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tt sich in elektrischen und Zuckerwerten stark engagiert, und als der letzte Krach kam, mußte er schwer bluten. Und das war noch nicht alles; er hat auch noch auf andere Weise ein gut Stück Geld verloren — das Genauere darüber konnte ich von meinem Gewährsmann nicht erfahren — und alle diese Verluste zusammen ließen einen baldigen Bankerott unausbleiblich erscheinen. Unter solchen Umstanden hat schon nmnch anderer Selbstnwrd begangen, um dem finanziellen Ruin zu entgehen. Aber hier war eine Tochter vorhanden, die, wie gesagt, vor der Miß- achtung, welche ihr der Selbstmord des Vaters zugezogen hätte, bewahrt bleiben und vor allem nicht mittellos zurnckgelassen werden sollte. Die Gläubiger rissen selbstverständlich seine liegenden Güter an sich, und sie konnte betteln gehen. Nur ein Ausweg schien übrig zu bleiben, nämlich eine Lebensversicherung zugunsten der Tochter. Wir fragen bei den Versicherungsgesellschaften an und erkundeten, das; Herr Darrow vor kaum vier Wochen bei verschiedenen Gesellschaften Versicherungen int Gesamtbeträge von beinahe fiinfzigtausend Dollars abgeschlossen hat, während er bis dahin nur mit zweitausend Dollars versichert gewesen war. Warum diese plötzliche ungeheuere (Steigerung? Offenbar doch, um die Tochter sicherzustellen, wenn seine Tat sie seiner eigenen Fürsorge beraubt haben würde. Und nun sehen wir auch klar, warum sein Selbstmord als Mord erscheinen sollte. Er war noch keinen Monat versichert und sah seinen unmittelbaren finanziellen Zusammenbruch vor Augen. Sein Tod mußte also sofort eintreten, und doch war nach unseren Gesetzen, wenn er vor Zahlung seiner zweiten Jahres Prämie Hand an sich legte, die Versicherungsgesellschaft von jeder Verpflichtung zur Zahlung der Versicherungssumme entbunden, so das; der, zu dessen Gunsten die Versicherung abgeschlossen war, gänzlich leer ausging. Damit haben wir nun einen völlig hinreichenden Beweggrund, und der ganze Fall liegt so klar, wie man nur wünschen kann. Natürlich wäre die Lösung noch vollständiger, könnten wir die zum Selbstmord benutzte Waffe finden, aber auch so kann im Lichte der von uns ermittelten Tatsachen kein Zweifel bestehen, daß John Darrow sich selbst das Leben genommen hat mit der Absicht und zu dem Zwecke, die ich eben entwickelt habe."
„Bei meiner Seele," rief Maitland, „das haben Sie schön ausgeklügelt, meine Herren! Haben Sie auch die Abschriften der verschiedenen Versicherungsscheine genau durchgelefen?" „Wozu?" versetzte Osborn. „Wir erfuhren von den Beamten der Gesellschaften, was wir brauchten, und haben unsere Zeit nicht mit überflüssigen Dingen vergeuden wollen." Ein langgezvgencs „hm m" war alles, was Maitland hierauf zu erwidern Hatte. „Wir bedauern," sagte Osborn, sich an Florence wendend, „daß lvir, indem wir unserer Pflicht gemäß der Sache auf den Grund gingen. Sie um das Bersicherungsgcld bringe;: mußten, das Ihr Vater Ihnen wollte zukommen lassen." Florence verbeugte sich, und ein schwaches rätselhaftes Lächeln spielte einen Augenblick auf ihren Lippen; sie antwortete aber nichts weiter, und da auch weder Maitland, noch ich zu fernerer Unterhaltung anregten, so boten die beiden Polizisten guten Morgen und entfernten sich schweigend.
„Ich möchte ein paar Fragen an Sie richten," sagte Maitland zu Florence, sobald sich die Tür hinter Osborn und seinem Begleiter geschlossen hatte, „und ich bitte Sie, im Auge zu behalten, daß meine Nachforschungen, wenn sie auch sehr persönlicher Natur zu sein scheinen, doch nur das eine Ziel verfolgen — dw Lösung dieses geheimnisvollen Rätsels." „Sie haben mir schon gute Beweise von Ihrem zielgerechten Vorgehen" in dieser Richtung gegeben," versetzte sie. „Nur zu gern werde ich Ihnen ,ede Auskunft erteilen, die ich zu geben vermag. Bis dieser Meuchelmörder aufgesunden und meines Vaters guter Name von Dem. darauf geworfenen Schatten befreit ist, wird mein Dasein völlig inhaltsleer, nein, schlimmer als das, es wird eine unaufhörliche Qual sein; denn ich weiß, der Geist meines Vaters kann — falls die Abgeschiedenen die Macht besitzen, auf diese Erde zurückzukehren — unter dem Drucke dieser beschämenden Anklage unmöglich Ruhe findeu." Während sic diese Worte sprach, brach der gewaltige Kummer, den sie bisher so gut verhehlt hatte, auf «inen Augenblick hervor, und ihre ganze Gestalt bebte unter dem Eindruck des übermäßigen Schmerzes. Im nächsten Augenblick aber hatte sie ihre frühere Fassung wiedergewonnen und sagte
"®ie sehen, ich habe alle Veranlassung, so viel Licht, als ich vermag, zur Aufhellung des Dunkels beizutragcn."
