Ausgabe 
10.2.1908
 
Einzelbild herunterladen

92

* David der Darf n e r. Der bekannteL. P." (Ludiv. Pietsch) schreibt in derBoss. Ztg.": Unter allen den geschicht­lichen Gestalten, die von den sinnreichen Psychologen, Physiologen und kulturhistorischen Forschern der Schule des berühmten Meisters Dr. Magnus .Hirschfeld als normwidrig erkannt worben sind, verniisse ich bisher noch immer die des einen, der zu den meist- genanuten, durch Sage, Poesie und Kunst mehr als alle anderen verherrlichten gehört: den König und Sänger in einer Person, David, den Herrscher über Juda ünd Israel, den Poesie und Musik liebendenHarfner". Zwar scheint gegen solchen Verdacht auf ihn noch mehr zu sprechen als die acht Kinder des Fürsten Eulenburg gegen den auf diesen geworfenen. Ist dieser königliche Harfner doch der Vater eines weitverbreiteten Stammes geworden, der sich mit gerechten! Stolz ans seinen großen Ahnherrn der Stamm Davids" nennt. Auch das ziemlich leopoldinische Ver­hältnis zur Frau Urias und die Vorliebe des alternden, fröstelnden Herrschers für zahlreiche Jungfrauen als wirksamste Bett- und Mutwärmer, wovon das Buch der Könige im Alten Testament berichtet, scheint jede Möglichkeit eines Zweifels an seinem nor­malen männlichen Empfinden schlechterdings auszuschließen. Und dennoch hat er leider selbst ein Geständnis abgelegt, über dessen Bedeutung bei den einsichtigen Männern der humanitären wissen­schaftlichen Vereinigung keine Meinungsverschiedenheit, bestehen kann. Dank derjüdischen Presse" seiner Zeit ist diese Selbst­anklage des Harfners ihrem Wortlaut nach für alle Zeiten im Alten Testament unvergänglich in unauslöschbaren Zügen fest- gehalten: in Davids dort überlieferter Wehklage um seinen in der Schlacht gefallenen Freund Jonathan. Lautet sie nicht also: Es ist linir leid um dich, mein Bruder Jonathan. Ich habe meine Freude und Wonne an dir gehabt. Deine Liebe war mir köstlicher als Frauenliebe !" Kann man ein deutlicheres 8reu de und Wonne an dir gehabt." Kann man ein deutlicheres ckeiintnis über die Art seiner Empfindungen ablegen? Selbst wenn des königlichen Harfners Blut in Tr. Bernsteins eignen Adern fließen sollte, er könnte nicht umhin mit voller Ueber- zeugung zu erklären: König David war ein Anhänger der Jünglingsminne!

* Der Geheimbund der Schulmädchen. Aus New- Nvrk wird uns berichtet: Das neue Jahr liegann mit einem energischen Feldzug der amerik. Mütter gegen die Geheimgesell­schaften der Schulmädchen. Die hoffnungsvollen Töchter der neuen Welt haben nämlich eine besondere Leidenschaft für romantische Geheimbündelei und so harmlos das Wesen dieser Verbindungen auch fein mlag, die Mädchen haben die exzentrischen Aufnahme- verfahren von den amerikanischen Studentenverbindungen entlehnt und unterwerfen die Neueintretenden einer Reihe vonPrü­fungen", denen die Nerven der höheren Töchter nicht immer ge­wachsen sind. Tie 16 jährige Julia Mills kam mehr tot als lebendig von ihrerAufnahme" in die Sigma-Gamma-Gescll- «heim, sie brach das gelobte Schweigen, beichtete der er und die entrüsteten Eltern haben sich nun zusammen- getan, um dem Treiben ein Ende zu machen. Tie Schilderungen der Prüfungen, die der kleinen Julia auferlegt wurden, sind ein charakteristisches Beispiel der Methode, mit der die kleinen Amerikanerinnen den Mut der neuen Genossin auf die Probe stellen wollen. Unter allerhand unheimlichen Zeremonien muß die Novize den Oberkörper entblößen, die Augen werden verbunden und dann beginnen die Proben. Die Phantasie der jungen Damen läßt dabei an Erfindungsgabe wenig zu ronnf-djen. Julia Mills begann ihr Examen der Standhaftigkeit damit, daß man ihre Hände in eine Schüssel von Quecksilber tauchte und sie glauben machte,^ es väre geschmolzenes Blei. Dann erhielt sie einen Stoß, sie strauchelte, verlor plötzlich den Boden unter den Füßen uich stürzte in ein tiefes, dunkles Loch. Tas war freilich mit seinen ausgepolstert, aber der Schrecken des jähen Sturzes in ungewisse Tiefen blieb ungemindert. Dann drückte der Tod ihr die Haild ein kalter nasser Handschuh. Dann bot man ihr in eniem! Totenschädel ein übelriechendes Getränk. Tann kündigte man ihr an, daß man sie mit glühenden Eisen foltern werde undbrannte" ein Zeichen ans den Rücken mit einerbeizenden die ans nichts anberent bestand, als einem kleinen Eisftückchen, aber doch den Zweck erfüllte, die Tapferkeit der verängstigten Opfer zu erproben. In halb hysterischem Zustande wankte die Aermste nach Hause und ihr Verrat der Schilderung rarer Foltern wird wohl nicht allein das Schicksal der Sigma- Gainma-Gesellschaft, sondern auch das der zahlreichen geheimen .vradchenverbmdniigen bedeuten, die über ganz Amerika ver- brertet sind.

