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andern. Dann ging die Verlosuri gslistenwüt an. Tina war ganz verwirrt vor Aufregung und beging die größten Konfusionen. In der Marienburger Liste suchte sie nach Rostocker Losen, die Pferdegewinne in Dresden suchte sie beim Roten Kreuz; sie wußte nicht mehr aus uoch ein. Dabei konnte ich mit der Zeit endgültig feststellen, daß sie allüberall auf das herrlichste durchgefallen war.
Ich wollte es uoch einnial mit Güte versuchen, setzte mich eines Abends hin und rechnete den Betrag der Los- einkänfe zusammen. Das Resultat erfüllte mich mit Schaudern. Ich sprach ihr von der Zukunft, wie ich nicht ruhig sterben könnte... sie wurde weich, versicherte mir mit Hand und Mund, den Spielteufel endlich von sich abzuschütteln.
Ich war ebenfalls gerührt und dankbar und schenkte ihr in dieser Stimmung ein schönes Stück Leinwand, da ich bemerkt hatte, daß meine Oberhemden schon anfingen, recht schadhaft zu werden.
Am anderen Tag, ich hatte gerade meinen Urlaub angetreten, gingen wir spazieren. Albertine war fröhlich, guter Laune, wie brave Menschen immer sind, die sich zu einem Entschluß durchgerungen haben.
Plötzlich blieb sie vor einer Tür stehen. . . vor einer Tür mit einem großen, gelben Plakat:
„M a st v i e h - Au s st e l lu n g".
Darunter stand: „Mit großer Lotterie verbunden".
Ihre Augen weiteten sich . . . abwechselnd wurde sie blaß und rot. . . Der Busen hob und senkte sich, scheu sah sie nnch von der Seite an.
Ich erschrak — es schien doch wieder ein Anfall zu kommen.
„Ueberwinde, Albertine," flüsterte ich, „überwinde, komm nebenan ins Cgsö, ich laß dir ein Eisbaiser geben; das wird dich beruhigen, komm, Alte, daß der Teufel dich nicht wieder umgarnt."
Halb zog ich sie, halb folgte sie mir, wir saßen im Cafe, ich bei einer Tasse Bouillon, sie beim Eis.
Sie war sehr still; ich suchte sie angenehm zu unterhalten, tadelte die Bouillon, die sie zu Hause so prachtvoll herzustellen verstand... sie genoß mechanisch die Erquickung, die sie sonst so sehr liebte, augenscheinlich in tiefe Gedanken verloren.
Plötzlich stand sie auf und bat mich, sie für wenige Minuten zu entschuldigen, da sie in einem benachbarten Laden einen kleinen Einkauf erledigen wolle.
Ich durchblätterte einige illustrierte Zeitungen und trank die dünne Brühe aus — da trat sie schon wieder herein mit geradezu friedlichem Gesichtsausdruck; es war, als ob sie von einer schweren Last befreit sei.
Darauf zahlte ich und wir gingen heim.
Sie raschelte viel an ihrer Kommode herum; weiter fiel mir nichts auf.
In den nächsten Tagen war sie ungewöhnlich heiter — eines Morgens, kurz nachdem sie aufgestandeu war, kam sie an den Kaffeetisch und sank mir erregt in die Arme.
„Friedrich," schluchzte sie, „verzeih', daß ich dich hinter- gangen, aber endlich ist doch das Glück bei uns eingekehrt, endlich . . . neulich im Casö, da kam es wie eine Ahndung über mich — Albertine sagt immer Ahndung — du weißt doch, die Mastvieh-Lotterie, ich lief schnell nebenan, kaufte ein Los . . . und nun hier . . . eben ... die Zeitung, sieh! — Hermann! gewonnen! Nummer 777, da stehts fett gedruckt: Ein Hauptgewinn! O das Glück, das unmenfchliche Glück!"
Das stimmte nun wirklich; sie schleppte das Los herein. Richtig! Nummer 777 ......
Was halfs? Da durfte von Aerger nicht mehr die Rede sein, vielleicht ist daraus nun wirklich ein Posten Geld gefallen. Also so schnell wie inöglich hinaus uach dem Ausstellungsplatz, der ganz im Osten der Stadt lag — eine Stunde Omnibusfahrt.