„Dann, beantworten Sie, bitte, meine Fragen ganz objektiv und ohne sich iMend welche Gedanken darüber zu machen, warum t chhe stelle. Wie alt war Ihr Vater?"■
„Zweiundsechzig Jahve."
„War er ein Trinker?"
„Rein."
„Hat er Karten gespielt?"
„Ja."
„Poker?"
„Ja, und noch verschiedene andere Spiele."
„War er ebenso interessiert dafür wie für Krocket?" „Nein, Kwcket ging ihm über alles außer Schach"- „Spielen Sie Schach?"
„Ja, ich habe viel mit ihm gespielt."
„Wie war sein Spiel?"
„Ich verstehe Sie nicht. Er spielte gut; mein Vater liebte es ni-<tz in irgend etwas ein Stümper zu bleibm."
..'C'-'P wollte nur wissen, ob er einen Plan langsam und vorHchtig ausführte, oder ob er mehr ein rascher, wie man zu sagen pflegt, „brillanter" Spieler war."
„Ich denke, Sie würden ihn zi; den brillanten gerechnet haben." „Hm! Wie alt sind Sie?"
„Zweinndzwanzig." '
"Wie war eigentlich Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater?"
„Wrr Ivaren fast beständig bei einander. Meine Mutter — Usp aad mein Vater waren ein sehr ungleiches Paar und paßten schlecht zusammen, kurz, cs war eine unglückliche Ehe, und da sie dies erkannten und einander das Dasein nicht länger ver- bitterii wollten, so beschlossen sie verständigerweise, sich zu trennen, ^ch war damals vier Jahre alt. Sie schieden ohne jeden Groll voneinander, und ich blieb beim Vater. Er war sehr liebevoll gegen mich und ließ mich von niemand sonst unterrichten. Seine Bibliothek stand mir stets zur Verfügung, und er lehrte mich, den rechten Gebrauch davon zu machen. Wir waren immer beieinander, und unser, beider Leben war so ineinander verwoben, daß" — die Stimme versagte ihr, und ihre Augen füllten sich mit Träum. Maitland, der anscheinend ihre Erregung nicht bemerkte — so sehr war er in das Niederschreiben des Gehörten venieft stellte schnell eine Frage, die sie von ihrem Kummer ablenkte.
„Ihr Vater schien gestern abend ein Vorgefühl von einem drohenden Unheil zu haben. War das häufig der Fall?"
„In letzter Zeit, ja. Er hat mir sechs- oder siebenmal erzählt, er habe den gleichen Traum gehabt, daß ein Mörder nach ihm aus den: Dunkeln stoße."
„Fiel Ihnen bei einer dieser Gelegenheiten irgend etwas auf, das Sie jetzt glauben läßt, diese phantastische Erzählung sei die Ausgeburt einer geistigen Krankheit gewesen?"
„Nein."
„Erzählte er den Traum immer in der gleichen Weise?"
„Nein, auch nicht zwei Träume glichen einander außer in dem einen besonderen. Punkte, daß darin ein unsichtbarer Angreifer vor kam."
„War der Eindruck, den diese Träume ans ihn machten, ein langdauernder?"
„Er erholte sich nie davon, und jeder neue Traum bestärkte ihn in der Ueberzeugnng, daß es sich nm die Vorahnung eines wirklichen Unglücks handele. Als ich ihm diese Ansicht einmal auszureden versuchte, sagte er: „Florenee, es ist ümsonst; ich irre mich nicht. Wenn es einmal vorbei ist mit mir, wirst du erfahren, warum ich meiner Sache jetzt so sicher bin, — ich kann dirs noch nicht sagen, es würde nur" — hier brach er ab, wandte sich jählings zu mir und sagte mit-einer Wildheit, die! seiner Gemütsart sonst ganz fremd war: „Haß liegt nicht in meiner Natur, aber gegen den Mann empfinde ich einen geradezu unerbittlichen Haß! Bin ich ein guter Vater zu dir gewesen, Florence? Nun, dann versprich mir" — und er faßte mich am Handgelenk — „versprich mir, wenn ich ermordet werde, ich kann ebensogut sagen, sobald ich ermordet worden bin — wirst du den Mann, der meinen Mörder der Gerechtigkeit überliefert! — der Gedanke, er könnte ihr entgehen, sei verdammt! — als deinen besten Freund auf Erden ansehen! Du wirst ihm nichts abschlagen. Dn wirst später erfahren, daß ich ihm noch eine weitere Belohnung zugedacht habe. Mein Kind, was du diesem Manne schuldest, kannst du niemals vergelten, denn er wird der Seele deines Vaters Rnhe verschaffen. Ich träumte verwichene Nacht, ich käme von den Toten und hörte, wie mein Rächer dich um deine Hand bat. Dn wiesest ihn zurück, und deine Undankbarkeit verdammte meine Seele zu ewiger Qual. Schwöre mir, Florence, du wirst ihm nichts abschlagen, nichts, nichts". Ich versprach es ihm, was ihn sehr zu beruhigen schien. „Das genügt mir," sagte er, „und ich kann nun in Frieden sterben, denn du bist-einc Ausnahme unter den Frauen, Florence, — eine Frau, die ihr Wvrt hält," und er legte seinen Arm nm meine Schulter und zog mich näher an sich. Die wilde Aufwallung war so rasch verschwunden, wie sie gekommen war, und er zeigte sich mir nun wieder als der zärtlichste Vater."
(Fortsetzung folgt.)


