir mal eins spielen — ich wollt dir's die ganze Zeit schon sagen. Dort hinten in der Eck steht meine Geige."
Und der „Rickes" zauderte nicht. Er spielte mit Feuer. Beseelt von der hohen Achtung für den Alten und in der Freude, daß er sein Spiel hören wollte. Das Beste, was ihm einfiel, spielte er, das Neueste und Schwerste, ganz unermüdlich.
Und Veit lauschte. Entzückt! — Ja, jetzt klang alles viel milder, gedämpfter. Vielleicht, weil's seine alte Geige war, die die neuen Melodien sang.
Sein Herz war aller Wonnen voll.
Er träumte den Traum seiner Jugend.
Der da aber lebte ihn.
Und der fühlte seine Zukunft voraus.
Und er durfte ihm zulächeln und zuwinken
Jakob Veit lag in den Kissen und schlief.
Jakob Vormann setzte den Bogen ab und sah Mitt Alten.
Wie war sein Herz so froh!
Und er schlich sich fort.
Dann und wann sahen die Verwandten nach. Jakob Veit schlief sanft.
Einmal wachte er auf:
„Rickes, ich dank dir! Ich dank dir! Es war sehr schön — es war so schön wie mein Liesewalzer! So — Wöu..."
Dann schlief er ivieder ein.
Und er wachte nicht wieder auf.
Als es dunkel wurde, ging seine Seele ins Licht.
Soin Körper empfand keinen Schmerz.
Aus seinenr Antlitz lag ein Lächeln.
Er hatte die Augenbrauen hochgezogen — und die Ohren standen gespannt, als ob er lauschte.
Die Rechte hing zum Bette heraus, als ob sie nach etwas ausgestreckt sei.
Die LsMtz-Letzlmger Heide und das W.Iagöschlotz LetzUngm-
Tie Letzlinger Heide, die berühmten wildreichen Jagdgründe der Könige von Preußen unifafsen ein geschlossenes Waldgelände von etwa 120 000 Morgen, deren Baumbestand zu % aus Nadelholz, zu i/a aus Lanbholz besteht. Tie fünf Oberförstcreien Colbitz, Pganken, Letzlingen, Burgstatt und Jaevenitz, denen 30 Förstereien unterstellt sind, verwalten den Wald, der der zweitgrößte zu- sammenhangenoe Forst in Deutschland ist und im nördlichen Teile der Provinz Sachsen in der Altniark liegt. Innerhalb der Heide und von ihr ringsum eingeschlossen liegen die Dörfer Salchau, Planken und Tolle, während die Ortschaften Colbitz, Pnrförde, Lindhorst, Neuenhofe, Born, Letzlingen, Jävenitz, Hottendorf, Bor- gätz, Schernebeck und Burgstatt mit ihren teilweise großen Feldmarken den Wald umgrenzen. Vor dem 30jährigen Stiege war das Gelände nicht so zusammenhängend bewaldet wie heute. Zahlreiche Orte lagen dort, unter anderen das bedeutende Osterstadt und das größere Torf Siebau, die zerstört wurden, von deren Vorhandensein aber noch Manerreste und die malerisch gelegene Ruine einer Kapelle, sowie ein Bestand von 1000jährigen Eichen, die ehemals wohl den Gemeindewald gebildet haben, Zeugnis ablegen. Innerhalb der Heide, auf einer Flüche von 900 Morgen ist ein prächtiger alter Lindenbestand, „die Hohenlinden", ein Vorkommen, das in dieser Ausdehnung in Deutschland einzig dasteht. An Wild leben in dem Forst 6000 Stück Damwild, 300 Stück Rotwild und 800—1000 Stück Rotschweine. Niederjagd ist so gut wie nicht vorhanden, dagegen ist die Zahl der Raubvögel, die sich im Forst aufhalten, sehr groß, darunter der Fischreiher, der in hohen Eichen nistet und von der 4—5 Meilen entfernten Elbe feine Nahrung holt.
Unter der sehr großen Zahl der Singvögel, die dort in der Heide ihr Lied erschallen lassen, befindet sich auch in starker Anzahl die Königin der Sänger, die Nachtigall.
Am westlichen Staube des gewaltigen Waldes liegt das freundliche etwa 1200 Einwohner zählende Dorf Letzlingen von breiten sauber eingewalzten Straßen durchweg 'n. Es macht, wie al c Dörfer ,encs Landstriches, mit seinen schmucken Häusern den Eindruck der Wohlhabenheit seiner Bewohner. Eine städtisch angelegte Straße, an der die Wohnhäuser der Beainten stehen, führt direkt zu dem außerhalb des Dorfes gelegenen königlichen Jagdschloß, das von einem breiten mit Wasser gefüllten Wehrgraben umgeben ist. Schloß Letzlingen ist seit Friedrich Wilhelm III. ans Anlaß der dortigen Hofjagden alljährlich von den Hohenzollern besucht worden, und oft haben fremde Herrscher, berühmte Staatsmänner dort geweilt. Ganz besonders gern kam Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Friedrich in die Heide. Kaiser Wilhelm II. hat vor einem Jahrzehnt die Bauten gründlich erneuern lassen, ohne aber dabei an dem Charakter der inneren Räume des Baues zu rühren.
Tie Einrichtung des Schlosses ist einfach aber zweckentsprechend nur für den kurzen Aufenthalt einer Hofhaltung berechnet. Sämtliche Räume des Schlosses werden noch mit Kerzen beleuchtet mit Ausnahme des Spersesaals und des großen Empfangssaales, ist denen sich alte bronzene Kronleuchter mit Lampen befinden, die noch mit Rüböl gespeist werden. Sämtliche Wände der Jnnen- räume sind reich mit Jagdtrophäen behangen. Die Gcweihc- sMNmluug ist eine Sehenswürdigkeit und wird an Zahl nur von der des sächsischen Königshauses übertroffen. Sehenswert sind auch die Gemälde, Jagdepisoden, an denen die preußischen Könige beteiligt waren und die nach der Statur gemalt sind. Großartig wirkt der Empfangssalon des Schlosses, der einzige Pruukraum, in dem 4 gewaltige ausgestopfte Wildsauen ausgestellt sind. Im Schlosse sind während der Hofjagd 30 der allerhöchsten Jagdgäste, mit ihrem Gefolge etwa 150 Personen, unterg bracht, während die zahlreichen anderen eingeladenen Jäger im Dorfe Wohnung nehmen. Ter Kaiser war seit 5 Jahren nicht im Revier und wird auch in diesem Jahre nicht an der Hofjagd teilnehmeu, die statt seiner der Kronprinz abhält. Tie Gründe, die den hohen Jagdherrn, der doch als Freund des Weidwerks bekannt ist, vow dem wildreichen Letzlingen abhalten, sind nicht bekannt. Man vermutet, vielleicht nicht mit Unrecht, daß Wilhelm II. den Anblick nicht ertragen kann, den die Heide macht, seitdem man vor -6—7 Jahren daran gehen mußte, große Bestände von Nadelholz, zirka iy2 Million Festmeter, zu fällen in denen der Kiefernspanner feine Verheerungen angerichtet hatte. Der preußische Staat hat zwar für den abgeholzten Wald 14 Millionen Mark eingenommen, aber dem Naturfreund, der die gewaltigen öden Lichtungen steht, die die Axt geschlagen und der die Heide in ihrer ganzen Schönheit vorher kannte, ihm muß das Herz bluten über das Werk der Zerstörung. Aber es ist nicht zu ändern gewesen, man mußte


