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nicht geradezu empörend, daß sonst ganz ordentliche Frauen und Mütter sich berufen fühlen, irgend Einem, der ihnen auf der Buhne gefallen hat, gleich einen Brief zu schreiben, in dem er als erster Stern ain Kunsthimmel gepriesen wird?
Das heißt nicht nur sich wegwerfeu, sondern auch die Eitelkeit in dem Künstler großziehen, dieses gefährliche Kraut, das so wie so schon reichlich in jeder Küustler- seele wuchert.
Und nun erst gar bedeutenderen Künstlern gegenüber?
Da gibt es Lobhudeleien der schlimmsten Sorte. Geschenke, Blumen, Liebesbriefe, Klagen über den Matten, tiber ein verfehltes Leben, einen Schrei der Sehnsucht nach „Verständnis" und anderen ähnlichen „Kbh!" mehr.
Die besseren unter den Künstlern wissen genau, was sie davon zu halten haben, sie zünden sich im höchsten Falle eine Zigarre mit den blödsinnigen Briefen an. Es gibt aber auch genug Leichtfertige, die aus geschmeichelter Eitelkeit oder ans Lust an Wenteuern sich kein Gewissen daraus machen, mit der Fran, die sie ja förmlich dazu zwingt, ein leichtfertiges Liebesverhältnis anzuknüpfen, das für den Künstler kaum ein Gedanke, für die Frau und für die Familie aber ost ein Schrecken ohne Ende, oft Schmach und Schande ist.
Ich bin iveit davon entfernt, mich aufs Moralisieren zu legen. Was jede Frau tut, muß sie mit ihrem eigenen Gewissen abmachen. Wenn sie sich nicht vor sich selber schämt und das Würdelose ihres Benehmens einsieht, so wird ihr auch wohl niemand diese Würde beibringen können. Eins aber können ivir, nämlich verhindern, daß die künftige Generation die gleiche Bahn wandelt.
Auf dem Wege dazu ist leider unsere heutige Jugend.
Ich gönne der Jugend gewiß jede Freude, auch jede harmlose Schwärmerei. Mag der Backfisch, die hercm- ölühende Jungfrau nun für ihren Klavierlehrer, für einen Theaterhelden oder für die Primadonna schwärmen. So lange die Schwärmerei aus glücksfrohem, kindlichem Herzen kommt, so lange sie nur eine edle Begeisterung für alles Schöne, Große, Hohe und Erhabene ist, hat dieses Schwärmen sogar etwas Rührendes, etwas Heiliges, Wehe aber, wenn diese Schwärmerei Auswüchse zeitigt. Da stehen die jungen Mädchen und warten auf — nein, ich will lieber nicht sagen, auf wen alles gewartet wird — und sind glücklich, wenn ein hochmütiges Lächeln des Künstlers sie grüßend streift. Das Entwürdigende, das für die'jungen Dinger, von denen sich vielleicht viele der Tragweite ihres Benehmens gar nicht bewußt sind, in diesem Warten liegt, scheint keine zu empfinden.
Das ist aber im Verhältnis noch harmlos zu dem Unfug, der mit den Bildern und Autographen der Künstler getrieben wird.
Mit der Schulmappe im Arm dringen junge Geschöpfe in die Wohnungen der Schauspieler und betteln, daß der Künstler seinen Namen auf die Photographie schreibt, die sie sich von ihrem saner ersparten Taschengelde gekauft haben. Auch Blumen werden gekauft und den Künstlern ins ■ Haus gesandt oder auf die Türschwelle gelegt.
Der neueste Sport der Backfische ist, Visitenkarten der Künstler von den Türen der Wohnungen zn reißen, um sie gewissermaßen als Siegestrdphäen den Gespielinnen zu zeigen.
Ist «in solches albernes und doch auch wieder schamloses Gebaren eines deutschen Mädchens würdig?
Zur Ehre der jungen Mädchen will ich annehmen, daß sie keine Ahnung haben, in welche Gefahr, in welchen Ruf und in welche Verlegenheiten sie sich durch ihre sog. „Kunstschwärmereien" bringen, aber die Eltern, die einen solchen unerhörten Unfug dulden, die legen so den Keim in die Kindesseele, daß die Backfische von heute einst pflicht- vergesseue und unglückliche Frauen werden.
Man erinnert sich noch der Episode vor einer Reihe von Jahren in Dresden, wo die Töchter angesehener Eltern und zahlreiche Amerikanerinnen einem Sänger, der früher in Leipzig einige Jahre gewirkt hatte, die Pferde aus- spanntcn und ihn im Triumph nach Hause fuhren, bis an die Knie mit den weißen Kleidern im Straßenschmutz versinkend.
