»- 555

Die Silbermyrte!

Nein, an den herrlichen Frauenschmuck durfte ich nicht denken.

Wer sollte sie mir wohl ins Haar flechten? Ja, wenn wir einsame Eltern eine Tochter hätten, wenn unsere süße Hedwig uns nicht so früh genommen wäre. Wie lange schlummert sie schon unter den Tannen!

Zehnmal hat der Winterschnee seitdem auf dem kleinen Grabe geruht, jetzt wäre sie zwanzig, wohl selbst schon glück­liche Braut ... es sollte nicht sein.

Dort ihr Bild über meinem Schreibtische und daneben das unseres Jungen. Wie ähnlich es ist, wie die Augen leuchten unb der Mund lächelt! Wie hübsch er ist, o, das sagten die Mädchen schon von ihm, als er noch achtzehn Jahre alt war; mit keinem plauderten und tanzten sie so gern, wie mit ihm, und manche Träne ward ihm nach­geweint.

Der wird sein Glück schon in der Welt machen," sagten die Freunde tröstend, als er uns verließ, undWill's Gott" setzte ich aus tiefstem Herzen hinzu und schickte Stoßgebete zu den Hohen.

Froh und lebendig lauteten seine Berichte, mit wie scharfen Farben schilderte er die Eindrücke der neuen Welt, berichtete er von den Sitten des Landes, mit wie warmen Worten erzählte er von der Stellung, die er gefunden, von dem freundlichen Chef, der eleganten Häuslichkeit und der allerliebsten Tochter Ellen. Er müßte ihr Lehrer im Deutschen werden, schrieb er nach einiger Zeit, und neulich hat er sogar ihr Bild geschickt, dort das holde Mädchen­gesicht mit den großen, sehnsuchtsvollen Augen.

Da gibt's doch gleich was zu kombinieren, nicht wahr, Tünchen?" neckte mein Mann.Das wäre eine Frau für den Jungen, meinst du doch?"

Wie Gott will," sagte ich leise,er ist ja dazu über­haupt viel zu jung."

Nun, ich war auch nicht älter," scherzte der große Rudolf,aber sag' mal, Tünchen," fuhr er fort,was meinst du, wollen wir nicht zuunserem Tage" ein bißchen in die Welt fahren?"

Laß uns hier bleiben," bat ich,hier in dem alten, lieben Hause, das ich vor einem Vierteljahrhundert an deiner Hand betrat, in dessen Mauern ich soviel Freud unb Leid erlebt, laß mich draußen unsere heilige Stätte aufsuchen, laß mich au dem Tage umgeben sein von den Erinnerungen an die Kinder."

Ich hing laut weinend an seinem Halse.

Wie du willst, mein Tünchen," sagte mein Mann tief­bewegt.Dann wollen ivir ein einsames, glückliches Jubel­paar sein, nicht wahr?"

Will's Gott," sagte ich, Atem holend.

Nein, diesmal wirklich- Ivie du willst," fügte Rudolk hinzu, der immer das letzte Wort haben mußte.

* * *

Ein herrlicher Morgen war angebrochen. Ich hatte mich in aller Frühe leise erhoben und war in den Garten gegangen. Die Morgensonne sandte ihre Strahlen durch das lichte Gezweig von Busch und Bausch. Milde war die Luft, windlos und stille; in den Bäuinen ein leises, süßes Zirpen der Vögelchen, die uns auch im Herbst noch ge­treu geblieben; die weiten Rasenplätze grün wie im Sommer.

Selige Stille um mich her und selige Stille im Herzen wandelte ich wie schwebend die breiten Gartensteige entlang; ein neugieriges Rotkehlchen hüpfte über den Kiesweg und sah mich an, als wollte es fragen:Wieso bist du heute schon da, ist denn etwas Besonderes geschehen? Du siehst ja so feierlich aus!" Ja, feierlich war mir auch zu Mute, nicht wunschlos, aber friedevoll und dankbar. Leise summte ich vor mich hin:Bis hierher hat uns Gott geführt," vud wortlos sandte ich meinen Dank zum Höchsten empor.

Mein Mann erschien auf der Terrasse, er sah so sonder­bar erregt aus und winkte mir, hinanfzukömmen.

