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Wenn wir uns Goethes Mutter vergegenwärtigen, wie sie noch heute unter uns lebt, so erscheint sie uns nicht als die jugendliche Frau des ehrsamen, so viel älteren Rats Goethe, der ihr mehr Lehrer denn Freund war, und den sie meistens „Papa" nannte, nicht als die Mutter des großen Wolfgang, dem sie eher schwesterliche Vertraute! denn Erzieherin war, sondern sie steht vor uns in ihren Alterstagen als eine stattliche imponierende Matrone, mehr Lustigkeit und Güte als Anmut in dem vollen Gesicht, mit dem leichten Doppelkinn, den rundlichen Wangen, der etwas langen Nase. Die großen ausdrucksvollen braunen Augen erinnerten anr ehesten an den Sohn, mit dem sie voller Stolz auch im Aeußeren sich ähnlich fühlte. Schön angetan, hinter der imponierenden Haube ehrwürdig hervorblickend, die hohe Frisur schon in der Frühe prächtig aufgebaut, so sitzt sie in ihrer gelben oder blauen Stube auf dem breiten Kanapee vor dein runden Tisch, eine Handarbeit in den nie müßigen Händen. Sie hatte eine naiv kindliche Freude am Putz; geru trug sie an den Fingern Ringe und an einer schönen Dose, einer bemalten Tabatitzre, einem feinen Geldbeutel oder Täschcheu konnte fie sich nicht sattsehen. Ein echtes Künstlergemüt spricht aus all ihren Worten und Taten und der hinreißende Zauber ihrer Erzählung, dem die Großen und die Kleinen gleich widerstandslos sich hingeben mußten, strahlt noch aus der lebendigen Anschaulichkeit, dem ungestümen Tempo, der sich überstürzenden Lebhaftigkeit ihrer Briefe. Die Gedanken und Ideen jagen sich bei ihr so untereinander „wie die Knaben, wenn sie Jägers spielen"; Ausrufnngs- und Fragezeichen, Gedankenstriche und Klammern markieren die Ungeduld und die über- guellende Mitteilungssähigkeit in diesem unermüdlich tätigen Geiste; die Buchstaben purzeln „in der Eil" wohl durcheinander; in Ausrufen ioie „O Jemine", „potz fickerment", „potz Fischen" macht sie sich Luft; doch jedes Wort steht am rechten Platz, jede Schilderung wie die des Frankfurter- Brandes oder der Kriegswirren, ist durch die prächtigsten Bilder und Vergleiche belebt; bisweilen schreibt sie sogar einen richtigen Dialog auf oder läßt sich in knappen, schlagenden, übermütig derben Knittelversen gehen, die der Hans Sachs'schen Manier des jungen Goethe nichts nachgeben. Mit Fremdwörtern stand sie auf dem Kriegsfuß, wie überhaupt ihre Bildung in der Jugend vernachlässigt war; „das läge am Schulmeister", gesteht sie in rührender Osfenheit ihrem Enkel August, von dem sie noch recht viel lernen will. Aber diese ihre Lernbegier hat all ihre Lücken reichlich ausgefüllt, und nachdem sie bei ihrem Manne in den ersten Ehejahren eine ziemlich strenge Lehrzeit durchgemacht hatte, hat sie bis zum letzten Atemzuge nicht aufgehört, sich immer neue Lektionen vom Leben, von Menschen und Büchern erteilen zu lassen.
Erst als Goethe der anerkannte große Dichter wurde, entfaltete sich auch der Charakter der Frau Rat in seinen: ganzen Reichtum; nun wurde sie „Frau Aja", die wie die sorgliche Mutter der vier Haymondskinder im alten Volksbuch Gönner, Freunde und Getreue des Sohnes mit freundlicher Güte und verstehender Herzlichkeit aufnahm. Selbst Genossen Goethes, von denen dieser sich längst entfremdet und abgewandt hatte, wie Lenz und Lavater, blieb sie auch weiter die gute Freundin und trat hilfreich für sie ein. Wie fein und überlegen weiß sie die mannigfachen Besucher ihres zahl von Auflagen erschienene Auswahl sollte kein Literatursremid unbeachtet lassen. Für Gießen von besonderem Interesse ist ein Bries der weltklugen und vielbewanderten Fran Rat an Maximilian Klinger, Goethes Frankfurter Iugendsreund, der um 1776 hier in Gießen studierte. Von Ende Atai jenes Jahres stammt der Brief, in den, eine Stelle also lautet: .
„Mein lieber Freund, leben Sie wohl, so wohl stchs in Gießen leben läßt. Ich meine iinmer, das wäre vor stur) Ellch doch eine Kleinigkeit alle, auch die s ch l e ch t e e n Sj r t e zu idealisieren; könnt ihr aus irichts elivas machen, so mußt es doch mit dein Scybeyuns zugehen, wenn aiis Gießeii nicht eine Feenstadt zu machen wäre."
