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Dsnnerstag den 8. Oktober
1908 — Nr. 158
Kvimrnal-Roman von E. Gaborian.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Nun, wie sah er denn aus) dieser Betrunkene? begänn rr wieder.
Es tont ein groher und dicker Papa, von recht gesunder Rote, mit grauem Backenbart, breitem Gesicht, kleinen Augen, breitgequetschter Nase, von recht dummem und gemütlichem Aussehen.
Für wie alt haben Sie ihn gehalten?
Vierzig bis fünfzig Jahre.
Haben Sie eine Idee, was' er sein mag?
Na, dieser Biedermann mit seiner Mütze und (enteilt grossen braunen Kragenmantel muß irgend ein kleiner Budiker oder ein Angestellter sein.
Tiefes ziemlich genaue Signalement erhalten zu haben, lvar immerhin etwas wert; Leeoq wollte das Wachtgebäude betreten, als ihm plötzlich noch etwas anderes einfiel.
Ich hoffe doch zum wenigsten, sagte er, das; dieser Trunkenbold nicht mit der Chnpin gesprochen hat.
Ter Wachtmeister lachte laut auf und antwortete:
Nanu? wie hätte er das wohl gekonnt? Die Alte tst doch in einem Gefängnis für sich! Oh, dies Frauenzimmer! Wissen Sie, es ist noch keine Stunde her, daß sie aufgehört hat, zu schreien rind zu schimpfen. Nein, in meinem ganzen Leben habe ich noch keine solchen Grenelwörter gehört, >vie sie uns an den Kopf warf. Man dachte, die Pflastersteine müßten rot darüber werden, sogar der Betrunkene war so verblüfft darüber, bafi er durch das Guckloch in ihrer Tür mit ihr sprach, und sie auffor- dcrtc, stille zu sein ...
Ter junge Lccoq machte eine so fürchterliche Gebärde, datz der Wachtmeister mit Sprechen einhielt.
Nun, was gibt's denn? stammelte er. Sie ärgern sich? Mt- rum? ,,
Weil . . . antwortete Leeoq wütend, weil ...
lind da er den wahren Grund seines Zornes nicht verraten wollte, so trat er in die Wachtstube ein, indent er sagte, er wolle den Gefangenen sehen. _ , .
Allein geblieben, fing der Wachtmeister! setnerfctts an zu fluchen. , , „ ...
Diese Fatzkes vom Kriminal sind im'mer dte>elben, knurrte er, alle miteinander. Sie fragen einen aus, man sagt ihnen alles, was sie wissen wollen, rind nachher, wenn man sie nm rrgeno etwas befragt, antworten sie einem: „Nichts!" oder „Wett . . . Fatzkes! Sie habcn's zu gut, und das macht sie hochnäsig. Keinen Wachtdienst, keine Uniform, freies Atisgrhcn. . . Aber wo ist er denn hingekommen?
Tas Auge an das Guckloch gepreßt, das den Wachtleuten dazu dient, die Gefangenen zu beobachten, betrachtete Leeoq Mit verzehrenden Blickeit den Mörder. Er konnte sich wohl fragen, ob das wirklich derselbe Mann war, den er wenige Stunden zuvor in der „Pfefferbüchse" gesehen hatte, wie er, von allen Furien
des Hasses entflammt, mit hocherhobener Stirn, mit funkeln- dem Auge in der Türöffnung gestanden rind die ganze Patrouille! mit seinem Revolver in Schach gehalten hatte. Jetzt verriet fein ganzes Aeußere die furchtbarste Niedergeschlagenheit, Verstörtheit, Verzweiflung.
Er saß gerade dem Guckloch gegenüber auf einer grobge- zimmerten Bank, die Ellbogen auf die Knie, das Kinn auf di« Hand gestützt, mit starrem Auge und hängender Lippe.
Neiit! flüsterte Leeoq, dieser Mann ist nicht das, lvonach er aiisfieht! Er hatte ihir beobachtet, er wollte auch mit ihm sprechen. Er trat ein; der Mann erhob bett Kopf, warf einen ausdruckslosen Blick auf ihn, sagte aber kein Wort.
Nun? fragte der junge Polizist. Wie geht's? ''
Ich. bin unschuldig! antwortete der Mann mit heiserer Stimm«.
Das will ich gern hoffen . . . aber das ist Sache des Richters. Ich möchte nur mal hören, ob Sie nicht das Bedürfnis habeir, irgend was zu sich zu nehmen.
Nein! !
Aber in derselben Sekunde änderte der Mörder seine Meinung! und fügte hinzu: „ . ''
Immerhin, ich möchte ganz gevn 'nen Happen essen; dazu einen Schluck Wein. ' 1
Sie bekommen es! antwortete Leeoq.
Er ging sofort hinaus rind lief in eine nahe Kneipe, nm einiges zum Essen zu besorgen. „ .
Ter Mörder aß mit dem besten Appetit. Hierauf scheiikte er sich ein großes Glas Wein ein, leerte es langsam iind sagte:
Der ist gut! Das tut wohl, wo's durchläuft k .
Diese Befriedigung enttäuschte den jungen Beamten sehr. Er Hatte, um-d en Mann auf die Probe zu stellen, sich jenes fürchterlich« blaurote, trübe, dicke, übelriechende Getränk geben lassen, das an den Barrieren fabriziert wird, und er erwartete, daß dem ..tot- der zum mindesten davor ekeln würde. Aber ganz und gar nicht. -Uebrigens hatte et keine Zeit, lange darübet nachzudenken Ertt Rasselt: draußen verkündete die Ankunft des grünen Zellen- wagens der Polizeipräfektur. , . ... ^ r ,,
Man mußte die Witwe Chnpin hmetutragen, so fürchterlich schrie sie und wehrte sich: hierauf wurde der Mörder aufgefordert, Platz zu nehmen. Lccoq dachte, daß er doch jetzt wenigstens irgend ein Mißbehagen zeigen würde, und er paßte scharf auf. Nichts « Ter Mann bestieg das abscheuliche Gefährt, als wäre es das natürlichste Ding von der Welt; er machte sich's sogar in seiner Zelle bequem, wie ein alter Gast, der damit Bescheid weiß und tue Stellung kennt, in welcher man sich ntn besten mit dem engen Raum abfindet. „
Ah, der Junge ist schlau! murmelte Leeoq enttäuscht. Aber in der Polizeipräfektur werden wir sehen!
12. Kapitel.
Leeoq glaubte ein Mittel zu haben, wie dem Mörder ein Teil seines Geheimnisses entrissen werden könnte; er war überzeugt — ja, er Hütte seinen Kvpf darauf wetten mögen — datz der Mann in höheren Gesellschaftskreisen gelebt hatte. Daß_ c» demselben gelungen war, Appetit M heucheln, seinen Abscheu, vov.


