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„Bitten Sie mir Herrn Dr. Stötznor und Herrn Fntzsch hierher!"
Und zu Herold gewandt sagte er: „Das sind die Direktoren Ui einer Fabrik."
Die Herren kamen. Herald führte wiederum sein Modell vor und erklärte alles genau.
Der technische ebenso wie der kaufmännische Leiter der Fabrik waren eines Lobes über die ebenso sinnreiche als einfache Einrichtung und billigten ganz und gar die Bedingungen, die der Kommerzienrat dem jungen Erfinder für Ucbcrlassung der Erfindung gestellt hatte.---:
Wie int Traume verlies; Herald die Villa, wie int Traume trat er in das bescheidene Gasthaus und als ihn tvirkliche Träume umsingen, da stieg langsam und glänzend der helle Mond empor, und in der Sichel erwuchs benii Träumer ein prächtiges Schloß. Daraus trat er, und au seiner Seite schritt ein holdes Mädchen mit schwarzem Haar und tiefdnuklen Mandelaugen, — seine Mondprinzessin.
11. Kapitel.
3it der Pension der Madame Hennig in Meißen saßen Beate von Horbach und Doris Ufert über eine Photographie gebeugt.
Einen schmucken Reiteroffizier zeigte das Bild.
Da trat Erika Guttermann hinzu. „Wer ist das?"
„Mein Bruder!" sagte Beate stolz.
„Ah — Ernst von Horbach ?"
Die Schwester nickte. t'
„Was ist das für ein Orden hier <■' •
„Das eiserne Kreuz zweiter Klasse."
Dann blickten die drei Mädchen in stummem Staunen weiter in das kecke Reiterantlitz.
Lebenslust sprühten die Augen.
„Ist er mit im Krieg gewesen?" fragte Doris.
„Du Dummchen, hätte er sonst das eiserne Kreuz?"
Auf einmal sprang Beate auf und jubelte: „Und nächste Woche komMt er-----und nächste Woche kommt er!"
„Hierher?" riefen Doris und Erika wie aus einem Munde.
„Natürlich, wenn auch bloß auf eine Stunde. — Er fährt nach Dresden."
Und der Tag kant, an welchem die Pension Hennig durch den Besuch des Leutnants von Horbach ausgezeichnet ward.
Sporenklirreud kam er die Treppe herauf. Seine Schwester empfing ihn zunächst allein im Salon, daun trat Madame Hennig ein und hinter ihr Doris und Erika.
Der Leutnant begrüßte Madame Hennig und Doris mit gnä- dcher Herablassung und eben wollte er auch Erika eine kleine Verbeugung widmen. Ihre eigenartige, reine Schönheit frappierte ihn aber derart, daß er unwillkürlich einen Schritt näher trat. Er Machte durchaus kein Hehl aus seiner Verwunderung.
„Gnädiges Fräulein sehen mich erstaunt. — Ich habe ja während meines kurzen Erdenwandels und nicht zuletzt in Frankreich manch schönes Frauenantlitz gesehen und bewundert, — nber Ihr Kopf zeigt klassische Formen, — die mich frappieren!"
Erika errötete und spielte verlegen mit ihrer Uhrkette, während Madame Hennig hüstelte und am Photographiealbum rückte.
Doch Ernst von Horbach störte das wenig. — Er tat ganz, als sei er hier Herr im Hause und die andern seine Gäste. Er forderte die Damen zum Sitzen auf und plauderte tiont Krieg und Frieden, von Napoleon und Kaiser Wilhelm!, von seinen Quartieren und lustigen Reiterstückchen.
Die Stunde verrann, die zweite auch und schließlich sagte der ^eutnant: „Wenn Sie gestatten, meine Gnädigsten, lade ich mich zu Mittag eilt — und heute nachmittag bitte ich Sie zu einer Partie — meinetwegen nach Siebeneichen — oder sonst, wohin Sie befehlen."
Man konnte ihm nicht böse sein, wenn er auch oft scharf auf der Grenze zwischen Erlaubtem und Verpöntem balaneierte, wenn auch Madame Hennig oft hüsteln und die Mädchen die Augen Niederschlagen müßten.
GMt, so einem jungen Reitevosfizier, was soll man dem ubelnehinen und dazu noch einem, der soeben aus dem Kiiieg zurückgestnstmen?!
, Guttermann befand sich am Nachmittage immer an ferner Sette oder er an ihrer. Sie wußte es selbst nicht. Ihr sonst so kecker Mut hatte sich verflüchtet, sie sah ihn imMer von der Seite an. Das sieghafte Lächeln, das seinen Mund umspielte, grub sich ut rhr Herz.
Nur auf deM Heimwege ging Ernst von Horbach kurze Zeit MM ieiner Schwester, und sie sprachen leise und gedampft.
