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und Nacht offen zu halten, was mir in der heißen Zeit große Erleichterung verschaffte.
Unsere Besuche konnten wir nur hinter einem doppelten Witter mit einem Zwischenraum von etwa 30 Zeutimetern empfangen und zwar nicht länger als eine halbe Stunde. Diese Besuche, welche sich alle drei Wochen wiederholten, waren für mich sehr deprimierend. Man war gezwungen, die Unterhaltung alle Augenblicke zu unterbrechen, was sehr auf die Nerven wirkte. Nach jedem Wiedersehen kehrte ich sehr angegriffen in meine Zelle zurück. Zugelafsen wurden nur die allernächsten Verwandten, meine Frau war die einzige, die ich sah. Auch unsere Nächsten litten unter diesen Zusammenkünften, ihrer Kürze und der obwaltenden Verhältnisse wegen, ganz abgesehen davon, daß sie oft stundenlang warten mußten, bis die Reihe an sie kam.
Meine Haft war eine strenge Einzelhaft. Den größten Teil meiner Gefährten habe ich nicht ein einziges Mal int Gefängnis gesehen, einige von ihnen bekam ich gelegentlich des Besuchsempfanges zu Gesicht. Mit den anderen politischen Gefangenen kam ich nur auf den Spaziergängen zusammen und konnte mit ihnen einige Phrasen auf den Treppen oder vor den Türen der Zellen austauschen, natürlich ' bei Gefahr einer Strafe. Ihre gute Laune und ihre Festigkeit entzückten mich geradezu; denn ihr Schicksal war 'im Vergleich zu dem meinen wirklich entsetzlich. Aeußerlich lebten sie ebenso wie ich, sie genossen sogar als Untersuchungsgefangene das Privilegium, tagsüber im Bette liegen zu dürfen, während meine Pritsche am Morgen anf- zgehoben wurde, dafür waren es aber Leute, die Jahrelang warten mußten, bis sie gerichtet wurden, Leute, die im besten Falle die administrative Verschickung nach dem fernen Worden erwarten durften — für Handlungen, die in anderen Ländern kaum als ein Verbrechen angesehen werden. Ihr immer ruhiges Aussehen, der liebenswürdige Gruß, mit dem sie sich an mich wandteit, erfüllte mein Herz mit Bewunderung, die ständigen Gedanken an ihre Selben bildeten jedoch das Schwerste, was ich im Gefängnis durchzuinachen hatte. Die Einzelhaft ist,' wie einer meiner Gefährten nach unserer Befreiung sagte, ein zwangsweises Nachdenken; der Verbrecher bleibt allein mit seinem Verbrechen.
Auch ich habe natürlich die Tat, die mich ins Gefängnis gebracht, überdacht. Ich begabt mich meiner Freiheit zu "stner Zeit, da unter dem Ansturm der Mehrheit der dritten Duma die Minister des Krieges, der Marine, der Wege- komunikation und der Volksaufklärung wankten. Man erwartete, daß unsere Nachfolger, die Glieder der dritten Duma, in der Praxis wenigstens, einen Teil des parlamentarischen Prinzips — daß ein Minister, dem das Vertrauen der Mehrheit fehlt, nicht am Ruder bleiben kann — auweuden würden. Also führt der von unseren Nachfolgern gewählte Weg, der dem unserigen diametral zuwiderläuft, sicherer zur Erreichung praktischer Resultate?
Heute wissen wir, daß ein Konflikt mit der Duma das beste Mittel für einen russischen Minister ist, feine Stellung zu festigen, und in dem Augenblicke, wo ich diese Zeilen niederschreibe, wird ganz Petersburg durch die alarmierendsten Gerüchte über die nächsten Schicksale der russischen Konstitution in Aufregung versetzt. Wir haben keine prak- jischen Resultate erzielt, aber die politische Lage hatten mir richtiger bewertet. Wir begriffen, daß das Wesen der konstitutionellen Staatsform nicht durch den Umfang der Rechte eines Volkes charakterisiert wird, sondern durch das Be- wiißtsein, daß das dem Volke überlassene sein Recht ist, Und als solches Sanktion besitzt. Das von uns dem Volke angegebene Verteidiguugsmittel war vielleicht unpraktisch, aber enthob deshalb in keiner Weise das Volk der Pflicht, feine Rechte zu verteidigen, und uns des Zwanges, das Volk auf diese seine Pflicht aufmerksam zu machen.
Vermischtes.