War es ihm unlieb, daß ich so früh davongelaufen war? Mer er wußte ja von meiner Vorliebe für solche stille Morgenandacht, nun, und unterdessen konnte er ja nach Herzenslust unseren kleinen Salon schmücken, ich hatte ja die heimlichen Konferenzen mit dem Gärtner dennoch gemerkt. Ich folgte feinem Winke und eilte die Treppe hinauf. Da ruhte ich geborgen an der Brust des teuren Mannes.

Mein S-ilberbräutchen," sagte er bewegt,wie konntest du es mit dem alten, griesgrämigen Menschen so lange aushalten?"

Ich schloß ihm den Mund.

Das wird heute ein guter Tag werden, Tnnchen, nicht wahr?"

Will's Gott," sagte ich feierlich und lächelte doch über meine Zauberformel.

Kannst du eine große Freude vertragen, Frauchen?" fragte mein Gatte und führte mich langsam ins Zimmer. Was war das? Tränen in seinen guten, treuen Augen, und wie ihm der Mund bebt und wie ihm die Hände zittern!

Rudolf!" schrie ich auf und Preßte die Hände aus meine wogende Brust,Rudolf, kann es denn sein, kann es denn wirklich sein?"

Er antwortete nichts, seine Blicke zeigten nach meinem Zimmer, die Tür war halb offen, die Blumen dufteten, ich stürze hin zur Tür, reiße sie weit auf

Mutter!" tönt es da jauchzend aus einem bewegten Herzen, liebevoll, sehnsüchtig, und gebreitete Arme strecken sich mir entgegen.

Mein Sohn, mein Rudolf!" schrie ich auf, vor meinen Angen flimmert und leuchtet es, ich habe ihn, ich halte ihn, ich ruhe an seinem treuen Kindesherzen, ich fühle seine warmen Lippen auf Stirn und Wangen, ich werde nicht ohnmächtig, nein, ich meine und lache in einem Atem, und er, der geliebte Mann, steht dabei nud weidet sich an unserer heiligen Freude und putzt immer wieder und wieder seine Brille.

Und dann sitze ich an meinem alten lieben Watz am Fenster, umgeben von Blumen, und mein Rudolf hält mich umfangen, und ich streiche ihm über die gebräunte Stirn und das dunkelblonde volle Haar.

Bist du da?" fragte ich immer wieder,bist du wirklich da, und gerade heute?"

Mutter," begann er dann innig,weißt du noch, Ivie ich als Knabe immer hier bei dir faß, und wie ich dich, wenn du fort gewesen warst, beim Nachhansekommen immer fragte:Hast du mir auch was mitgebracht?" Diesmal ist es umgekehrt, geliebte Mutter, ich bin fort von dir gewesen, lange, lange Zeit, aber es ist zum Guten gewesen, denn ich habe draußen in der Welt mein Glück gefunden, und diesmal habe ich dir etwas mitgebracht, etlvas Liebes und Schönes, etwas, wonach du dich lange gesehnt hast, das dir aber weiter keiner in der großen Welt bringen konnte, als eben ich allein . . ."

Er war aufgestanden und ich hing an seinen Bewe­gungen und dann ging er an die Nebentür, und der Vater trippelte hin und her und ließ die Brillengläser nicht mehr aus den Händen; mir war's, als sähe ich alles durch einen Schleier, als sei es nicht Wirklichkeit, sondern ein schöner, wonniger Traum, und da war er schon wieder, an seinem 9Irm ein zartes, süßes Mädchen mit großen, dunklen Augen int blassen, ängstlichen Gesichtchen, und er brachte sie mir und sagte mit zuckender Lippe:Hier, Mutter, bringe ich dir eine Tochter, habe sie lieb, meine Ellen, meine holde, geliebte Braut."

Meine Mutter", sagte sie in fremdem und doch so lieb bekanntem Laut. Ich ließ sie nicht aus beit Arnten unter Küssen uitb Weinen, bis endlich bet Schwiegerpapa auch bringettb seinen Anteil haben wollte; er meinte, er käme bei allem zu kurz ttnb er verdiente doch wenigstens ein bißchen Dank, daß er so schön zur Ueberraschuitg bei­getragen.