„Wie alt ist Fräulein Guttermann?"
„Sechzehn. — glaub ich,"
„Verdammt grün! — Zehn Jahre Unterschied ist 'n bißchen viel."
„Hast du Absichten?"
Er zuckte mit den Achseln und sagte: „Hat sie Geld?"
„Ihr Vater ist Millionär."
Er pfiff durch die Zähne. „Und zehn Kinder, was?"
„Drei, wenn ich recht unterrichtet bin."
„Da gilt der Taler zehn Groschen. — Nicht schlecht. — Na, vielleicht macht sich's!"
Sie blieben stehen und ließen die Damen herankommen.
„Wirklich ein herrlich Stück Erde! Hier überall das sprossende Grün, drüben die Rebenberge und sehen Sie, — dort in der Ferne, wie die Sonne sich glutig senkt, und da — in tausend goldenen Strahlen nimmt sie Abschied und die runden Scheiben der Albrechtsburg grüßen zurück zum scheidenden Sonnenball. Das zittert aus allen Fenstern, das ist kein Rot mehr, das ist flüssiges Gold!"—
Weich, fast zitternd glitten diese Worte aus Horbachs Mund. Alle schauten nach bent herrlichen Mendbild. — In Erikas Herz war etwas wach geworden. Sie sah nicht Sonnenball und Rebev- laudjchaft; wehes, süßes Fühlen durchschauerte sie,
(Fortsetzung folgt.)
§rau Bat.
(Zu ihrem 100. Todestage 13. September 1908.)
Im Schatten der großen Sonnen, die aus dem Leben der Genies strahlen, ist ihren Muttern ein bescheidenes Plätzchen der Unsterblichkeit bereitet. Wir kennen sie ja meist nur aus den Schilderungen ihrer Söhne, ahnen die eigne Wärme und Kraft ihrer Persönlichkeit nur aus der unendlich gesteigerten Begabung der Kinder. So stehen die Mütter Luthers, Schillers, Bismarcks vor uns. Allein „Frau Rat" erglänzt int eigenen Lichte, so einzigartig thront sie unter den Müttern, wie Goethe unter den Menschen. Die Berichte, die uns über sie erhalten sind, bieten keinen ganz reinen Spiegel ihres Charakters. Wohl hat der Sohn Züge ihrer Wesensart nicht nur int „Götz" und in „Hermann und Dorothea", sondern auch in Gelegenheitswerken wie „Erwin und Elmire" wundervoll festgehalten, aber das Ehrendenkmal, das ihr in „Dichtung und Wahrheit" von seiner Hand errichtet werden sollte, ist über die ersten Anfänge nicht hinausgekommen. „Aristeia der Mutter" hat er diesen Abschnitt überschrieben. Wie in der Ilias Homer den besonderen Ruhmestaten berühmter Helden einzelne Gesäuge widmet, so sollte auch in dem großen Heldenepos des Goethe'schen Lebens ein feierlicher Hymnus verkünden, „wie die Mutter sich herrlich einst vorgetan unter den Frauen." „Wie in ihr das allgemeine Muttergefühl gegen einen Sohn, gegen ihren Erstgeborenen sich in eigentümlicher Weise hervortat und zu welcher Gestalt ein solcher Charakter gerade in der Hälfte des vorigen Jahrhunderts sich ausbildete", das sollte der Grundgedanke seiner Darstellung werden, die die merkwürdige Mischung von aufklärerischen und pietistischeit Elementen, von praktisch weiser Lebenskunst und echtem „Sturm- und Drang"-Temparament betont hätte. Aber die Feder zitterte, wenn er der unendlichen Liebe gedachte, mit der die Mutter sein Leben begleitete, und so beschied er sich dahin, die wundersamen Auszüge aus der Familienchronik, wie sie die junge Familien- freundiu, Bettina Brentano, aufgefaßt, int liebenden Herzen verwahrt und endlich in Schriften niedergelegt hatte, zusammenzustellen. Bettina hat später in ihrem „Briefwechsel Goethes mit einem Kinde" aus Briefen, Aufzeichnungen ihr Bild erstehen lassen, wobei eine leichte Wolke romantischer Wirrnis die kernig klaren Konturen ihres Wesens umfließt, und eine noch eigenwilliger persönliche Charakteristik in der Phantasie „Dies Buch gehört dem König" versucht. Das reine unverfälschte Bildnis der Frau Rat, wie sie es selbst gezeichnet, ist uns erst in ihrem gesammelten Briefwechsel geschenkt worden, dessen unvergänglichste Seiten ja durch eine geschickte Auswahl zu einem wirklichen Volksbuch geworden sind.*)
. , ? Die von dem bekannten Leipziger. Prosessor Alb. Köster besorgte, nn Jnselverlage in Leipzig bereits in einer stattlichen An-


