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Ijrfte reden von OPortos Bedentung als Handelsstadt. An mehreren stolzen Kirchen gehe ich vorüber, man ist von Antwerpen noch etwas mit Heiligenbildern übersättigt. Die Bevölkerung ist übri­gens stark antiklerikal, und ein mit uns reisender Benediktiner- pater wollte mich nicht an Land begleiten, weil einige Wochen vorher einer seiner Confratres mit Steinwürfen empfangen wor­den war. .

Ein steiniger Weg, während dessen man bte liebe Sonne bei­nahe hätte verwünschen können, führt zum Domo-User. Steil fällt der Hang zu unfern Füßen ab, wie Kletten klammern sich an ihn die Keinen, schiefwinkligen Häuschen, tief unten walzt sich der Fluß und wie weiße Schmetterlinge gleiten auf ihm bte Segelboote. Zwei Riesenbrücken von kühner Eisenkonstruktion verbinden beide Ufer. Sie mögen Meisterwerke der Technik sein, mir stören sie zu sehr das landschaftliche Bild, und mehr als auf sie sehe ich zur Seite des hohen Straßendammes auf ein lieb­liches Gärtchen, in dem ein großer Orangenbaum seine dunklen Blätter schattend neigt über die klagenden Reste eines stark zer­fallenen römischen Brunnens.

Da hätte ich mich glücklich wieder zum Idyll zurückgesuttden, und um es eifersüchtig sestzuhalten, mache ich Schluß mit Be­sichtigen, flüchte mich in eine kleine Kneipe und lasse mir echtesten Portwein reichen. Wie Purpur leuchtet er im Glas, und nach dem ersten, noch mehr nach dem zweiten, und immer noch mehr nach dem dritten Glas verschwindet die Erinnerung an Brücken, Börse nnd alles Moderne. Liebevoll finden meine Gedanken den Weg zurück zu fleißigen Ochsen und ihren bunt gekleideten Führern, zu Palmen und Sonne und dem fröhlichen Proletariat des Südens. Als ich am Spätnachnrittag wieder_ zum Hafen fahre, wecken die zerlumpten Gesellen am Strand wieder meinen Neid und finden mein volles Verständnis. Ich bin überzeugt, wenn ich ein Kind Oportos wäre, ich läge auch den ganzen Tag im Sand, ich wäre Anarchist und würfe Bomben auf die Eisen­bahn, die Elektrische, auf die Brücken und alles, was mit dem eisernen Tritt des Fortschritts mein Idyll zerstört. ,

Vinho de Porto, wie warst bu schön, wie bist du gefährlich! F u n ch a l b. Madeira, 11. April 1908.

Das Gedächtnis.

Eine Rätselfrage, mit deren Lösung sich die größten Denker und Naturforscher aller Zeiten vergebens abgemüht haben! In neuerer und neuester Zeit haben die Physiologen sich mehr nnd mehr mit rein experimentellen Forschungen beschäftigt, die allesamt darauf hinzielten, eine genauere Einsicht in bett Ban, die Struktur des Gehirns, itt die Funktionen seiner Einzelteile zu gewinnen. Vielfach sind diese mit ebenso bewundernswertem Scharfsinn wie un­ermüdlicher Ausdauer eingeleiteten und angeordtieten Ver- snche von überraschenden Erfolgen gekrönt worden. Aber den Schleier zu lüften, der bisher das Gedächtnisproblem verhüllte, war trotzdem nnd alledem noch feinem Sterb­lichen beschieden.

Wird der neneste Versuch, bett ein gedankenreicher Forscher nnd ein unbefangen beobachtender Arzt untcr- nommen, um hinter das so sorgfältig von der Natur selbst gehütete Geheimnis zu gelangen, uns der Lösung erheblich näherbringen? Diese Frage drangt sich dem Leser der Festrede auf, die Geheimrat Th. Ziehen, der Vertreter der Psychiatrie und der Nervenkrankheiten ntt der Berliner Hochschule, ant Stiftitngstage der Kaiser Wilhelm-Akademie gehalten hat.Das Gedächtnis", so lautet das einfache, inhaltschwere Thema seiner, um es gleich vorweg zit sagen, ungewöhnlich anregenden Abhandlung, in welcher der Vor­tragende einen knappen Heberblick über die geschichtliche Entwicklung des gestellten Problems gibt, um hieran den gegenwärtig durch die physiologische Forschung gewonnenen Stand der Frage scharf zit präzisieren. In dem mehr ge- schichtlichen Teil seiner Darstelluitg gibt sich Herr Ziehen als ein überaus kundiger Führer auf abseits von der wissenschaftlichen Heerstraße gelegenen Gebieten. Er zeigt sich gleich gut bewandert in den Werken der antiken Philo­sophie nnd Dichter, wie in den Schriften der Kirchenväter, der mittelalterlichen Scholastiker nnb der bahnbrechenden Denker der neueren Zeit. Aber er ist nicht bloß ein die Ansichten der Vergangenheit nachregistrierender Archivar sozusagen, sondern auch ein scharfsinniger Kritiker, dem es an mehr als einer Stelle gelingen konnte, überraschende Auffassungsgleichheiten zwischen den Weisen aus alter Zeit und den Forschern in unserer unmittelbaren Gegenwart anfzndecken. Mit lebhaftem Interesse folgt der Leser diesen

Gedankengängen des Vortragenden.