* Entgleiste P hras e n. In einem normannischen Städtchen starb vor einigen Tagen ein Pariser Professor, der dort Sommeraufenthalt genommen hatte. Das Lokalblatt widmete dem Gelehrten einen Nekrolog, der also begann: „Der berühmte Gelehrte X. hat unserer Stadt eine große Ehre erwiesen: er hat Paris verlassen und ist bei uns gestorben." Den „Gaulois" erinnert dieser schöne Nachruf — mutatis mutandis — au jenen Chemiker, der in Gegenwart des Bürgerkönigs Ludwig Philipp ein interessantes Experiment machte und feine Erläuterung mit den Worten begann: „Die beiden Gase werden jetzt die hohe Ehre haben, sich vor Eurer Majestät zu verbinden."
* Das Heiratsalter. Das französische Ministerium hat jüngst Statistiken über das Heiratsalter veröffentlicht, aus denen hervorgeht, daß in Deutschland Witz in Frankreich die meisten Ehen ziemlich spät geschlossen werden, nämlich mit 29 Jahren. Noch um ein Jahr später werden in Dänemark und Schweden die Ehen im Durchschnitt geschlossen. Das Volk, bei dem die Brautleute am jüngsten sind, sind nach dieser Statistik die Serben, für die der Durchschnitt 24 Jahre beträgt.
* Verschärfte Gefahr. Sie: „Sei nur recht vorsichtig, baß du keine Gräten in den 8)als kriegst, Männchen. Erst neulich ist eine Frau auf diese Weise ums Leben gekommen/ und zwar ganz in der Nachbarschaft."
* D i e w a h r e Ku it st. Ella: „Wollen wir die Neue „Modenzeitung" einmal durchsehen?" — Hedda: „Ach, jetzt nicht, die Nehmen wir diesen Abend mit ins Sinfoniekonzert!
Literatur.
— Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte vorn Mittelalter bis zur Neuzeit. Erster Band. Mit über 450 Text-Illustrationen und 50 bis 60 meist doppelseitigen farbigen und schwarzen Beilagen, bestehend aus den seltensten und schönsten Dokumenten zur Sittengeschichte seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Umschlagzeichnung von Heinrich Kleh. Komplett in 20 zehntägigen Lieferungen ä 1 Mk., Verlag von Albert Langen in München. Sie erung 1 dieses mit Spannung erwarteten Prachtwerkes ist soeben erschienen und macht den allerbesten Eindruck. Die moderne Siteratur besaß bisher keine Sittengeschichte der Zeit seit dem ausgehenden Mittelalter. Nun sind aber die sittlichen Anschauungen und Satzungen die bedeutsamsten Erscheinungen jeder Epoche. Denn das Geschlechtsleben offenbart in seinen tausenderlei Ausstrahlungen nicht nur ein wichtiges Gesetz des Sehens, fonberit das Gesetz des Lebens überhaupt. Darum ist die Geschichte des jeweiligen sittlichen Gebarens in den verschiedenen Entwicklungsstadten der Kultur der Hauptbestandteil der gesamten Menschheitsgeschichte. Also war ein solches Werk ein direktes Bedürfnis und daß es gerade Eduard Fitchs ist, der es iius gibt, ist besonders erfreulich. Es dürfte keinen zweiten Autor ut der deutschen Literatur geben, der einer solchen Aufgabe mehr gewachsen wäre als er. Sein wissenschaftliches Rüstzeug garantiert die gediegensten Resultate. Sein Stil ist geistreich und fesselnd, sein timstlerischer Sinn untrüglich, und seine Bilderwahl trifft immer das Interessanteste unb Charakteristische ans der Fülle des Verfügbaren. In per Auswahl der Bilder hat Fuchs auch diesmal Glanzendes geleistet und der Verlag hat keine Kosten gescheut, das Werk zu einem typographischen Meisterwerk zu gestalten.
An- und Einsichten.
Ein gerechtes Urteil über einen Feldherrn, der eine Ent- scheidungsschlacht verlor, gehört beinahe zn den Unmöglichkeiten, weil ihm säst alle unberechenbaren Eingriffe des Znsalls zugerechnct werden. L. Feuerbach.
Rätsel.
Wer mich nicht hat, den höret man
Gar oftmals darum klagen, Und wer mich hat, der suchet mich Wohl schleunigst zu verjagcu.
. Auflösung in nächster Nummer i -
Auflösung des Rätsels in voriger Nummer:
N e ck - a r ° st e i n - a ch.
Redaktion: E, Anderson. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UntvrrsitätZ-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


