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Herr Lecoq.

Kriminal-Roman von E. Gaboriau.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Während wir hier Warten, sagte er -zu Goquet, verlieren Wir eine kostbare Zeit. Ich will inzwischen den Sohn der Witwe Chnpin verhören. Dann ist wenigstens das abgemacht. Sagen Sie Bescheid, das; cr votgeführt werden soll.

Kaum eine Viertelstunde später betrat Polyte das Kabinett des Untersuchungsrichters. Er War vom Kopf bis zu den Fußen, von der Wachstuchmütze bis zu beit in schreienden Farben ge­stickten Pantoffeln, genau der Mann, des Bildes, das die arme Tugend-Toni" mit so leidenschaftlichen Blicken angesehen hatte.

Nur war das Bild geschmeichelt. Ueürigens war das ein Glück für die Menschheit: cs mußte jedenfalls Polyte schwer fallen, einen Menschen durch sein Aeußeres zu täuschen. Mau brauchte ihn nur anzusehen, und man wußte, tvas für ein Sub­jekt er wa r. 1

Nachdem er die einleitenden Fragen beantwortet, und er­klärt hatte, er sei dreißig Jahre alt, in Paris geboren, nahm er eine selbstgefällige Haltung an und wartete.

Ehe Segmüllcr aber @u den ernsten Fragen des Verhörs überging, wollte er versuchen, erst die Spitzbnbenzuversicht des Burschen ein wenig zu dämpfen. Er machte also in varschem- Ton Polyte auf seine Stellung aufmerksam, gab ihm zu ver­stehen, daß von seinem Verhalten und von seinen Antworten das Urteil in der Sache, devetwegen er in Untersuchungshaft säße, abhängen Würde.

Polyte hörte in nackMssiger Haltung und mit ziemlich ironischer Miene das alles an. Er machte sich in der Tat außerordentlich Wenig ans dieser Drohung. Er hatte sich erkundigt und glaubte genau Bescheid zu wissen. Man hatte ihm gesagt, er könne nicht mehr als sechs Monate Gefängnis kriegen. Na, einen Monat mehr oder weniger, tvas kam es ihm darauf an!

Der Richter las dem Burschen seine Gedanken aus den Augen imb brach seine Ermahnungen ab.

Das Gericht, sagte er nach einer kurzen Pause, erwartet von Ihnen Auskunft über einige Stammgäste, die in der Schenke Ihrer Mutter verkehren.

Ja, da verkehren viele! antwortete der Taugenichts mit wider­wärtiger heiserer schleppender Stimme.

Kennen Sie darunter einen, Namens Gustave?

Nein, Herr! ,

Segmüller ließ die Frage fallen, um nicht Polyte mißtramich zu machen, falls er etwa doch in gutem Glauben geantwortet haben sollte. Er fuhr also fort:

Wenigstens müssen Sic sich aber doch an Lacheneitr erinnern? Lacheneur? Es ist das erstemal, daß ich diesen Namen höre! Nehmen Sie sich in acht! Die Polizei weiß viel!

' Der Bursche zuckte nicht mit der Wimper.

Ich sage die Wahrheit, Herr! Was für'n Interesse sollte >ch habei haben, zu lügen?

In diesem Augenblick Wurde plötzlich die Tür aufgerissen. Tugend-Toni" erschien, ihr Kind auf dem Arm. Beim An­blick ihres Mannes stieß die Unglückliche einen Freudenruf aus und trat schnell -einen Schritt vor. Aber Polyte wich zurück und warf ihr einen fürchterlichen Blick zu, so daß sie wie ange­wurzelt stehen blieb.

Nur ein Feind von mir, rief er in Wütendem Ton, nur ein Feind von mit könnte behaupten, ich kenne einen gewissen Lache- neur. Ms zum Tode würde ich den hassen, der eine solche Lüge sagte. Jawohl, bis Zum Tode . . . und ich Würde das nie ver­zeihen !

27. Kapitel.

Segmüllers Bote, der den Auftrag erhalten hatte, Lecoq überall zn suchen und sofort in das Kabinett des Richters zu führen, hatte sich ohne Säumen auf den Weg gemacht. Der Auf­trag war ihm durchaus nicht unangenehm; cs war eine Gelegen­heit, seinen Posten zu verlassen, ein rechtmäßiger Vorwand, ein bißchen auf der Straße herumzubummelu.

Zuerst begab xr sich nach der Präfektur, selbstverständlich auf dem längsten Wege, den Quai entlang. Aber auf der Haupt- wache, wo er sich erkundigte, hatte niemand etwas von dem jungen Beamten gesehen. Hierauf wandte er seine Auftuerk- samkeit den zahlreichen Kneipen und Weinstuben zu, die in deck Umgegend des Jnstizpalastes sich besinden. Als gewissenhafter Mann trat er überall ein; in einer Kneipe, wo er Bekannte traf, suhlte et sich- sogar zu der Höflichkeit verpflichtet, einen Schoppen zum Besten zu geben. Aber von Lecoq nichts zn sehen und zu hören!

Eilig machte et sich auf den Rückweg, tut wenig unruhig über die lange Dauer' seiner Abwesenheit. Doch gerade als er bei der Eingangstür des Justizpalastes war, kam in scharfem Trabe eine Droschke angefahren. Mechanisch drehte er sich um. O Glück. Aus dem Wagen sah er Lecoq steigen, hinter diesem den alten Absinth und die Schwiegertochter der Witwe Chnpin. Sofort fand et feine Sicherheit wieder und teilte mit wichtiger Mteite dem jungen Beamten den Befehl mit, ihm zu folgen, ohne auch, nur eine Minute zu verlieren.

Der Herr Richter fiat schon xmal nach Ihnen gefragt, sagte er, cr ist über alle Maßen ungeduldig und in fürchterlicher Laune, Sie können sich darauf gefaßt machen, daß er Ihnen ganz ge­hörig den Kops wäscht.

Lecoq lächelte nur, während cr die Treppe fiinaufcitic. Er hatte ja die. glorreichste Rechtfertigung zur Hand. Er freute sich sogar auf die angenehme Ueberraschnug des Richters, dessen zor­niges Gesicht sich gewiß Wie mit einem Zauberschlage aufheitent würde. , , , , ...

Die Redensarten 'des Gerichisdteners soltten tndessen ent sehr unangenehmes Ergebnis haben! Eilig wie er waw |'afi bet junge Beamte nichts Böses dabei, die Tur zu Herrn segmullers Kabinett ohne Anklopstn zu öffnen; leider hatte cr auch noch den fatalen Einfall, die Frau, deren Zeugnis von so großer Be­deutung werden konnte, zuerst hineinzuschieben. Er blieb vot Uebetmschung wie betäubt stehen, als er sah, daß der Richtet