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Nicht allein war, als cti in dem Zeugen, den dieser verhörte, den Mann von der Photographie, Polhte Chupin, erkannte.
. Augenblicklich begriff er die ganze Bedeutung, die Folgen seines Fehlers; vor allem kam cS darauf au, jede Mitteilung, jeden Gedankenaustausch zwischen dem Mann und seiner Frau zu verhindern. Mit einem Satz sprang er auf „Tugend-Toni"' zu, packte sie rücksichtslos am Arm und befahl ihr, sofort hinaus- Angehen.
Aber das arme Geschöpf war ganz verstört, halb ohnmächtig vor Aufregung, und zitterte wie Espenlaub. Sie sah und hörte nichts als ihren Mann. Aber warum wich er vor ihr zurück? Warum warf er ihr so wütende Blicke zu.
Sie wollte sprechen, ihn fragen. Sie sträubte sich also ein wenig gegen Lecoqs Befehl, oh, nur einen ganz kurzen Augen- blick, aber doch lange genug, um Polytes Ausruf zu hören, von deni sie tote vom Blitz getroffen wurde. Als Leeoq dies sah, packte er sie nm den Leib, hob sie Ivie eine Feder empor und trug sie auf den Korridor hinaus.
Der ganze Auftritt hatte nicht einmal eine Minute gedauert, und Segmüller suchte noch nach Worten, um seinen Unwillen lundzugeben, als die Tür schon wieder geschlossen war, und er sich mit Polhte allein befand.
Hetze! dachte Goquet in wohligem Behagen, da gibt'» was Neues!
Da er aber über feinem Nebengedanken niemals seine Pflicht als Protokollführer vergas', so flüsterte er dem Richter die Frage ins Ohr:
Soll ich die letzte Bemerkung des Zeugen ebenfalls uieder'- schreiben?
Gewiß! antwortete Segmüller. Und zwar Wort für Wort, wenn ich bitten darf !
Er schwieg. Tie Tür öffnete sich noch einmal, und> der Gerichtsbote erschien, schüchtern und mit sehr betretener Miene. Er übergab einen Zettel und ging wieder hinaus. Der Zettel war ein Blatt aus Lecoqs Notizbuch; er hatte darauf mit Bleistift den Namen der Frau geschrieben, und kurz, aber deutlich, die von ihr erhaltene Auskunft mitgeteilt.
Der Bursche denkt doch an alles! murmelte der Richter. Tie Bedeutung des eben erlebten Auftritts, der ihni bis dahin nur halb klar gewesen war, sprang ihm jetzt in die Augen. Um so bitterer bedauerte er das Zusammentreffen der beiden Leute in seinem Kabinett. Aber an wen konnte er sich deshalb halten? Nur er, er ganz allein war schuld mit seiner Ungeduld, mit seinem Mangel an Vorsicht, als er, nach der Absendung des Gerichtsboten, Polhte Chupin hatte vorführen lassen!
Da er indessen nicht ahnte, welch einen außerordentlichen Einfluß der Vorfall auf den Gang der Untersuchung ausüben sollte, so beunruhigte er sich nicht übermäßig deswegen, und dachte -nur daran, die wertvolle Mitteilung des Kriminalbeamten ans- Mnutzen. Er sagte also zu Polhte:
Fahren wir fort! _ .
Der Bursche machte eine sorglos beistimmende Gebärde.. Seitdem seine Frau hinansgebracht war, hatte er sich nicht mehr gerührt, sondern getan, als ginge ihn die ganze, Sache nichts an.
Das war also , Ihre' Fran, die wir hier eben sahen? fragte segmüller.
Ja.
Sie wollte Ihnen um ,den Hals fallen; Sie haben sie zurttck- gestoßeu.
Ich habe sie Nicht zurückgestoßeir.
Also sagen wir meinetwegen, Sie haben sie , von sich fern gehalten; Sie hatten keinen Blick für IHv Kind, das sie Ihnen Mitgegenhielt. Warum?
Das war nicht der rechte Augenblick, an Gefühle zu denken.
Sie lügen. Sie wollten ganz einfach, daß sie sich nicht von der Stelle rühren sollte, während Sie ihr ihre Aussage diktierten.
Ich? Ich habe ihr ihre Aussage diktiert?
Wenn man dies nicht annähme, wären die von Ihnen ausgesprochenen Worte ganz sinnlos.
Was für Worte?
Der Richter drehte sich zu seinem Protokollführer um. und sagte:
Goquet, lesen Sie dem Zeugen den letzten Satz vor. -.
Der Sekretär las mit seiner eintönigen Stimme:
Bis zum Tode würde ich den, hassen, der behauptete, ich Mine Lacheneur.
Nun? sagte Segmüller eindringlich, was bedeutet denn das?
Na, das ist doch leicht zu begreifen!
Segmüller hatte sich erhoben und maß Polhte mit einem jener richterlichen Blicke, vor denen, wie einmal ein Angeklagter sich ausdrückte, „einem die Wahrheit in beit' Eingeweide» rumort".