Es ist traurig genug, ivenn erwachsene Mädchen und reife Frauen den sog. Künstlerraptus haben und mit Hintansetzung aller Würde glauben, sich Künstlern iiud^Mnst- lerinnen aufdrängcn zu müssen, wenn aher die Jugend,
die ganze herrliche, schölle, hoffnungsfrohe Jugend, der Jungfrau schönsten Sch,nuck, die Schamhaftigkeit, beiseite wirst und blindlings in ihr Verderben rennt, dann muß man dagegen einschreiten.
Darum braucht man seinen Kindern nicht den Enthnsiasinus für die Kunst und für die Künstler zu nehmen. Laßt die Jugend schwärmen, so viel sie will, Und nehmt Anteil daran, aber dem Unfug, der sich um die Person des Künstlers rankt, muß ment mit aller Energie entgegentreten.
Die Künstler werden nicht darunter leiden. Jin Gegenteil, sie werden frei anfatmen und noch immer Gelegenheit genug haben, Bewunderung und Anbetung, wenn auch in anderer Form, entgegen zu nehmen. Wir aber, wir werde,l in unseren Kindern echte deutsche Mädchen erziehen, mit freiem Blick für das Schöne und Große, ohne krankhafte Sentimentalität und hysterische Schwärmerei. Wir werden Mädchen erziehen, die niemals bas werden können, was leider so viele sogenannte Kunstentyusiastinueu sind: Würdelose Frauen.
Der Zar mutz Zahlen...
In der „Revue" setzt ein in russische Hofverhältnisse Eingeweihter, der sich unter den Initialen eines Fürsten S R. G. verbirgt, feine Mitteilungen aus der Umgebung des Zaren fort, und er erzählt dabei einen Vorfall, der charakteristisch ist sowohl für die Gerechtigkeitsliebe! des Zaren, wie für die Art, in der Witte mit seinem Herrn zu verkehren wußte. In Paris lebte ein junger Russe, ein Fürst Kolschubey, der seine Lebensfreude mit feinen Einnahmen durchaus nicht in Einklang zu bringen tvußtel und Schulden über Schulden machte. Eines Tages wurde bekannt, daß dieser junge Fürst, dessen Kredit allgemach auf den Nullpunkt gesunken war, vor einer glänzenden Heirat stehe: er würde ein naher Verwandter des Zaren werden. Und in der Tat, bald darauf führte er die! Tochter des Herzogs von Leuchtenberg zum Altar und verließ Paris. Allein auch die Heirat schien die Geld- schwierigkcit des jungen Fürsten nicht zu beseitigen, denn wenige Jahre später schon schritt er dazu, seine Ländereien im inneren Rußland zu verkaufen. Damals, wie selbst noch heute, bildeten die Bauer „die b e st e n L a n d - kauf er. Durch Notwendigkeit und durch eine wahre Leidenschaft für eigenen Grundbesitz getrieben, kauften sie Land zn Preisen, die weit hinausgingen über den wirklichen Wert des Bodens. Allerdings zahlen sie nicht selbst, sondern die Bauernbank, jene staatliche Institution, die zu dem Zwecke gegründet wurde, der ärmeren Landbevölkerung die Erwerbung von Grundbesitz zu ermög- lichen. Die Bauern akzeptieren dabei in naiver Skrupellosigkeit die unglaublichsten Kaufbedinguugen, immer mit dein heimlichen Hintergedanken, den Staat doch erst dann zn bezahlen, wenn sie einmal dazu in die Lage kommen. Die Zukunft ist ungewiß, die Zeiten können wechseln, große Umwälzungen kommen, und seit 50 Jahren träumt der russische Kleinbauer den Traum von der „Aufteilung des Bodens". Viele russische Großgrundbesitzer haben diesen Stand der Dinge schlau ausgenntzt und ihre Läudc-s reien zn verhältnismäßig hohen Preisen veräußert. Auch der junge Fürst Kolschubey zählte zn ihnen. Er schätzte! seine Ländereien auf 9OOOOO Rubel, und der Mir nahm an, ohne zu handeln. Ein Kaufvertrag wurde abgeschlossen und mit ihm in der Tasche ging der Fürst zu dem damaligen Leiter der Bauernbauk, dem Fürsten Obolensky, und ersuchte um Auszahlung der Summe. Fürst Obolensky wies ihn schlankweg ab und berief sich ans die vom Kaiser genehmigten Satzungen der Bank, die vorschreiben, daß die Bank nur daun bezahlen darf, wenn eine Kommission eine ordnungsgemäße Abschätzung des Bodens vorgeuom- men hat, um die Bauern vor Uebervorteilungen zu bewahren. Fürst Kolschubey eilte empört zu seiner Schwieger- mutter und beschwerte sich bitter über den Fürsten Obolensky. Die Herzogin war entrüstet. Das nächftemal, da sie bei!» Zaren dinierte, brachte sie die Angelegenheit zur Sprache. Das geschah im Billardsaal, während Nikolaus Il<