Hngleich bedeutungsvoller ist indessen der eigentlich naturwissenschaftliche Teil der dlbhandlnng. Herr Ziehen! verfährt bei der Verfolgung seines Themas nach ver­gleichenden anatomischen und vergleichenden physiologischen Methoden. In welchen Tierfamilien treten zuerst Erschei­nungen nachweisbar auf, die auf ein Vorhandensein von Funktionen schließen lassen, die matt alsGedächtnis" gelten lassen muß? So gelangt er, die Reihen auswärts durchmusternd, bis hinan ztr dem menschlichen Gehirn und zu beit in ber Großhirnrinde gelegenenErinnerungs- felbern", für deren Annahme auch die anatomischen Tat­sachen sprechen. Es gibt verschiedene Empfindlings--nnd Erinnerungsfelber. Durch gehäufte Erregungen der be- treffenden Nervenelemente, durchHebung" schleifen sich diese Bahnen gewissermaßen aus, sie werden für die be­treffende Erregung besonders leitungsfähig, sozusagenäb- gestimmt". Hieraus erklärt sich dann auch physiologisch das Wiedererkenneii". An die Hnversehrtheit der Großhirn­rinde und der in ihr vorhandenenErinnerungselemente" ist somit das Wiedererkennen gebunden.

Man wird demnach vielleicht nicht mehr von einer einheitlichen FunktionGedächtnis" reden dürfen, sondern von verschieden fungierenden Erinnerungsfeldern, deren pezielle Lage allerdings genau bisher noch nicht ermittelt werden konnte.Unsere latenten Erinnerungsbilder," so drückt sich Herr Ziehen wörtlich aus,sind uns nicht als psychische Prozesse, sondern lediglich als materielle Ver- änderungen gegeben." Mit der Annahmeunbewußter"- psychischer Prozesse hat sich für die Klärung des Gedächt- nisproblems nichts anfangen lassen, während die Lehre von dermateriellen" Natur der lebenden Erinnerungsbilder überall fördernd und aufklärend gewirkt hat. Wenn aber Herr Ziehen noch einen weiteren Schritt wagt, und die Frage auswirft, ob das Gedächtnis der höheren Tiere wirklich so grundsätzlich verschieden sei von den Nachwirkungserschei­nungen, die wir auch auf den niederen Stufen des orga­nischen Lebens und sogar allenthalben auch im anorganischen Leben beobachten, so möchten wir unseres bescheidenen Teiles in dieser Verähnlichung gewisser Funktionen unseres Zentralnervenorganes mit rein physikalischen, das heißt nach Gesetzen der Statik erklärbaren und auch wirklich er­klärten Erscheinungen eine fatale Begriffsverwechselung ver­muten. Doch sei dem wie immer. Der Ziehensche Vortrag ist seinem erkenntnistheoretischen Inhalte nach von her­vorragender Bedeutung. Er ist im Verlag von Ang. Hirsch­wald-Berlin erschienen.

Vermachtes.

* Die Gefahren des Schnürens. Die Reform­bewegung auf dem Gebiete der Franenkleidung hat auch in den wenigen Ländern, wo sie überhaupt so weit Fuß fassen konnte, daß inan im Gesaintbild der Damenwelt ab und zu ein sogenanntesReformkleid" bemerkt, erwiesen, daß in der Praxis die Mode der Hygiene überlegen ist. Man mag sagen: leider! Denn wenn auch über die ^age ber Schädlichkeit des Korsetts viel gestritten worden ist, durste diese doch kaum zu bezweifeln sein. Nach einer Zusammen­stellung der neueren Ansichten darüber, die in der all­gemeinen Wiener Medizinischen Zeitnng erschienen ift, wird vor allem in vielen Fällen die Bleichsucht aus em srnh- zeitiges Tragen des Korsetts zurückznfuhren sem. Matz- gebliche Autoren vertreten diese Ansicht, wenn auch gewiß nicht jeder Fall daraus erklärt werden darf. Daß min- destens sehr häufig durch das Schnüren Chlorose erzeugt wird, erhält dadurch eine Stütze, daß sie bei Mannern überhaupt eine seltene Erscheinung ist, ferner daß M Zapan, wo trotz aller europäischen Tendenzen das Korsett nicht akzeptiert worden ist, die Bleichsucht saft niemals austritt mit Ausnahme der Fälle, wo Japanerinnen vollständige europäische Kleidung angenommen haben. Die nächste Wrr- knng des Korsetts ist eine Behinderung der Zwerchfell-