Ausgabe 
11.5.1908
 
Einzelbild herunterladen

M8

BT

BSf

UMW

vro

:-'

W

Wirket, so lange es Tag ist.

Roman von Maximilian Böttcher.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Friedheim strich sich mit der weißen, wohlgepflegten Rechten, ün deren Ringfinger er Mei schmale Goldreife trug, über den großen, schwarzen Schnurrbart, und ein Lächeln leiser Verlegenheit huschte über seine scharfgeschnittenen Züge.

Es ist eine etwas gewagte Bitte, die mich zu Ihnen führt." K« ließ den Blick seiner großen, dunklen Augen, aus denen Geist und durchdringender Verstand sprühten, einen Moment forschend auf Heinz Vollraths Antlitz ruhen und fuhr dann in seiner verbindlichen, äußerst sympathischen Art zu reden fort: Mein Sohn, dessen Gesundheit nicht die festeste ist, und den ich deshalb auf Anraten der Aerzte vor etwa Jahresfrist aus dein Askauischen Gymnasium in Berlin habe wegnehmen müssen, bereitet sich zu Hause auf die Maturitätsprüfung vor. Er ist ungewöhnlich begabt ganz ohne väterliche Eitelkeit ge- sprvchen, auch sehr gutartig, hat sich aber kürzlich mit dem Hauslehrer, der ihn seit dem Abgang von der Schule auf Fichtenhöhe unterrichtete, so bös überworfen, daß ich den Herrn bitten mußte, uns zu verlassen. Die Schuld an dem Streit lag wohl auf beiden Seiten, wenn auch allerdings. . . Doch um es kurz zu machen mein Sohn hat sich nun in den Kbps gesetzt, er möchte seine Studien unter Ihrer Seitens, Herr Pastor, weiterbctreiben, vorausgesetzt natürlich, daß Zeit und Neigung Ihnen gestatten, im Nebenamt noch ein wenig Magister zu spielen. Da Werner so heißt mein Sohn auf dem Askanischen Gymnasium bereits ein paar Monate hin­durch die Bänke der Unterprima gedrückt hat und auch sonst, bei notorisch vorhandener Strebsamkeit, im letzten Jahre ganz tüchtig vorwärts gekommen ist, so wäre wohl ein schematischer Unterricht nicht mehr unbedingt von Nöten. Werner bedarf wie er mir sagt> nur einer sicheren Hand, die ihm die Direktive für seine Arbeiten gibt, und eines erfahrenen, seiner Kenntnisse gewissen Verstandes, der ihm den rechten Weg durch alle Fehler und Unklarheiten zeigen kann. Doch Sie, der Sie ja das Hindernis deS Abituriums und darüber hinaus noch manches andere Examenhindernis wie ich hörte: spielend genommen haben, werden meines Sohnes Schmerzen ent­schieden von selbst besser verstehen, als ich sie Ihnen schildern kann; denn ich habe leider nur das einjährige Zeugnis einer Realschule erobert, und auch das noch mit Mühe und Not."

Der Kommerzienrat Friedheim schwieg, und wieder richtete er seine Augen, aus denen, während^ er von fernem Sohne gesprochen, Warmherzigkeit und starkes väterliches Ge­fühl geleuchtet hatten, forschend auf das Antlitz des jungen Geistlichen.

Der sah sinnend ins Beete; eine ganze Flut einander wider­streitender Gedanken und Empfindungen ergoß sich durch seine Brust. War es sein Schicksal, das ihn in Isabellas, Nähe tief, dasselbe Schicksal, das ihn schon am Tage seiner Heimkehr

mit dem schönen Mädchen zusammengeftihrt? Und wenn cfl dem lockenden Ruf folgte, zu welchem Ziel würde der Weg gehn? Zu Glück uud Freude? Zu Enttäuschung und Leid? Zu Enttäuschung und Leid", warnte die altvertraute Stimm« in- ihm, die er noch nie völlig zum Schweigen gebracht hatte-. Schon wollte er das gestellte Anerbieten ablehnen, da wart es ihm bei einem flüchtigen Blick in Friedheims Gesicht, als sähen ihn nicht dessen, sondern Isabellas dunkle Augen an. Und er konnte der Sockuug nicht mehr widerstehen.

Ich bin bereit, Ihrem Sohne zu dienen", sprach er, und seine Stimme vibrierte leise;doch werde ich mich täglich nur eine Stunde, höchstens einmal zwei Stenden für ihn frei- nmc&cn können."

Der Kommerzienrat erhob sich und streckte .Heinz mit int- pulsiver Bewegung die Hand entgegen.

Nehmen Sie vielen Dank für Ihre Freundlichkeit, zu­gleich in Meines Sohnes Namen, Herr Pfarrer. Und nun will ich nicht länger stören, liefet Ihre Honoraransprüche, den Stu«--, denplan und den sonstigen modus procendendi haben Sie wohl die Güte, mir recht 6alb schriftlich Ihre Vorschläge zu machen."

Er drückte Heinz nochmals die Hand und ging, Hut und Stock aus der Ecke beim Fenster zu holen. Jetzt erst^ hatte Heinz Gelegenheit, zu sehen, daß er auf deut linken Fuß stark lahnt ging.

Die Folge eines unglückliche» Sturzes mit deut Pierde, sgate der Kommerzienrat, als hätte er Vollraths Gedanken er­raten.Doch meine Reitpassion wird wahrscheinlich drum nicht eher nachlassen, bis sie mich mal den Hals gekostet hat. Also auf baldiges Wiedersehen, nicht wahr? Ich habe die Ehre." Er- verneigte sich, und verließ, sich fest auf seinen Stock stützend, das Zimmer. -

Als die Tür hinter ihm ins Schloß gefallen war, fühlte Heinz das Bedangen, ihm nachzueilen und das gegebene Wort mit irgend einer Entschuldigung zurückzunehmen. Aber leuch­tend und lockend erwuchs wieder vor seinem geistigen Auge Isabellas holdes, verführerisches Bild.

Sechstes Kapitel.

Seins fand durch die Erfahrung bald^ vollauf bestätigt, daß der Kommerzienrat ihm über seinen Sohn nicht zuviel Rühmens gemacht hatte.

Werner war in der Tat ein ungewöhnlich begabter Jüngling, der nicht nur das, was 'es für die Maturitätsprüfung zu lernen galt, mit spielender Leichtigkeit erwarb, sondern auch für solche ethische und philosophische Fragen, die oft nod) reifen Männern Bücher mit sieben Siegeln bleiben, ein frappierend scharfes, gewissermaßen intuitives Verständnis an den Tag legte. Da­zu kam, daß er starke musikalische Fähigkeiten besaß, fast jedes Musikstück, das er einmal gehört, aus dem Klavier nachzu­spielen vermochte, mit einem Anstrich von Virtuosität die Vio­line incifterte und sich auch auf dem Gebiet der Lyrik mit Fein­sinn und großem Formtalent betätigte.

Gerade dieser Ueberfluß von Gaben aber, mit denen die Natur ihn ausgestattet, brachte es mit sich, daß sein Geist flüchtig und zerstreut über die Oberfläche der Dinge hinhuschte.