r ®sweindeschullehrer einer niederschlesischen ?iieuiitadt erhielt von deut Vater eines Schülers folgenden Ent- schuldtgimgszettel zugeschickt: Geerter Her Lerer! Ich wollte sie sehr bitten mch so uiedertrechtig zu fein und keine Strafe schreiben denn ich muß meinen Karl morgen bett halben Tag zu Haufe halten, weil ich mit dem Schweine in die Stad fahren mus. hochagtungsfol Klaus Wiegand.

Literarisches.

Königin Luise von Preußen. Für alle, die Königin Luise tioch nicht näher kennen, hat unsere frühere geschätzte Darmstädter Mitarbeiterin, die jetzt in Berlin lebende Schriftstellerin Dr. Ella Mensch in der ©amm« langKulturträger" (Verlag vou Hermann Seemann Ncichf., Berlin NW. 87, Preis 1 Mk.) ein Lebens- und Zeitbild herausgegebeu. Wir entnehmen dieser Darstellung, daß die Anschauungen über Königin Luise heute mehr als je unklar sind und auseinandergehen. . Dem einen ist sie dieheilige Frau", tvie sie z. B. schon in Körners Liedern erscheint, in andereir Kreisen sind immer wieder erneut die schweren Anklagen Napoleons aufgewärmt worden, der ihr ein gut Teil der Schuld au der Katastrophe von Jena und Auer- städt aufbürden wollte. Wir sehen aus Dr. E. Meusch's Buch, daß die Königin ein überaus lebhaftes Temperament besaß, daß sie rasch, oft allzu rasch in Wort und Entschluß war, aber andererseits war sie zweifellos der oberste Schutz- geist deutscher Sache in stürmischer Zeit und kann als solcher auch noch für die heutige Zeit gelten, denn dieGefühls­politik", die man der Königin vorgeworfeu, werden wir immer ivieder nötig haben, um im Gegensatz zu der trägen Kabinettspolitik die besten und zuverlässigsten Instinkte unseres Volkes zu wecken und Wachzubalten. Die Quintessenz von Dr. E. Mensch's Buch über die Königin Luise von Preußen kann mau in die Worte Th. Fontanes zu­sammenfassen:Die moderne Historie weist kein ähnliches Bild von Reinheit, Glanz und schuldlosem Dulden auf, und wir müssen in die Tage des früheren Mittelalters zurück­gehen, um Erscheinungen von gleicher Lieblichkeit (und dann immer nur innerhalb der Kirche) zu begegnen. Königin Luise dagegen stand inmitten des Lebens ohne daß das Leben einen Schatten auf sie geworfen hatte."

Barternhände.

Sah im Krug ich eine Bauernstand, Wie von Heilgen Runen ganz durchrisfen, 9)locht der Bauer, schwach und aitersmüd, Keine doch der kleinen Furchen missen.

Jede Rille spricht von schwerer Tat, Wenn den harten Werktag er durchschritten. Wenn in dumpfen Stunden ungesehen Mit den grauen Sorgen er gestritten.

Jeder Riß ist ihm ein Ehrenmal lind sein Stolz nach schwer durchkämpsten Siege»! Sieht der Alte seine Hände an, Liegt ein Lächeln noch aus seinen Zügen.

6 r n ft Clasen.

Goldene Worte.

Die Welt ist willenlos, nichts tveiter als ein Kreisel, Ten in Bewegung setzt der Letdenschaiten Geißel; Tie Leidenschaften selbst, sie sind Naturgesetze, Ganz unabhängig vom moralische» Geschwatze: Und also ist allzeit so man es recht erwägt Unstrasbar iür sein Tun, was Menschenantlit; trägt.

Aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges.

*

Arbeit bloß um des Gewinnes oder des Lebensunterhalts willen ist Werbearbeit. Riehl.

9llt und Jung sind im Grunde genommen keine Zeit­bestimmungen, sondern Charaktereigenschallen. Wer alt ist, der kam schon alt zur Welt; wer jung ist, der bleibt es bis in die spätesten Jahre. »

Gewissen Menschen ist ein Mann von Kops ein fataleres Ge­schöpf als der deklarierteste Schurke. Lichtenberg.

Rätsel.

Laß nur des Winters Kälte wüten!

Denn meines Wortes Wirkungskraft Wird warme Traulichkeit dir vielen In deines Hauses enger Haft.

Nun schüttle, meines Wortes Zeichen, Und voller Hoffnung kragt dem ©tun: Wird mir das Glück die Hand wohl reichen In dem erwarteten Gewinn?

Gießen. Dr. H.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rätsels in voriger Nummer:

Tellheim.

Redaktion: P. Witt ko. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lange, Gießen.