Mancher eingeborener Gießener >vird wohl nut etlaubten Stolz sagen: „Ist sie längst!" Wir wollen hoffen, daß sie es sem ivird, wenn wir 1976 schreiben! Jxe0,
Hauses zu behandeln! Wie ehrerbietig und doch zutraulich verkehrt sie mit dem Herzog, wie redet in ihrer Korrespondenz mit der Herzogin Anna Amalie so jovial die Frau zur Frau, die Mutter zur Mutter. Mit der boshaften kleinen Goechhausen, dem „Hoffräulein Thusnelde", führt sie eine schalkhafte Plänkelei in Anspielungen und Malicen. In ihrem besonderen Element führt sich diese ewig junggebliebene Natnr, wenn sie an ihre Enkelin schreibt; seit Luther sind in unserer deutschen Literatur nicht mehr so lustige Plauderbriefe an Kinder bekannt geworden, wie sch die Großmutter Goethe >a n den kleinen „Augst" und die Schlosserschen Mädels zu schreiben wußte. Den Sohn hat sie in seiner ganzen Größe früh verstanden; selbst das Dämonische seiner Natur fand in ihrem Herzen einen geheimen Wiederhall und die Notwendigkeit der italienischen Reise für seine Entwicklung ist von ihr zuerst erkaunt worden. So fand sie denn auch instinktiv die richtige Stellung zuj der „Freundin", dem „Liebgen" des Sohnes, zu Christiane. Sie ist ihr sogleich liebevoll, wenn auch zurückhaltend, und bald herzlich teilnehmend entgegengekommen; als die beiden sich aber persönlich kennen gelernt hatten, fühlten sie sich bald eins nicht nur in der Liebe zum „Hätschelhans", sondern auch in einer gleichgestimmten Auffassung des Lebens, int praktischen Sinn, in der sinnlichen Frage am Dasein und der Ehrlichkeit einer gesunden Naturnähe. Zwar hat sich die Frau Rat als Frankfurter Patrizierin darüber geärgert, daß sie die Geburt ihres Enkels nicht ins Anzeigeblättchen setzen lassen konnte, aber sie hat sich damit getröstet, „daß mein Häschclhans vergnügt und glücklicher als in einer fatalen Ehe ist."
Biel Schweres hat Goethes Mutter in ihrem Leben durchgemacht; einem ungeliebten Manne war sie siebzehnjährig in die Ehe gefolgt und hat ihn dann lange Jahre forgsam bis zum Tode gepflegt; Cornelia ward ihr kurz nach deren Verheiratung jäh entrissen. Doch sie wußte sich immer zu trösten, indem sie sich nach der Natur richtete! und nach ihrem Wesen. Als Goethes zweiter Sohn, kaum geboren, wieder starb, schreibt sie: „Freylich bleiben nicht alle Blüthen um Früchte zu iverden — es tut weh — aber . wenn die Saat gereift ist und kommt dann ein Hagelwetter und schlägt zu Boden was iit die Scheuern eingeführt werden sötte, das thut noch viel weher — Wenn aber nur der Baum' stehen bleibt; so ist die Hoffnung nicht verlohren. Gott! Erhalte dich — und den lieben Augst — und deine Gefährtin — diß ist mein innigster und herzlichster Wunsch." So ward ihr aus dem Schicksal selbst, das ihr die Wunden schlug, ein Trost, der tief in ihrem Wesen lag. „Freut euch des Lebens" das klang hell und fröhlich als das Leitmotiv ihres ganzen Seins; ein unverwüstlicher Frohsinn geht von ihr aus und ihr Blut pocht immer im lustig schnellen Takt. Und weil sie vergnügt und froh war, so wollte sie auch alle anderen Menschen heiter sehen; sie hatte die besondere Gnade von Gott, daß keine Menschenseele mrtz- vergnügt von ihr wegging. „Ich habe die Menschen sehr lieb - und das fühlt alt und jung, gehe ohne pretentron durch diese Welt und das behagt allen Evens Söhnen und Töchtern — demoralisiere niemand — suche immer die gute Seite auszuspähen, überlasse die schlimme dem der den Menschen schüfe und der es am besten versteht, die scharfsen Ecken abzuschleifen, und beh dieser Medote befinde ich mich wohl, glücklich und vergnügt." Ein „Hauptspaß", em „Groß Gaudium" muh sie immer haben; mags ihr nun „eine Wollust, Freude und Wonne" sein, ein neues Werk des Sohnes zu lesen, oder mag sie ihre acht „Samstagsmädeln" beisammen haben, um mit ihnen in einem heiteren Gelächter die Woche zu begraben. Da gibts keine Etikette und kein Zeremoniell. Als einmal die beiden Prinzessinnen von Mecklenburg-Strelitz, die spätere Königin Luise und ihre Schwester Friderike, bei ihr zu Gaste sind und am Brunnen ein bißchen plantschern wollen, sperrt sie bte sich dagegen wehrende Hofdame einfach in ihrem Zimmer em; nach Tisch spielt die eine Prinzessin Klavier, mit der anderst walzt sie im Zimmer herum. Gesprungen und gehopst muh