Tie Sache stimmte.
Das Los wurde vorgezeigt: Nun-mer 777, ein Haupt-? gewinn.
Im Triumph wurden wir nach dem Stall geführt. Dort stand er. . . der Hauptgewinn, groß, grau, zottig, mit starken, gewundenen Hörnern: Ein Zuchtziegenbock!
Ich war sprachlos. Albertine auch — und das will viel sagen!
Entsetzen lahmte unsere Zungen. Aber nur einen Augenblick, denn schon wurden uns Angebote gemacht.
„Merzig Mark", sagte schüchtern ein Händler.
Ein niederschmetternder Blick meiner Fran traf ihn, gleichzeitig ein Rippenstoß mich.
„Komm, Friedrich," sprach sie, „wir nehmen ihn gleich mit uach .Haus."
Sie träumte sich in diesem Augenblick Herdenbesitzerin.
Eine Gepäckdroschke wurde geholt, der Bock an Händen und Füßen — ach nein, Verzeihung! nur an den Füßen, gebunden — aus das Verdeck geschleppt.
Drei Mark fünfzig kostete die Droschkenfahrt.
Die Kunde unseres „Glücks" verbreitete sich riesenschnell.
Am anderen Tage lag von unserem Milchmann ein Gebot von achtzig Mark vor.
Ich hätte es gern akzeptiert, aber Albertine saß mit denk Ziegenbock aus hohem Pferde und refüsierte stolz.
Wir hatten für den vierbeinigen Logiergast keinen Raum, auch machte er viel Unruhe im Haus, von anderen Unannehmlichkeiten ganz zu schweigen. Eine gute Bekannte meiner Frau wollte zwar gehört haben, Ziegenmilch sei etwas sehr Gesundes — Ziegenmilch vom Bock —- wir gaben ihn aber doch in Pension an einen benachbarten Pferdestall ab und zahlten täglich 50 Pfg. Futterkosten.
Rach etwa zehn Tagen kam der Besitzer des Pferdestalles in heller Verzweiflung und Empörung und kündete uns die schleunige Zurücksendnng des Ziegenbocks an, da er sich damit vergnüge, den edlen Rossen die Schwänze abzubeißen. Die Ziegenböcke scheinen das so an sich zu haben.
Wir suchten lauge in der Nachbarschaft, bis wir ein Unterkommen für das eigentümliche Prachtexemplar in einer leeren Wageuremise fanden.
Die Luft schien ihm aber da gar nicht zu bekommen, das Böcklein erkrankte, Hausmittel halfen nicht, und uns blieb nichts anderes übrig, als den gehörnten Patienten nach vierzehn Tagen in die Tierarzneischule zu befördern.
„Ein bedenklicher Fall," so hieß es sofort.
Der Zustand wurde täglich trauriger, „hoffnungslos", sagen die Aerzte: er hätte schlechtes Futter bekommen.
Albertine ringt die Hände, aber auch das hilft ihr nichts . . . . das Hornvieh stirbt.
O Tag des Herzeleids, Tag der Enttäuschung.
Man gibt uns den Rat, den Zuchtbock ausstopfen zu lassen, um ihn nachher als Rarität zu verkaufen.
Ich gehe zu einem Präparator, der die Kosten mit etwa fünfundzwanzig Mark beziffert, doch eine Erhöhung dieses Betrages als möglich hinstellt. Ich erteile ihm den Auftrag.
Die genaue Rechnung beträgt dann fünfundneunzig Mark.
Ich verweigere empört die Bezahlung.
Der Mann verklagt mich; ich verliere den Prozeß; Kostenpunkt inklusive Gericht und Anwälte einhnndertund- fünfzig Mark.
Inzwischen ist der Sommer ins Land gekommen. Ich lasse das unselige Tier auf den Boden bringen, damit wir's nicht täglich vor Augen haben.
Wohlmeinende Freunde, die von unserem Unglück hören, trösten uns und sagen, daß solche Prachtexemplare, gut ausgestopft, gern gekauft werden! Der Herbst wäre! die richtige Saison dafür.
Wir fassen frischen Mut und erlassen in den gelesensten Blättern eine Annonce.
Das kostet wieder eine Menge Geld.