Genug jetzt gelogen! rief er. Sie befahlen Ihrer Frau, sie solle schweigen, das ist die nackte Tatsache. Wozu? Was kann sie uns Neues erzählen? Denken Sie etwa, die Polizei weiß nichts von Ihren Beziehungen zu Lacheneur, von Ihrer Unterhaltung mit ihm, als er in einem Wagen am Rande des freien Feldes auf Sie wartete, von dem Vermögen, das Sie durch ihn zu erhalten 'hofften? Folgen Sie meinem Rat und entschließen Sie sich, zu gestehen, so lange es noch Zeit ist! Sie begeben sich auf einen sehr gefährlichen Weg. Man kann auf mehr als eine Art Mitschuldiger an einem Verbrechen sein!
Sicherlich bekam Chupins Unverschämtheit einen gewaltigen Stoß. Er schien betroffen und senkte den Kopf, während er ein,! unverständliche Antwort stotterte.
Aber er blieb bei seinem Schweigen.
Segmüller hatte vergeblich seine stärkste Waffe gebraucht und verzweifelte nunmehr am Erfolg. Er klingelte und befahl, den Zeugen ins Gefängnis znrückzufühven, dabei aber alle Vorsicht anznwenden, das; er nicht wieder mit seiner Fran zusanrmenträfe.
Sobald Polhte hinausgebracht war, trat Leeoq ein. Er war ganz verzweifelt, hätte sich am liebsten die Haare ausreißen, mögen.
Ich könnte aus der Haut fahren, daß ich nicht alles, was die Frau wußte, aus ihr herausgeholt habe, als es so leicht war. Ich, ich wußte, daß Sie auf mich warteten, Herr Richter, darum beeilte ich mich und glaubte recht daran zu tun.
Beruhigen Sie sich nur, das Unglück läßt sich wieder gut machen.
Nein, Herr Richter, nein! Wir werden nichts mehr von der Unglücklichen erfahren. Kein Wort ist mehr aus ihr herauszubringen, seitdem sie ihren Mann gesehen hat. Sie liebt ihn mit wahnsinnigster Leidenschaft, er übt eine grenzenlose Macht über sie au». Er hat ihr befohlen zu schweigen und sie wird schweigen.
Leeoq hatte nur zu sehr recht; Segmüller sah dies ein, sobald „Tugend-Toni" sein Zimmer ■ betrat. Die arme Kreatur war ganz zerschmettert vor Seelenschmerz. Wie man leicht erkennen konnte, hätte sie ihr Leben darum gegeben, wenn sie dadurch die ihr in der Dachstube entschlüf-sten Worte hätte uuge- sprochen machen können. Polytes Blick hatte sie erstarrt und iit ihrem Herzen die traurigsten Befürchtungen erwecft. Da sie ihm im Grunde ihres Herzens jedcs Verbrechen zutraute, so dachte sie, ihre Zeugenaussage könnte für ihn möglicherweise das Todesurteil bedeuten.
Sie antwortete daher auf alle Fragen nur „Nein!" oder „Ich lveiß cs nicht", und nahm alles zurück, was sie vorher ansgesagt hatte. Sie schwor, sie. hätte sich getäuscht, man hätte sie falsch verstanden, man verdrehte ihr ihre Worte. Sie versicherte unter den furchtbarsten Eiden, sie hätte niemals von Lacheneur sprechen hören.
Zuletzt, als der Richter ihr gar zu heftig zusetzte, brach sie in ein krampfhaftes Schluchzen aus, in das ihr Knabe, den sie gegen ihre Brust preßte, mit durchdringendem Zetergeschrei einstimmte.
Was sollte man gegenüber einer solchen idiotischen Verstocktheit anfangcn? Segmüller zauderte. Dann gewann das Mitleid mit der armen Frau die Oberhand, und er sagte nach kurzem Besinnen in freundlichem Ton:
Sie können gehen, meine gute Frau, aber denken Sie daran, daß Ihr Schweigen. Ihrem Mann mehr schadet, als alles, was Sie über ihn sagen könnten.
Sie ging, oder vielmehr sie floh von dannen, tvührcud der Richter und der Kriminalbeamte sich ratlos ansahen. -
Ich sagte e@ ja! dachte Goquet. Mais Aktien sind im Steigen. Ich wette fünf Franken auf den Angeklagten.
(Forlsetzung folgt.)
Der Kampf -es Hauses Hessen mit der Denischor-ens- kemmende Schiffenberg um die landerhsheMichen Rechte.
(Schluß.)
Als 1625 Landgraf Ludwig von vmen einen' Landtag nach Marburg ausgeschrieben, erschien auf dem Schlosse daselbst «m| 26. Mai vom „Prälatenstand" der Komtur Friedrich v. Hörde. Bei dieser Tagung haben die Prälaten, Ritter und Landsassew dem fürstlichen Kommissarum angezeigt, „sie hätten sich zusammen- gethau, und über die von nutzerem gnedigen Fürsten und Herren ihnen proponirte Punctcn delibcration gepflogen und ihre onder- thenige gedancken darunter zu Papier gebracht, welches sie beiliegend überreichet und gedeihen, S. F. G. es zu Gnaden annehmen und ihrer sammentlich gnedigcr Landes-Fürst und Herr verpleiben wolle". Die „Verabschiedung" der Partikularlandtage zu Marburg von 1628 sowie zu Grünberg 1629 hat der Kvmtur


