1908

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Der alte Musikant.

Von Wilhelm Holzamer.

(Nachdruck verboten.)

Schluß.

Der gute Beitjakob konnte aber zu Hause keine Ruhe finden. Als er ein paar Stunden schlaflos im Bett gelegen hatte, stand er auf. Es zog ihn zu seiner Geige, zur Musik. Sollte sie ihm wirklich nichts mehr zu sagen haben, ihm nicht mehr gut sein können? Ihm untreu geworden sein, sich gewandelt haben?

Freilich immer lagen ihm diese Klänge des jungen Geigers im Ohr. Sie waren ja ganz anders. Und er spielte ganz anders. Ganz korrekt. Sauber und klar und breit die Melodie ohne Triller und Läufe und Doppel­schläge fast grob schien's ihm.

Und doch hatten sie so seltsam anders gewirkt.

Nein, aber er mochte sie nicht. Er wehrte sich gegen sie, er war ihnen feindlich. Er wollte so etwas fürs Gemüt haben, so leicht und süß.

Uno halb mit Zagen griff er zu seiner Geige.

Es war noch dunkel aber er zündete kein Licht an.

Aus dem Gedächtnis spielte er einen Schottischteil, einen Walzerteil, einen Mazurkateil und er kam an die Kirchenlieder, die lieben alten, und es war ihm, als werde sein Herz schon leichter, und er kam an die süßen Lieder seiner Jagend, die so herzig waren und so schlicht und immer sroher ward er und immer froher. Und dann spielte er fromm und feierlich: Wie schön leuchtet der Morgenstern! und sein Herz sprang ihm in der Brust und er spielte seinen geliebtenLiesewalzer" und er sang und pfiff dazu und er war so glücklich loie an seinem Hochzeits­tage, allen Leides und aller Härte frei. Und als das Morgenrot mit Himmel strahlte, da bettete er sanft und zärtlich seine geliebte Geige im Kasten und legte sich selbst zur Ruhe. Jetzt fand er sie leicht und er schlief bis tn den hellen Tag hinein, tief und erquickend.

Die Abneigung gegen denRickes" hatte sich freilich der Jakob Veit nicht ganz weggeschlafen. Er zeigte es ihm alleroings nicht weiter. Nur dies eine er trat tu fein näheres Verhältnis zu ihm. Er sprach mit ihm mir das Notwendigste. In die zweite Geige verwies er ihn natür­lich nicht mehr, und so spielten sie in der kleinen Dorfkapelle auch in den Proben zusammen die erste Stimme.

Der Jüngere brachte immer mehr und mehr die neueren und neuesten Sachen, die dem Beit doch gar nicht behagen konnten. Er machte aber noch mit, so weit's halt ging wenn er auch gerade nicht mehr mitlernte, und er ließ beit Kollegen gewähren, der immer größeren Einfluß in der Kapelle gewann.

Beit aber zog sich bald mehr und mehr zurück in feine stille Stube, zu seinen alten Stücken, die er immer mehr und mehr liebte.

Auch bei den Kirchweihtänzen war er nicht mehr so dabei. Er fühlte sich entbehrlich.

Und nun behielten die Leute recht. Der Beitjakob war nicht mehr so frisch und gesund. Was da an seiner Seele nagte, das machte seinen Körper matt. Und die Jahre dazu!

Jakob Beit hatte sich nun bald ein halbes Jahr von den Proben ferngehalten und hatte Wohl beinahe seit einem Jahre auf keiner Kirchweih mehr gespielt. Er lag häufig zu Bett, oft den ganzen Morgen lang und nur am Nach­mittag konnte er ein paar Stunden auf sein und wohl auch noch einen kleinen Spaziergang machen.

Man wird halt alt", meinte er, wenn er gefragt wurde, wie's ihm gehe.

Widder Musik mache!" riet ihm dann auch mal einer, a Widder 's Geigelche unner de Arm un de Fiodelboge ge- nomme, so werd schun alles Widder wem."

Ja, ja!" lächelte er dann.

So pflegte er sich und lebte seine Tage.

Und alllnählich kamen ihm Enttäuschung und Aerger ganz anders, viel milder vor.

Er hatte das Spiel des Jüngeren wohl noch im Ohre, nicht so forsch und keck, wie's ihm damals geklungen hatte, gesänftigt, eine Erinnerung.

Und seltsam dann und wann fiel ihm eine Stelle aus einem der neuen Stücke ein und er behielt sie sich gerne und gewann sie sogar lieb. Und hatte sie bald noch lieber. Und er freute sich, wenn ihm wieder etwas neues wach wurde.

Wenn er dann sann und dachte, und die Jahre all zu­rückging, die hinter ihm lagen da war ihm doch, als habe er seinen Platz rechtschaffen ausgefüllt und sich und ande­ren brav genug getan und es sei ganz in Ordnung und gerecht, daß ein anderer auf feinen Platz trete, ein Jüngerer, mit frischem Wagen und neuem Können und anderen Tönen, die für die jungen Herzen waren. Und es war ihm auch» als dürfe er nut seinem alten Herzen recht warm an dem Alten hängen und es recht lieben. Aber darüber schalt er sich, daß er das Junge verachtet und von sich gestoßen hatte.

Er verachtete das Junge und Neue nicht mehr.

Ja -- oft war's ihm wie eine Sehnsucht, es auch noch einmal zu können, auch noch einmal zu leben und so recht zu lieben und feurig zu spielen, so frisch aus der Geige heraus, daß er alle Herzen mitreißen müßte und je schwächer er wurde, desto stärker wurde diese Sehnsucht.

Aber er klagte nicht.

Es mußte in diesen neuen Melodien liegen, die in feiner Erinnerung so sanft und traumhaft klangen, daß sie ihn trösteten und stärkten, wenn sie auch seine Sehnsucht weckten. Und er versöhnte sich mit seinem Schicksal und sah in diesem Neuen, das ihn so hart verwundet hatte, die Erfüllung alles dessen, was er selbst erstrebt und die Krönung seiner Arbeit, weil es ihm das schien, was der Zukunft gehören würde.